bedeckt München
vgwortpixel

Kurzkritik:Alle haben sich lieb

Verena Marisas "New Era" beim Various-Voices-Festival

Wer kennt das nicht? Man sitzt in fröhlicher Runde zusammen und plötzlich singen alle Orffs "Carmina Burana". So auch geschehen auf dem internationalen Treffen von schwul-lesbischen Chören, "Various Voices", das die einstige Hauptstadt der Bewegung am Wochenende mit rund 2700 Sängerinnen und Sängern aus 19 Ländern in einen Klangkörper einer anderen, weltoffenen und zukunftsweisenden Bewegung verwandelte. Entsprechend ergriffen war die Moderatorin Gloria Gray noch auf der Abschlussveranstaltung des fünftägigen Festivals in der Philharmonie von der Darbietung der "Carmina" am Vortag auf dem Odeonsplatz.

Und prompt sang das Publikum im Saal, das nun ja in der Mehrzahl aus Sängerinnen und Sängern bestand, erneut den Schlusschor aus Orffs Komposition: O Fortuna! Gegrüßt seist du freizügige Venus! Den weniger Text- und Notensicheren half eine Projektion auf Leinwand. Die wenigen Nichtsänger genossen einen sie umgebenden Gesang, der jede Kunstkopf-Stereofonie in ihrer Wirkung überbot. Welch ein atemberaubender Abschluss eines Festivals, das in vier Jahren seine Fortsetzung in Bologna erfahren wird!

Die Hoffnung schöpfende Botschaft der diesjährigen Begegnung fasst indes das fürs Festival komponierte "New Era" der Münchner Komponistin Verena Marisa zusammen. Barack Obama zitiert darin die berühmte Hope-Rede von Harvey Milk, dem ersten US-amerikanischen Politiker, der offen seine Homosexualität lebte: "Du musst ihnen Hoffnung geben!" Ein Klavier-Motiv intoniert diese Hoffnung und wird von weiteren Instrumenten des Festival Orchestras unter dem Dirigat von Mary Ellen Kitchens ergänzt. Selbst Marisas Instrument, ein elektronisch schwingendes Theremin, stimmt ein in dieses Kraft spendende Zusammenwirken von Streichern, Bläsern, Synthesizer und Perkussion. So traumhaft kann eine diskriminierungsfreie Gesellschaft klingen, in der alle gehört werden. In einer bereits sichtbaren neuen Ära.