Kurzkritik Filigran phrasiert

Nesrine Belmokhs Trio in der Unterfahrt

Von Oliver Hochkeppel

"Music is my exorcism", singt Nesrine Belmokh in "Bye Bye", einem fast liturgisch den Text wiederholenden Stück. Man glaubt ihr das sofort, wenn man sie beim Auftritt mit ihrem Trio Nes in der Unterfahrt erlebt. Nur selten erzählen Bewegungen, Blicke, Gesten von Sängerinnen so viel. Bei ihr ist es die Geschichte der erfolgreichen Suche nach der eigenen künstlerischen Identität.

Diese Suche führte Belmokh von Algerien über Frankreich in die ganze Welt, wo sie als klassische Cellistin in von Daniel Barenboim oder Zubin Mehta geleiteten Orchestern saß. In Valencia schließlich stieß sie auf den spanischen Perkussionisten David Gadea und den französischen Cellisten Matthieu Saglio. Die unterschiedlichen Strömungen bringt Nes nun so stimmig auf einen gemeinsamen Nenner, dass das Trio derzeit der große Aufsteiger des World-Jazz ist. Da ist das am Flamenco geschulte rhythmische Fundament von Gadea, der gerne mit der einen Hand Schlagzeug, mit der anderen Cajon spielt. Da ist die fantastische Technik von Saglio am normalen und von Belmokh am E-Cello. Und da ist die arabisch-andalusische Tradition mit den typischen Girlanden und gezogenen Tönen, die Belmokh all ihren Kompositionen und ihrem mehrsprachigen Gesang unterlegt, ob es nun stilistisch in Richtung Chanson, Rhythm'n'Blues oder Pop geht. Stets wird mit außergewöhnlicher Finesse und ausgeprägter musikalischer Ökonomie gespielt.

Über all dem thront die grandiose Stimme Belmokhs. Sie kann filigran phrasieren und glockenrein ins Pianissimo, dann wieder mit unglaublicher Kraft ausbrechen und sogar auf eine ganz eigene Art scatten. Und sie hat etwas zu sagen. Zum Beispiel, wenn sie in "Allouane" über eine mutige und selbstbewusste algerische Sängerin der Fünfziger- und Sechzigerjahre singt. Welche Schönheit aus Freiheit entstehen kann, demonstrierte nicht zuletzt die Zugabe: Bill Withers Soft-Soul-Hit "Ain't No Sunshine" als grandiose arabeske Elegie.