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Kurzkritik:Ein Ereignis

Das Minguet Quartett spielt Ruzicka

So etwas kann sich nur die Akademie der Schönen Künste bei freiem Eintritt in ihren Räumen in der Residenz leisten: einen Abend mit den großen jüngsten Streichquartetten von Peter Ruzicka - in singulärer Interpretation des Minguet Quartetts, das beide Werke auch bereits nicht minder exzellent auf CD eingespielt hat, und dazwischen ein erhellendes Gespräch des Komponisten mit dem Kollegen Peter Michael Hamel. Kein um seinen Kartenabsatz bangender Konzertveranstalter würde sich das trauen, und leider nehmen das Angebot auch keine jungen Leute wahr, die sogar einen der renommiertesten lebenden Komponisten zum Anfassen als Dreingabe bekämen.

Sei's drum! Denn der Abend war ein Ereignis: Bereits 2008 - auf der Basis des übrig gebliebenen Materials seiner "Hölderlin"-Oper hat Ruzicka sein in sieben kontrastierenden Sätzen unterteiltes sechstes Quartett komponiert - mit Fragmenten aus Hölderlins "Memnosyne", gesungen von Lini Gong, die derzeit auch in Ruzickas "Benjamin"-Oper in Hamburg auf der Bühne steht, in den gleißenden Himmelswölbungen eines noch in Stratosphären wundersam schön klingenden Soprans. Dann wieder überrascht instrumental elegisch sanfter Mahler'scher Sehnsuchtsgesang, wie auch Beethovens op. 131 die untergründige Folie für das siebte Quartett von 2016 bildet.

Aber es gibt in dem Konzert auch harsche, wilde Töne, Vibrierendes über liegenden Flächen der anderen Instrumente. Die 40 Minuten von "...possible-à-chaque-instant - in jedem Augenblick möglich" jedenfalls vergehen wie im Flug. Immer wieder neu werden die vibrierend flatternden 16tel- und 32tel-Noten des Beginns weiter- und fortgeführt, schimmert Beethoven geisterhaft durch das Gewebe; und das Minguet Quartett spielt das alles mit einer Schönheit, Selbstverständlichkeit und traumwandlerischen Sicherheit, dass man sie am Ende bitten möchte: Spielt uns jetzt auch noch Ludwig van Beethovens großes c-moll-Quartett op. 131, auf dass das Glück vollkommen sei.