Kunst Warum ist die Kuhweide kein Paradies?

"100 Jahre Merz": Das Sprengel Museum in Hannover inszeniert Kurt Schwitters' Werk als Materialschlacht.

Von Till Briegleb

Es hört sich für das sinnsuchende Hirn an wie "Langkörpergrill", wie "Pipi Pipi Zylka Zylka" oder "Zieh you hio, zieh you a hu". Kurt Schwitters berühmte "Ursonate" klingt auch heute noch völlig irre. Und dieses "Schwarze Quadrat" des Textvortrags, das jeden gegenständlichen Sinn aus der Sprache wischte, sieht aufgeschrieben noch viel sinnloser aus als von Schwitters selbst vorgetragen. Zum Beispiel: "Dedesnn nn rrrrr, Ii Ee, mpiff tillff too, tillll, Jüü Kaa?" oder "fümmsböwötääzääUu pögiff kwii Ee." Das ab 1923 von dem Hannoveraner Gesamtweltkünstler immer wieder modifizierte Lautgedicht beschreibt definitiv den Ereignishorizont der Sprache. Danach kann nur noch Stille sein. Vielleicht auch ersehnte meditative Stille in Schwitters Republik des politischen Gebrülls, der Manifeste und falschen Propheten, der ökonomischen und ideologischen Stürme?

Hundert Jahre ist es jetzt her, dass Kurt Schwitters aus einem irrwitzigen Krieg nach Hannover zurückkehrte und in Herwarth Waldens Berliner Galerie "Der Sturm" sein erstes Merz-Bild ausstellte. "Merz", Schwitters Ur-Silbe, die er 1919 aus dem Wort "Kommerz" geschnitten hatte, die aber auch an den Vorgang des "Ausmerzens" erinnert wie an den schönen Vorfrühlingsmonat, wurde zur Marke dieses singulären Multitalents, das sich alles zutraute, was den Konformismus stört: Dichten, Malen, Ursonatieren und schräge Märchen erzählen, Bauen, Vortragen und Verlegen, Theater, aber auch Werbegrafik und Kommerz. Langkörpergrill eben.

Die aktuelle Ausstellung in Hannover hat eine Materialschlacht inszeniert. Mit Gesang und Bildern wie "Merzz. 101. Dorf" (1920).

(Foto: Michael Herling/Aline Gwose, Sprengel Museum Hannover)

"100 Jahre Merz" im Sprengel-Museum in Hannover, die große Ausstellung zum größten Künstler der Stadt, erinnert anlässlich des Jubiläums jetzt aber nicht nur an einen produktiven Störenfried, der seine Mitbürger zur Empörung reizte, etwa mit dem 1920 stadtweit plakatierten Liedes-Gedicht an die fiktive "Anna Blume", das so begann: "Oh du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe dir! - Du deiner dich dir, ich dir, du mir. - Wir?" Die von Katrin Kolk und Isabel Schulz kuratierte kleine Materialschlacht in 13 Stationen macht vor allem bewusst, dass Kurt Schwitters kreativ verweigerte Anpassung auch im Jahr 2019 noch eine enorme Provokation für alle Menschen und Institutionen bedeuten könnte, die sich in normativer Lähmung befinden. Vielleicht sollte man mal einen Schwitters der SPD schenken, oder VW, oder den national Denkenden?

In "Merz", der Ursilbe dieses Werks, klingt der Kommerz an, aber auch der Begriff Ausmerzen

Denn Schwitters Collagen und absurde Texte, seine bizarren Merz-Bauten, die ganze Zimmer überwucherten, und die 17 Ausgaben der Merz-Bände, seine ganze Lebenskunst, die sich immer neuen Zielen, Formen und Netzwerken zuwendete, das alles ist keine Harlekinade, die man mit dem Etikett "Dada" ins Nostalgieregal stellen kann. Schwitters Merz-Publikationen etwa, die er als "Zeitschrift des geistigen Arbeiters" zwischen 1923 und 1932 herausgab, sind ein permanenter Aufruf gegen die Angstmoral der Zeit. Mal als wild typographiertes Kunstmagazin zum Thema "Banalitäten" gestaltet, mal als Schallplatte für die "Ursonate", dann wieder als Grafikmappe, als Reklameheft für den Tintenhersteller "Pelikan", für den Schwitters neue Formen der Werbung entwickelte, als Märchenbuch oder Auseinandersetzung mit dem Neuen Bauen, stellen die Merz-Hefte eine Menge unbequeme und leider zeitlose Fragen.

Wie sinnentleert ist eigentlich die verständliche Sprache? Warum ist eine Kuhweide kein Paradies? Warum segnen Christen den Krieg? Und wer legt uns eigentlich die Fesseln an, damit wir tun, was von uns erwartet wird? Nichts von dem, was Kurt Schwitters in der Weimarer Republik tat, bevor er vor den gewalttätigen Gewissheitsmenschen Adolf Hitlers erst nach Norwegen und dann nach England fliehen musste, ist einfach Dada. Wahrscheinlich verstanden gerade die Nazis sehr genau, wie viel freiheitlicher, pazifistischer und zwangloser Sinn in diesem Menschen zum Ausdruck kam, weswegen sie ihn vermutlich gerne auf den Langkörpergrill geworfen hätten, bis er Ruhe gibt.

Das Assoziative der Collage wirkt vor allem als Gegenbild zum Gehorsam

Gerade die von Schwitters oft benutzte Methode der Collage, die er anfänglich dem Kubismus entlehnt hatte, um sie dann in verschiedenen Medien weiter zu erproben, versucht ständig neue freie und überraschende Beziehungen herzustellen. Damit erfand er nicht nur erstaunliche Bild-, Raum- und Sprachablösungen von herrschenden Dogmen, deren formale Nachahmung man heute noch von der dekonstruktivistischen Architektur über die gesampelte Musik bis zur absurden Comedy wiederfinden kann. Das Assoziative wirkt bei Schwitters vor allem als Gegenbild zum Gehorsam. Und das verweist auf die Vision einer Gesellschaftsordnung, wo Anerkennung und Kommunikation horizontal zwischen den Menschen ausgetauscht wird, und nicht hierarchisch von oben nach unten verteilt wird. Wo Humor statt Heil-Hitler-Gebrüll den Ton angibt, und übernationale Kontakte das Denken bestimmen, nicht aggressive Ausschluss-Rhetorik.

Die Sprache der Avantgarde, aufbereitet für die Werbung: "Merz 11 Typoreklame" (Pelikan-Nummer November 1924).

(Foto: Michael Herling/Aline Gwose, Sprengel Museum)

Schwitters suchte ständig Kontakt zu europäischen Künstlern und Kunstbewegungen, ohne sich irgendwelchen Stil-Ismen verpflichtet zu fühlen. Er pflegte enge Beziehungen zu dem Schöpfer weichester Formen Hans Arp wie zu Theo van Doesburg, dem Malerspecht des Rechten Winkels, und beteiligte sie an seinen Merz-Heften. Es reiste zu Kongressen und Künstlertreffen und suchte den Austausch mit anderen Avantgarde-Zeitschriften bis nach Slowenien, Bulgarien und Rumänien, die wie sein "Merz" einsilbige Titel trugen: "Bloc", "Tank" oder "Punct".

Und auch für den Merz-Bau, die Kunstverpuppung seines elterlichen Wohnhauses in Hannover, die er nach der Flucht im Asyl mehrfach wieder aufnahm, lud er kreative Gäste ein wie Hannah Höch und Friedrich Vordemberge-Gildewart, einzelne "Grotten" dieser kleinteiligen Höhlenabstraktion zu gestalten. Leider ist von diesen plastischen Hauptwerken Schwitters nichts Originales erhalten. Sie wurden durch Krieg und Nachkriegswurschtigkeit zerstört. Aber das Sprengel-Museum besitzt immerhin eine von zwei ungefähren Rekonstruktionen, die nach den wenigen davon erhaltenen Schwarz-Weiß-Fotografien erstellt wurden.

Rund um diesen Einbau ins Museum werden nun alle 17 Merz-Ausgaben präsentiert, ergänzt um Collagen, Skulpturen und Gemälde von Schwitters und ihn begleitende Künstlern wie El Lissitzky, Hans Arp, Piet Mondrian, Theo van Doesburg oder László Moholy-Nagy. Ein Seitengang widmet sich den experimentellen Entwürfen für eine Einheitsbühne im Theater, die durch das freie Kombinieren abstrakter Formen unendlich viele Spielsituationen erzeugen sollte. Schwitters typographische und gestalterische Arbeit für große Werbekunden zeugt vom praktischen Kampf gegen die langweilige Norm in Alltagsdingen.

Und gegen Ende des Parcours singspricht der große Freigeist dann auch in dieser schönen Museumsanregung sein "Lanke trr gll". So geht "Langkörpergrill" nämlich in Kurt Schwitters Urlaut-Umschrift. Und da kann man in solidarischer Geisteshaltung wirklich nur lächelnd antworten: "Zieh You hio, zieh you a hu".

100 Jahre Merz im Sprengel-Museum Hannover bis 6. Oktober. Digitale Edition unter: www.schwitters-digital.de. Begleitband: Kurt Schwitters "Die Reihe Merz 1923-1932", herausgegeben von Ursula Kocher und Isabel Schulz im De Gruyter Verlag; 954 Seiten, 198 Euro.