bedeckt München

Kurzkritik:Auf Speed

"Sie nannten ihn Tico" am Münchner Volkstheater

Von Sabine Leucht

Tico ist all das, was der Gesellschaft fehlt, in der Lefty und Pancho gerade von der untersten Stufe stürzen: "Wenn du frierst, zündet er sein Feuerchen für dich an. Wenn du hungerst, teilt er mit dir sein Brot. Und wenn du dich fürchtest, streicht er dir sanft über die Stirn." Der vaterlose Ex-Junkie glaubt fest an diesen "Ritter der Barmherzigkeit" - ohne zu merken, dass längst einer an seiner Seite ist: Eva Bays Pancho ist eher von trauriger Gestalt, ein wegrationalisierter Sozialarbeiter mit hängenden Schultern und dem eigenen Todesurteil in der Jeanstasche, aber allzeit bereit, selbst liebeskranken Provinzbullen seinen Hemdsärmel zum Reinrotzen zu überlassen.

Nora Abdel-Maksoud hat "Sie nannten in Tico" selbst geschrieben und im Volkstheater uraufgeführt, wo sich auf Katharina Falters aus Boxen und Altradios gebautem Multifunktionsturm voller Gameshow-Treppchen, "Wurstenbrot"-Separées und Lkw-Fahrerhaus-Lookalikes allerlei Gesocks herumtreibt: Moritz Kienemann, Luise Kinner und Max Wagner spielen mit vollem Körper- und Stimmeinsatz eine ganze Armada von Knallchargen - von der Journalistin in Abstiegspanik über einen holländischen Gemischtwaren-Mogul bis zu "süddeutschen", rechts populistischen Politikern, deren Plastik-Haarteile ein wenig wie Hirnprothesen ausschauen.

Wie ihre Kunstbetriebssatire "Kings" ist auch Abdel-Maksouds Verteilungskampf-Groteske auf Speed nicht jedermanns Sache. Sie kommt aber zwischen dem ersten Moll-Akkord der Liveband und der noch nicht ganz durchrhythmisierten, allzu bekenntnishaften Schlussviertelstunde ganz wunderbar in Fahrt. Vor allem der Roadmovie-Teil, in dem ein "schwarzhaariges" Findelkind als multipler Sündenbock fungiert, ist voller witzig-schräger, furios gespielter Szenen. Und wenn Mehmet Sözers Lefty gesteht, er habe den "Kackstöpsel" nur Abu Am Hamsa Hamed genannt, damit er später weder Ausbildungsplatz noch Wohnung bekomme, wird das Groteske ganz real.

© SZ vom 22.04.2016
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema