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Kurzkritik:Brancheneinblick

Boris Nikitin inszeniert "Das Vorsprechen" an den Kammerspielen

Von Egbert Tholl

Man kann lange rätseln, was dies nun eigentlich sei, die Münchner Kammerspiele stiften Verwirrung. Die Veranstaltung in der Spielhalle (Kammer 2) heißt "Das Vorsprechen", und genau das ist es. Zunächst. Schauspielschulen veranstalten jedes Jahr mit ihrem Abschlussjahrgang ein solches, um die dann bald Ex-Studenten in Engagements unterzubringen, damit die Jahre des Studierens nicht umsonst waren. So ein Ivo (Intendantenvorsprechen) ist normalerweise semi-öffentlich, also für Leute aus der Branche offen, fürs normale Publikum nicht. Nun eben gibt es an den Kammerspielen ein Vorsprechen, für das man eine Karte kaufen kann, das im Spielplan steht - also geht man davon aus, dass "Das Vorsprechen" mehr ist als eine brancheninterne Präsentation.

Ist es auch, aber das erleichtert noch lange nicht den Umgang damit. Zunächst: Schauspielschulen bemühen sich oft, jene Abschlusspräsentation mit irgendeiner Form von Rahmen zu gestalten. Das tut nun Boris Nikitin, doch letztlich als Regisseur, das ist ungewöhnlich. Entsprechend ungewöhnlich sind dann die drei Stunden selbst. Denn zum einen zeigen die zehn Absolventen der Falckenberg-Schule (Solo-)Szenen, die sie mit ihren Lehrern erarbeitet haben. Zum anderen weicht Nikitin die Grenzen auf. Alle zehn treten mehr oder weniger von den Szenen, die sie präsentieren, zurück und bewegen sich in einem Raum der Selbstkommentierung. Dazu sieht man kleine Videos, die jungen Schauspieler reden über ihren Beruf, ihre Erwartungen, ihre Ängste. Für alle, die Einblick in die Arbeit eines jungen Schauspielers gewinnen wollen, ist das toll.

Als Aufführung insgesamt ist es schwierig. Manche der Zehn sind schon jetzt beeindruckend, manche verkrampfen sich in fühligen Angelegenheiten. Albern wäre es, die Zehn wirklich einzeln zu beurteilen, das sollen die potenziellen Arbeitgeber tun. Drei seien dennoch erwähnt: Nurit Hirschfeld mit dem Zauber eines großen musikalischen Talents, das sie ungehemmt ausleben sollte; die gutgeführte Albernheit von Merlin Sandmeyer und Daniel Gawlokski, der zunächst in einer grandiosen Ironieshow der eigenen Geilheit herumtollt, um dann einen bösen, harten Missbrauchstext von Kroetz böse und extrem ambivalent, dabei hochkontrolliert vorzutragen. Ein Talent!

© SZ vom 05.11.2015

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