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Kunst:Wie alles sich zum Ganzen webt ...

Die Installation "Taste of Stone" kann man begehen - und trägt die weißen Kieselsteinspuren dann durchs ganze Ausstellungshaus

(Foto: Laura Fiorio)

... eins in dem andern wirkt und lebt: Otobong Nkangas Werk wird im Berliner Gropius-Bau gezeigt.

Von TILL BRIEGLEB

Es gibt gerade in der Welt einige dramatische Ereignisse, die etwas mit Atmen zu tun haben. Der Überlebensschrei von George Floyd unter einem Polizistenknie, "I can't breathe", wurde zu einem weltumspannenden Protestruf für die Gleichbehandlung aller Menschen und echte Gerechtigkeit. Die Krankheit, die seit einem halben Jahr die Welt in Atem hält, verbreitet sich von Lunge zu Lunge über den Globus. Die kurze Erholung des Weltklimas im Lockdown hat noch einmal sehr deutlich bewusst gemacht, dass man die Atmosphäre nicht endlos als Abfalleimer missbrauchen kann. Und dass fast unbemerkt in all diesen Krisen in Bolsonaros Brasilien die "Lunge der Welt" in neuer Rekordgeschwindigkeit abgefackelt wird, damit auf ehemaligen Dschungelflächen Futtermittel für Billigfleisch angebaut werden kann, ist ein weiteres Kapitel über geistige Kurzatmigkeit im Weltmaßstab.

Für Otobong Nkanga ist die in diesen Sauerstoffkrisen erkennbare Weisheit, dass alle Dinge zusammenhängen, der Odem ihres ganzen Werks. In ihrer großen Ausstellung im Berliner Gropius Bau, "There's No Such Thing As Solid Ground" (Es gibt keinen festen Untergrund), thematisiert sie in vielen Räumen und diversen Medien eine poetische Warnung an die Egoisten: Selektive Fürsorge für Land, Körper und Gesellschaft führt ins Systemversagen. Die gemeinsame Luft und die Konstruktion von Netz- und Wurzelwerken sind ihre Metaphern für eine vernünftige Menschheitskultur, die anerkennt, dass Fürsorge universell sein muss.

So kreischt im hintersten dunklen Raum dieser von Stephanie Rosenthal kuratierten Retrospektive in regelmäßigen Abständen ein Metallring laut durch die ganze Ausstellung, weil mit großer Gewalt Luft durch ein viel zu enges Loch gepresst wird. Dieser Ring verbindet verschiedene physikalische Zustände als Skulptur der Wechselwirkungen. Er glüht an einer Stelle heiß und orange, an anderer Stelle schwebt ein Stein in der Luft, Wasser kondensiert in Glasröhren und eine rote Neonröhre leuchtet in der Symbolfarbe der Liebe.

Dahinter spannt sich ein großer Wandteppich auf, der die Kraftbeziehungen der Sterne im Universum verbindet mit Gewaltbildern aus dem Arabischen Frühling. Hier geht es weniger um astrologische Esoterik als um eine Kritik an dem Aberglauben von "Sonnenkönigen", sie alleine könnten das Schicksal eines Landes lenken und bestimmen. Diese Ignoranz der Macht gegenüber den komplexen Verbindungen in einem zivilisatorischen Kosmos, den nur die Gemeinschaft in fairer und gesunder Balance halten kann, symbolisiert ein kopfloser Riese, der die Fäden der politischen Geschehnisse in der Hand hält. Denn bei Otobong Nkanga geht es letztlich immer um destruktive Machtstrukturen und die "wechselseitige Abhängigkeit der Themen Klima, Toxizität, Macht und Kapital", wie sie sagt.

Selektive Fürsorge für Land, Körper und Gesellschaft führt ins Systemversagen

Dabei verbinden sich Erfahrungen über die Zerstörung von Kulturen, wie Otobong Nkanga sie in Verbindung mit den kolonialen Regimen in Afrika thematisiert, mit der Zerstörung von Ökosystemen durch dieselbe Haltung blinder Gier. Etwa in einem großen meditativen Steingarten mit vielen Unkrautpflanzen, deren gemeinsames Kennzeichen es ist, dass sie ohne Wurzeln auskommen, und damit überall leben können - wenn sie nicht für "wichtigere" Pflanzen ausgemerzt werden. Die Verbindung zu entwurzelten Migranten, die für "wichtigere" Menschen vom Land entfernt werden, aber auch zu einer Agrarindustrie, die für wenige Nutzpflanzen alle anderen zerstört, liegt als Geschichte hier versteckt. Und von den weißen Kalksteinen, über die die Zuschauerin und der Zuschauer geht, verbreiten sich deren Fußspuren im ganzen Ausstellungshaus als staubiges Netzwerk.

Dass Kalkstein außerdem aus biologischem Material entsteht, also aus Ablagerungen von Pflanzen und Tieren, führt die Vernetzungsmethode von Nkangas Kunst wieder zurück zum Atem, der Tiere, Menschen und Stoffe verbindet und in nahezu jeder ihrer Arbeiten als Assoziation mitschwingt. Besonders natürlich bei ihrer großen akustischen Installation am anderen Ende der Ausstellung, in der Stimmen-Sinfonie mit dem Titel "Wetin You Go Do?" (Was wirst du tun?).

Zwischen brachialer Aggression und leisem Singen und Deklamieren behandelt diese vielstimmige Komposition das Empfinden von Ohnmacht in Kontrast zum Baustoff Beton. Denn Beton, der menschgemachte Stein, ermöglicht nicht nur das expansive Wachstum der Stadt und der Wirtschaft. In Nkangas Vorstellung ist die Betonkugel am Ende einer Kette ein Versklavungsinstrument, etwas, das fesselt und zerstört. Außerdem setzt die Herstellung jeder Tonne Beton eine Tonne CO₂ frei.

Aus Nkangas konzeptionellen Arbeiten lassen sich nicht sofort die klaren Haltungen ablesen, die dahinter stecken. Wie schon bei ihren Projekten für die letzte Documenta, wo sie sich mit Seifenherstellung beschäftigt hat, oder für die Biennale in Venedig, auf der sie eine 30 Meter lange mineralische "Ader" ausstellte, ist die skulpturale Erscheinung ihrer Arbeiten oft weniger eindrücklich als der intellektuelle Kontext, der erst durch Zusatzinformationen erkennbar wird.

So steht in Berlin die Installation "Solid Maneuvers", die eine Abbaulandschaft für Rohstoffe darstellt, weniger als Beweis für ästhetische Anstrengungen von Nkanga. Es ist die mitgelieferte Geschichte über kapitalistische Habgier, die der Landschaft Metalle, Öle und Mineralien entreißt, um zerstörte Natur und eine ausgebeutete Gesellschaft zurückzulassen, die eine Beschäftigung mit den löchrigen Platten aus Asphalt, Acryl und Vermiculit provoziert.

Nkangas Installationen selbst vermitteln zunächst nur eine vage Ahnung, dass hier eine besondere Sensibilität und Weltwahrnehmung am Werke ist. Die klugen Beziehungen, die sie zwischen Kompositionen, Materialien und fundierter Kritik an den Auswüchsen von Gier, Egoismus und Wachstumsideologie herstellt, machen ihre Arbeit aber zu einem der interessantesten Ansätze intellektueller Kunst in einer Welt, die täglich mehr nach Luft ringt.

Otobong Nkanga: There's No Such Thing as Solid Ground. Gropius Bau, Berlin. Bis 13. Dezember. Das Ausstellungs-Booklet kostet fünf Euro.

© SZ vom 16.07.2020

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