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Kunst:Wildnis ist ein Gedanke für jeden Parkplatz

Das Bündner Kunstmuseum in Chur zeigt eine großartige Ausstellung über Jagd in Malerei und Bildhauerei.

Von Christoph Heim

Das zufriedene, leicht gerötete Gesicht und die entspannte Körperhaltung erzählen von einem erfüllten Tag. Die Jagd dürfte an den Kräften gezehrt haben. Sie wird aber wohl auch von Erfolg gekrönt gewesen sein. Darauf verweist das Perlhuhn, das sich am linken Bildrand befindet, fast etwas versteckt. Der französische Maler Louis Tocqué (1696 - 1772) platziert den königlichen Sekretär Pierre Simon Mirey sitzend, leicht nach links geneigt, samt Hund und Gewehr vor einem diagonal nach rechts oben strebenden Baum.

Damit ist ihm die Darstellung einer harmonischen Beziehung zwischen Mensch und Natur ausgezeichnet gelungen. Der Jäger erfreut sich einer geradezu wohligen Erschöpfung - das Bild zählt zu den Glanzstücken in der Ausstellung "Passion. Bilder von der Jagd" im Bündner Kunstmuseum Chur. Die freundlichen Augen des Jägers suchen den Blick des Betrachters. Der Maler hat den bourgeoisen Jäger mit diesem meisterlichen Porträt in einem Zustand der Hingabe festgehalten.

Mirey war 1743, als das Gemälde entstand, für die Hypothekenverwaltung am Hof von Louis XV. verantwortlich. Sein Vater hatte die Stellung als des Königs erster Weinhändler inne. Das mag die steile Karriere des Sohnes erklären, die, so kommt es einem jedenfalls vor, im Halali der königlichen Jagden ihre Vollendung fand.

Im europäischen Adel war die Jagd während Jahrhunderten ein alltägliches Vergnügen. Für viele Männer war es eine regelrechte Leidenschaft, in der man sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchte. So lesen wir auf einem kleinen Zettelchen in der Ausstellung, dass Franz Joseph I., der letzte Kaiser aus dem Hause Habsburg, mehr als 30 000 Stück Wild erlegt haben soll. Je nach Quelle waren es noch viel mehr.

Graubünden selbst wies die adelige Jagdlust hingegen relativ früh schon in ihre Schranken. Seit 1526 gilt hier die freie Volksjagd. Und heute gibt es wohl keinen Schweizer Kanton, in dem die Jagd eine ähnlich hohe gesellschaftliche Bedeutung hat. Genügend Anlass für den nie um eine anregende Ausstellung verlegenen Stephan Kunz, Direktor des Kunstmuseums in Chur, die Jagd zum Thema seiner neuesten Ausstellung zu machen.

Weit ausgreifend und frei assoziierend kreist er das Thema ein. Er kombiniert alt und neu. Werke aus der eigenen Sammlung treten in Dialog mit Leihgaben aus aller Welt. Manches kommt aus dem Musée de la Chasse et de la Nature in Paris, wie etwa das am Anfang beschriebene Werk, das erst 2017 für die Sammlung des kleinen, aber feinen Hauses im Quartier Marais angekauft wurde. Anderes kommt aus der Sammlung des Fürsten zu Liechtenstein in Vaduz, die ebenfalls reichhaltige Bestände mit Jagdmotiven aufweist.

Der Bildhauer Pierre Klossowski zeigt den Mythos vom Jäger, der über die Göttin Diana herfällt

Am Anfang steht ein mit Eitempera gemalter Waldweg des Schweizers Franz Gertsch aus dem Jahr 2013/14. Das Gemälde macht deutlich, dass die Jagd immer auch eine Störung der Natur bedeutet. Es macht auch deutlich, dass es hier trotz vieler historischer Perspektiven um eine Ausstellung geht, die immer wieder das Werk von zeitgenössischen Künstlern befragt.

So gafft die Betrachter nur wenige Meter neben dem Gertsch ein ausgestopfter Wolf ins Gesicht, der auf einem kleinen Anhänger samt zugehörigem Waldboden befestigt ist. Künstlicher geht es nicht, aber dieses Diorama von Mark Dion aus dem Jahr 2006 zeigt, dass Wildnis zu einer Denkfigur geworden ist, die man wie einen Wagen an jeder gerade passenden Stelle an- und abkoppeln kann. Ein Gedanke, der überall geparkt werden kann. Das zeigt sich auch im Begleitbuch, das wie ein Katalog die Werke in der Ausstellung nochmals vor Augen führt und zusätzlich mit anregenden Essays das Thema beleuchtet. Gegliedert ist das Buch entsprechend den Kapiteln der Ausstellung, sodass die Leser vom Glück im Freien und der Jagd nach dem Archaischen erfahren, aber auch von Mythen und Metaphern, von Eros und Thanatos, von der Bühne der Macht, den Jagdtrophäen und den Tieren, die zur Nature morte geworden sind.

Da begegnet man Paul Klee und Peter Paul Rubens, Robert Mapplethorpe und Balthasar Burkhard, Félix Vallotton und Gustave Courbet, Albrecht Dürer und Not Vital, der mit einem eisernen Hirschgeweih zur Stelle ist, auf dessen Enden der Ausdruck "Fuck you" zu lesen ist. Was fehlt, das ist Tizians großartiges Gemälde "Diana und Actaeon", entstanden in den Jahren 1556 bis 1559, das man nicht von der National Gallery in London ausleihen konnte. Auch wenn man für das Museum in Chur nicht jede Leihgabe bekommt, ist dieses Bild nun immerhin im Begleitband zu finden.

In der Ausstellung aber steht Pierre Klossowskis Skulpturengruppe "Diane & Actéon", entstanden 1990, aus einer Kölner Privatsammlung. Klossowski gibt dem antiken Mythos vom Jäger, der die Jagdgöttin Diana entjungfern will und dabei von dieser in einen Hirsch verwandelt wird, der wiederum von den Hunden des Jägers aufgefressen wird, eine völlig neue Wendung: Sein zum Hirsch gewandelter Jäger wird von der nackten Jagdgöttin, die sich mit ihrem Hubertushut selbst als Jägerin zu erkennen gibt, zum Liebesspiel empfangen, während die Hunde gewissermaßen als geil gewordene Natur das Geschehen interessiert verfolgen.

Und so kann man diese Ausstellung all jenen, die auf der Fahrt in die Sommerfrische der Schweiz noch ein bisschen Kunst auftanken wollen, nur empfehlen. So erfrischend, inspirierend, ja geradezu aufregend war ein Zwischenhalt in Chur selten.

Passion. Bilder von der Jagd. Bündner Kunstmuseum, Chur. Bis 27. Oktober.

© SZ vom 31.07.2019

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