Kunstaktion in Kassel Brennt es auf der Documenta?

Rauch über dem Fridericianum kann heißen: Papstwahl, Enklave in Rotenburg - oder eben Documenta.

(Foto: Bernd Borchardt)

Über dem Museumsgebäude Fridericianum in Kassel steigt in diesen Tagen Rauch auf. Was es damit auf sich hat und warum die Feuerwehr nicht einschreitet, erklärt der Künstler Daniel Knorr.

Interview von Catrin Lorch

Brennt es? Oder hat sich der Zwehrenturm in Kassel in einen gewaltigen Schlot verwandelt? Aus dem Gebäude quillt Rauch, viel Rauch. Es handelt sich dabei um das Kunstwerk "Expiration Movement", das der 1968 in Bukarest geborene Künstlers Daniel Knorr für die 14. Documenta entworfen hat. Diese Woche fanden die Generalproben statt. Wenn in Athen, dem zweiten Standort der diesjährigen Documenta, am 8. April die Weltkunstschau Eröffnung feiert, wird auch "Expiration Movement" in Kassel angeworfen.

SZ: Der Rauch wirkte ja gewaltig - wird das so bleiben?

Daniel Knorr: Das jetzt sind die Probeläufe. Wir haben fünf Rauchmaschinen laufen, die sonst beispielsweise von der Feuerwehr zu Übungszwecken verwendet werden. Der "Fogmaster" ist auch beim Militär im Einsatz, wenn bei Lufteinsätzen ein Kraftwerk unter Rauch verschwinden soll.

Kann nun auch die Innenstadt von Kassel im Nebel versinken?

Während der Tests wurde tatsächlich schon bei der Feuerwehr angerufen. Wir werden die Bürger aber mit Flugblättern über "Expiration Movement" informieren, in denen darauf hingewiesen wird, dass das Fridericianum ab nächster Woche Rauch erzeugt. Es geht darum, dass wir uns mit Beginn der Documenta-Ausstellung im Zustand des Ausatmens befinden. Jetzt wird nicht mehr inhaliert, jetzt lassen wir los. Natürlich liegt auch die Assoziation zu einer Papst-Wahl nahe, aber eher noch der Gedanke an die Enklave in Rotenburg - ganz in der Nähe - wo nach dem Krieg die Währungsreform verhandelt wurde.

Daniel Knorr

(Foto: Stathis Mamalakis)

Kann man die Rauchentwicklung steuern?

Es hängt sehr von der Windrichtung ab und dem Wetter, wie sich der Rauch ausbreitet. Es eröffnen sich je nach Lage andere Assoziationen. Manchmal wird das Fridericianum von Weitem vielleicht aussehen, wie ein industrieller Bau, eine Fabrik. Das ist ja auch passend, die Documenta ist ein Ort der Kunstindustrie. Natürlich erinnert der Rauch auch an Vorgänge wie die Bücherverbrennung der NS-Zeit - in Kassel wurde die Reichskristallnacht geprobt, da liegt es nicht fern, daran zu denken. Auch die Krematorien der Vernichtungs- und Konzentrationslager waren nicht weit entfernt.

Raucht es auch in Athen?

Nein, in Athen verfolge ich mein Konzept einer zeitgenössischen Archäologie. Ich sammele auf der Straße Dinge auf, einfach um der Idee nachzugehen, was wir eigentlich der Nachwelt hinterlassen. "Learning from Athens" ist der Titel der Documenta in diesem Jahr. Wir haben ganz irrsinnige Sachen gefunden - eine Pistole, Pistolenhalfter, Ausweise. Das alles presse ich mit einer Fünfzig-Tonnen-Presse in Bücher, die in Athen und Kassel verkauft werden. Von den Erlösen kann ich den Rauch bezahlen.

Wie plant man ein Ereignis wie die documenta?

Brandschutz versus Kunstfreiheit, Lokalpopulismus versus Weltoffenheit: ein Kampf mit Extremen. Peter-Matthias Gaede hat die Vorbereitungen begleitet und dabei auch das Problem des Besucherschweißes kennengelernt. mehr ... SZ-Magazin