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Kurzkritik:Flucht ins Theater

Mozarts Singspiel "Zaide" in der Alten Kongresshalle

Von Rita Argauer

Die Flüchtenden richten eine einfache Frage an Allazim, der in der Geflüchteten-Version von Mozarts unvollendetem Singspiel "Zaide" ein Schlepper ist: "Werden wir das überleben?" Die Antwort: "Keine Ahnung." Das ist die Wahrheit. Doch in dieser Version der "Zaide", die mit einem Ensemble aus Einheimischen und Geflüchteten in der Alten Kongresshalle aufgeführt wird, ist das eine Wahrheit, die über die des Theaters hinausgeht.

Die Produktion vermengt Mozart mit den Erfahrungen reeller und aktueller Flucht. Diese Art des performativen Wirklichkeitstheaters ist derzeit sehr in Mode. Doch das Ensemble um Sängerin und Initiatorin Cornelia Lanz schafft eine Produktion, die weit über performatives Wohlstands-Befindlichkeitstheater hinaus geht. Das liegt an dem in kammermusikalischer Feinheit beschwingt musizierenden Orchester. Das liegt aber auch an ein paar sehr klugen theatralen Wendungen. Denn ganz selten wird irgendeiner der Darsteller zu einer Aufgabe gedrängt, deren Ausführung er künstlerisch nicht gewachsen wäre. Vielmehr hat man die Protagonisten singend, sprechend und sogar tanzend doppelt bis dreifach besetzt. Und so wird die Musik zur kommentierenden Ebene für die realen Schicksale der Darsteller.

Doch bevor es zu gefühlig wird, zeigt das Ensemble dann doch, dass man hier Kunst eben macht. Etwa, wenn der großartige geflüchtete syrische Musiker Mazen Mohsen die Koloraturen seiner Arie in arabischen Gesang kippen lässt. Oder wenn in der zweiten Hälfte die Situation ins Gegenteil gekehrt wird und die Deutschen plötzlich die Flüchtenden sind. Da ist dann nichts mehr real und dennoch berührt es ebenso sehr.

Am Ende spielt Shakib Pouya das Harmonium und singt auf arabisch. Der Übertitel verrät: "Mozart hat der Zaide kein Ende geschrieben. Der Ausgang ist unklar." So unklar wie er das für Pouya ist, der gerade selbst gegen einen Abschiebungsbescheid kämpft. Und so fraglich, wie für jene, die sich noch auf der Flucht befinden oder die hier schon ein neues Leben suchen. In einem Land, das 2017 wählen wird, mit ebenso unklarem Ausgang. So nah sind Wahrheit und Kunst sich selten.

© SZ vom 13.01.2017
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