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Kurzkritik:Avantgardistisch

Die Räsonanz-Stifterkonzerte im Prinzregententheater

Von Klaus P. Richter

Zum dauernden Klagelied der musikalischen Avantgarde gehört der Vorwurf, dass ihre neuen Werke kaum über die Uraufführung hinauskämen. Die "Ernst von Siemens Musikstiftung", mit ihrem jährlichen Preis an vorderster Front aller Avantgarde-Förderung tätig, will das durch ihre Räsonanz-Stifterkonzerte ändern. Diesmal versprachen im Rahmen des Musica-Viva-Wochenendes bereits zwei große Interpretennamen Abhilfe im Prinzregententheater: Tabea Zimmermann mit ihrer grandiosen Viola und Pierre-Laurent Aimard, Schlüsselfigur der pianistischen Moderne. Nach dem komplexen Spielwitz der "Instances" von Elliott Carter und den diffizilen Klangpointillismen der "Three Inventions" von George Benjamin entfaltete Tabea Zimmermann ihre Künste beim Bratschenkonzert von Enno Poppe. Auratische Klanggesten im ersten und dritten Satz berührten und versprachen Zauberisches, bevor obsessive Glissandomuster, aufgeladen mit analytisch-variiertem Vibrato und im Mittelsatz die mänadischen Sirenen-Gesänge mit bläsergeschärfter Fortissimo-Schrille hereinbrachen.

Konzentriert und reaktionsschnell begleitete das Chamber Orchestra of Europe unter dem Amerikaner David Robertson, der hier außer präzisen Einsätzen und stringentem Taktieren auch für einiges Espressivo sorgte. Obwohl nicht strukturverwandt, kultiviert auch die fünfsätzige Fassung des Konzerts für Klavier und Orchester von György Ligeti die Dramatik scharfer Umschwünge. Von der Dynamik zerebral organisierter Tumulte stürzt es in die Statik klangmystischer Elegien ab oder in die unheimliche Leere des "Lento e deserto" mit heulender Okarina und spröder Mundharmonika. Auch Pierre-Laurent Aimard konfrontierte zwischen "Vivace molto ritmico e preciso" und "Presto luminoso" die intrikate Feinmechanik hochtouriger Klavieristik durch subtile Klangbänder mit Belcanto-Verdacht. Begeisterter Applaus aller versammelten Avantgarde-Jünger.

© SZ vom 11.06.2018

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