Kurzkritik Fabelhaft schön

Golda Schultz' Liederabend an der Staatsoper

Von Egbert Tholl

Schon das Entree hat seinen Reiz. Golda Schultz, Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper, gibt einen Liederabend an ihrer Arbeitsstätte, allerdings im Wernicke-Saal, wo normalerweise geprobt wird. Durch die Tageskasse gelangt man dort hin und fühlt sich gleich einem exklusiven Kennerkreis zugehörig, der aber gar nicht so klein ist; der Saal ist voll. Und klingt sehr gut, sehr präsent, auch das - weit mehr als - begleitende Klavierspiel von Henning Ruhe kommt ausgezeichnet zur Geltung.

Golda Schultz' Stimme beeindruckt sofort. Groß, klar, technisch stupend perfekt. Mit Mozart singt sie sich warm, es folgen vier Schubert-Lieder, bei denen die letzte Strophe einer Romanze aus "Rosamunde" bereits umwerfend gelingt. Gemessen am Tun von Liedspezialisten könnte man noch ein bisschen herummäkeln, mal ist der Adressat nicht klar, mal wirkt Schultz' Lust an der Durchformung jedes Tons, jedes Worts ein wenig künstlich, mehr gemacht als empfunden.

Dann aber folgen die drei "Browning Songs" von Amy Beach, der ersten Amerikanerin, die eine Symphonie komponierte. Hier hat Golda Schultz die Freiheit, die ihre Stimme braucht. Herrlich kann sie sich in den hymnischen Liedern entfalten, der Klang ihrer Stimme sprengt fast den Saal. Fabelhaft ist ihre Kunst, lange Töne farblich zu gestalten, sie mit einem vibrierenden Timbre zu versehen. Das hat große Klasse, die sie in John Carters "Cantata" weiter ausbaut. Das ist eine Suite mit an Gospel erinnernden Liedern ("Sometimes I feel like a motherless child"), die aber von Jazz, Minimal und zeitgenössischer Musik gleichermaßen inspiriert sind. Golda Schultz paart hier Irrsinn mit Innigkeit, Henning Ruhe lotet zersplitternd aufregend den Klavierpart aus, toll.

Zugaben. Warum eine farbige Südafrikanerin ein Heimweh-Lied auf Afrikaans, der Sprache der Buren singt, bleibt zwar schleierhaft, aber es ist fabelhaft schön. Wie die Jazzstandards. Golda Schultz ist ein echter Schatz.