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Kunstaustellung im Münchner Lenbachhaus:Knisternde Röhren

Die Münchner Ausstellung "Radio-Aktivität" horcht dem Einfluss des Radios auf die Künste nach. Es inspirierte Ideen von der Macht der Massenmedien, von weltweiter Vernetzung und von Hörern, die selbst zu Sendern werden.

Die geballte Faust deutet an, dass hier einer mit seinem Werk unzufrieden ist. Der Gesichtsausdruck auch. "Verblühender Frühling - Selbstbildnis als Radiobastler" bildet ein Misslingen ab, in allen peinlichen Details. Das Werkzeug liegt auf dem Tisch verworren herum, die Spulen und Schrauben und Zangen. Mittendrin eine Kaffeetasse, die andeutet, dass man seit dem Morgen nicht so recht weitergekommen ist. Doch auch wenn das mit dem Radioempfang nichts geworden ist, offensichtlich, so ist doch etwas gelungen - und zwar das Gemälde.

Wilhelm Heises paradoxes, strahlend verzweifeltes Bild aus dem Jahr 1926 gilt inzwischen als Ikone, als eines der vier herausragenden, deutschen Gemälde, auf denen seine Generation im neusachlichen Stil das Medium begrüßte. Sie alle sind derzeit im Eingang einer Ausstellung des Münchner Lenbachhauses zu sehen, die unter dem Titel "Radio-Aktivität. Kollektive mit Sendungsbewusstsein" dem Einfluss des Radios auf die Künste nachspürt.

Tatsächlich hatte das Radio das Land seit der ersten Übertragung am 29. Oktober 1923, die mit der Hymne "Deutschland, Deutschland, über alles" einsetzte, sofort in eine Nation von Technikern verwandelt: Die Empfangsgeräte, anfangs noch mit wuchtigen Kopfhörern versehen, waren teuer. Zudem ließen sich die frühen Röhrengeräte leicht zum Sender umbauen, was nicht nur die Betreiber der Telefunken-Gesellschaft, sondern vor allem der Staat fürchtete. Schon weil sich die Arbeiterbewegung des neuen Mediums bedienen könnte. Ein Jahr nach der ersten Rundfunksendung wurde "Radiopiraterie" gesetzlich unterbunden. "Ich möchte einmal am Sender stehn. Und sprechen dürfen. - Ohne Zensur. Ein einziges Mal.- Eine Stunde nur -,Hetzen' - und Hass und Feuer säen", hieß es in einem anonymen Gedicht.

Aber auch wenn vor allem Walzermusik, Kochrezepte und Reiseberichte aus dem Kopfhörer rieselten, regte das Radio die Fantasie von Künstlern und Literaten an. Als Massenmedium. Als Möglichkeit der Vernetzung, auch international. Ernst Moritz Engert setzte mit feinem Strich auf dem Blatt "Radio" einem Globus die Kopfhörer auf, während Bertolt Brecht früh feststellte, dass Radio nur in eine Richtung funkt. Er arbeitete mit Hörspielen ästhetisch am "Aufstand der Hörer". Und in der Ausstellung hat die Künstlerin Katrin Mayer nicht nur bunte Vitrinen und einen Lesesaal, sondern auch Hörstationen eingerichtet, die noch einmal solche frühen Experimente zugänglich machen. "Kasperles Radau" beispielsweise, eines von Walther Benjamins mehr als achtzig Hörspielen. Oder Brechts "Lindberghflug" (1929), bei dem nicht nur alle Sprecher und Musiker auf einer Bühne versammelt wurden, sondern auch ein "Hörer" auftrat, dessen Part darin bestand, wie die Zuhörer am Radio mit zu summen und zu singen.

Aber schon weil die Nationalsozialisten das Ideal des Weltempfängers umstandslos auf das propagandistische Format des "Volksempfängers" herunterbrachen, wurde Brechts Radio-Theorie erst in der Nachkriegszeit wirklich rezipiert. Beispielhaft für künstlerische Ansätze, die sich mit Kommunikation, Austausch und der Idee der Kollektivität beschäftigen, sind dann die Situationisten oder die in München von Studenten gegründete Gruppe SPUR.

Die Frage der Kommunikation, wer sich Gehör verschafft, wer spricht und in welcher Sprache, ist dann vor allem für feministische Künstlerinnen wie Ketty La Rocca oder Tomaso Bing wichtig, die alle Buchstaben des Alphabets noch einmal, wie in einer Schulfibel, mit ihrem nackten Körper darstellen wird.

Es sind solche Arbeiten, die eine straff argumentierende Schau auch unbedingt sehenswert machen. Die so wichtigen, die Kunst nachhaltig prägenden Ansätze haben ja ihrer Natur gemäß nur wenig Objekte hinterlassen. Und vieles, das die Künstler seit der ersten Radiosendung formuliert haben, gilt heute umso mehr, in einer Epoche, die durch die sozialen Medien geprägt ist.

Dass es durchaus angezeigt ist, an einer Sprache der Gemeinsamkeit zu arbeiten (statt die Konkurrenz der Texte und Bilder bis ins Private auszudehnen), daran erinnern Fundstücke wie die kleinen Aquarelle von Xul Solar: Der aus Buenos Aires stammende Sprachforscher, Astrologe und Künstler mixte ein dem Esperanto verwandtes "Neocrillo" aus argentinischem Spanisch, brasilianischem Portugiesisch und indigenen Sprachen zusammen. Das sprach außer ihm eigentlich nur sein Freund Jorge Luis Borges - und die Einwohner eines fantastischen Landes, die auf einer seiner Gouachen mit Transparenten in Neocrillo einer pazifistischen, grenzenlosen Welt entgegenströmen.

Radio-Aktivität. Kollektive mit Sendungsbewusstsein. Bis 23. August im Lenbachhaus.

© SZ vom 19.02.2020

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