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Kurzkritik:Eine Wucht

Die Kabarettistin Anna Mateur im Lustspielhaus

Es ist zum Neidischwerden. Da spielen die beiden, was sie gerade wollen, sind im Jazz genauso daheim wie im Blues, im Swing oder in der Abteilung feinfühliger Schmachtfetzen - und dann können sie auch noch in jeder Sekunde in eine völlig andere Stilrichtung abbiegen, ohne dabei auch nur einen Krümel Takt, Tempo oder Temperament einzubüßen. Die immer wieder erstaunliche Sängerin Anna-Maria Scholz alias Anna Mateur und der Pianist Andreas Gundlach könnten wohl so ziemlich jede musikalische Form von Abendunterhaltung gestalten, und das einzige Problem des Zuschauers im Lustspielhaus wäre, dass er sich nicht entscheiden könnte, was davon ihm denn nun am allerbesten gefallen würde.

"Mimikri" heißt das neue Programm der Dresdnerin, eines von fünfen, mit denen die Frühvierzigerin derzeit durchs Land tourt. Schon bei der Studienwahl wusste sie nicht so recht, wohin mit all der Kreativität, entschied sich für Musik statt Grafik oder Schauspiel - und mischt all das jetzt schön bunt zusammen. Ein früheres Programm hieß "Screamshots - ein musikalisches Overheadprogramm für Edding, Stimme, Cello und Gitarre" - die beiden Instrumente und den Overhead hat sie nun gegen Flipchart und Piano getauscht und mit ihrem ehemaligen Studienkollegen Andreas Gundlach einen ganz besonderen Mann an den Tasten sitzen. Einer, der mit links Klavier spielt und gleichzeitig mit rechts einen verdrehten Zauberwürfel wieder richtet, natürlich ohne dabei seine Ausführungen zu Johann Sebastian Bach zu unterbrechen.

Und Anna Mateur, als Gewinnerin von Deutschem Kleinkunstpreis, Salzburger Stier sowie Bayerischem und Deutschem Kabarettpreis meilenweit entfernt vom angespielten Amateurstatus? Die Frau hat und ist eine Wucht, als Stimmwunder sowie als Grimasseuse, Ausdruckstänzerin und schlaue Texterin. Ein Freigeist, der schon allein beim Gedanken an Konventionen Pickel bekommt. Schwer vorstellbar, wie so ein Wildfang es damals in der DDR aushalten konnte.