Kunst Von Geistern geleitet

Lang vor der Erfindung der abstrakten Malerei haben Künstlerinnen wie Georgiana Houghton oder Hilma af Klint nicht gegenständlich gemalt.

Von Catrin Lorch

Der Verlust ihrer jüngeren Schwester Zilla traf Georgiana Houghton schwer. Die Töchter eines auf Gran Canaria lebendenbritischen Wein- und Brandyhändlers hatten in Frankreich die Schule besucht und eine künstlerische Ausbildung absolviert. Doch nach dem Tod der Schwester gab die 1814 geborene Georgiana die Malerei auf, obwohl sie "den größten Teil meines Lebens dieser Fertigkeit geopfert hatte". Es sollte viel Zeit vergehen, ehe sie wieder einen Stift in die Hand nahm - und dann auch nur, um wieder mit Zilla in Kontakt zu treten.

Der Geisterglaube viktorianischer Prägung gab sich wissenschaftlich, und Georgiana Houghton, die schon bei einer Séance versucht hatte, durch Klopfzeichen Zilla zu erreichen, hatte Tische gerückt und sich mit der sogenannten Planchette - einer handlichen Platte, in die man den Stift einhängt - im automatischen Schreiben geübt. Doch der Durchbruch kam, als sie den Geist der Verstorbenen am 20. Juli 1861 bat, ihr beim Zeichnen die Hand zu führen. Ohne Vorzeichnungen setzte sie mit dem Pinsel leuchtende, stilisierte Blumen und Früchte aufs Papier, dann Kreisel, Ringel, weit schwingende Bögen und kleine, farblich abgesetzte Knäuel.

Georgiana Houghton war davon überzeugt, dass eine wachsende Zahl von "Geistführern" wie die Großmeister Tizian oder Correggio, ihre Hand lenkten, denen "Hüter" und "Erzengel" assistierten. "Bei der Ausführung dieser Zeichnungen wurde meine Hand vollständig von Geistern geleitet", schrieb sie in einem Katalog zu einer selbst organisierten Ausstellung in der Londoner New British Gallery. "Ich selbst hatte keine Vorstellung davon, was produziert werden würde, und ich wusste auch nicht, wenn ein Strich ansetzte, ob er auf- oder abwärts fortgeführt würde."

In London war der Spiritismus um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ein Modephänomen, und Georgiana Houghton wurde zu Lebzeiten als Medium hoch geschätzt: Für den Fotografen Frederick Hudson, der mit "Spirit Photography" Aufsehen erregte, rief sie Geister, und ihr freundliches, leicht entrücktes, aber aufrichtiges Gesicht steht in merkwürdigem Gegensatz zu dem Mummenschanz, den dieser Hochstapler über Doppelbelichtungen in die Fotografien einfügte. Doch nach ihrem Tod 1884 wurde Georgiana Houghton vergessen. Viele der Blätter, die jetzt in der Ausstellung "Weltempfänger" im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses gezeigt werden, sind nur erhalten, weil sie auf verschlungenen Wegen ins australische Melbourne gelangt waren, wo die Victorian Spiritualists Union sie verwahrte, bis man Georgiana Houghton im Jahr 2015 wiederentdeckte und in Einzelausstellungen endlich würdigte. Die fein durchgearbeiteten Blätter verzwirnen Komposition und Kolorit und fangen die Abwesenheit von Motiven mehr durch die Spannung der Linienführung und die strudelige Präsenz meist warmer, fast greller Farbkontraste auf.

Doch wie soll die Kunstszene heute Werke bewerten, die weit vor der Zeit der Abstraktion vieles vorwegnahmen, was erst von Künstlern wie Piet Mondrian oder Wassily Kandinsky entwickelt und durchgesetzt wurde? Schon vor der Wiederentdeckung von Georgiana Houghton wurden solche Fragen vor allem am Werk der Schwedin Hilma af Klint diskutiert, deren Bilder und Papierarbeiten nun ebenfalls im Lenbachhaus gezeigt werden, das mit der Ausstellung eine konzentrierte Übersicht zu sechs Künstlern zusammengestellt hat, die allesamt ihre Arbeit in anderen Zusammenhängen, vor allem spirituellen, sahen als allein in der Kunst.

Auch die 1862 in Stockholm geborene Hilma af Klint war eine ausgebildete Künstlerin. Sie hatte an der schwedischen Kunstakademie mit Auszeichnung abgeschlossen und wurde als Historienmalerin und Illustratorin wissenschaftlicher Werke geschätzt. Doch Hilma af Klint war schon als Jugendliche in Kontakt mit okkulten Kreisen gekommen und soll mediale Fähigkeiten gezeigt haben. Und so wuchs nach dem Tod einer Schwester im Jahr 1880 bei ihr das Bedürfnis, mit der anderen Seite in Kontakt zu treten.

Der Spiritismus war auch im Stockholm der Jahrhundertwende verbreitet, wie in London vielleicht als Reaktion auf die Industrialisierung und die Marginalisierung der spirituellen oder religiösen Dimensionen des Lebens. Während die Forschung Röntgenstrahlen und Radioaktivität entdeckte, schloss man sich verunsichert in bürgerlichen Kreisen zu Zirkeln und Gruppierungen wie "Die Fünf" zusammen, die Hilma af Klint mit vier Freundinnen begründete.

Gemeinsame Séancen wurden dabei sowohl in Schrift, aber auch in Skizzen oder Bildern festgehalten. Allerdings sollte der Stil von Hilma af Klint die verbreiteten Naturformen, Schnecken oder floralen Motive weit hinter sich lassen. Nachdem ein Geist ihr bei einer Sitzung im Jahr 1904 vorausgesagt hatte, sie werde Bilder auf der "Astralebene" malen, und sie von Geistern beauftragt wurde, an einem Tempel mitzubauen, schuf Hilma af Klint in den Jahren zwischen 1906 und 1915 fast 200 meist abstrakte Werke.

Im Kunstbau sind nun nicht nur die sensationellen großformatigen Gemälde zu sehen, die wie "Gruppe IX/SUW, Der Schwan, Nr. 18" (zwischen 1914 und 1915) in staubtrockenem Braun, Schwarz und einem zielscheibenbunten Kreis nicht nur die ungegenständliche Kunst vorwegnehmen, sondern auch schon die visuelle Erfahrung von Minimal und Farbfeldmalerei. Auch die kleinformatigen Studien in Aquarell, bei denen Hilma af Klint sich an Goethes Farbenlehre orientierte, sind kräftig und mit sicherem Blick gesetzte Farbverläufe.

Diese in Deutschland erstmals gezeigten Papierarbeiten schließen überzeugend an die großformatigen Blätter von Emma Kunz an, einer 1892 geborenen Schweizer Heilerin, die sich für ihre spiegelsymmetrischen, quadratischen Zeichnungen auf Millimeterpapier von einem Pendel leiten ließ. Ihre unerwartet modern wirkenden Grafiken, von Ende der Dreißigerjahre an entstanden, las und interpretierte sie als Botschaften aus einer anderen Welt. Sie halfen der Heilerin bei der Behandlung von Kranken oder gaben Antwort in wissenschaftlichen Fragen.

Dass die Schau mit "Weltempfänger" betitelt ist, irritiert zunächst, geht es doch den Künstlerinnen darum, Botschaften aus einem Jenseits einzufangen. Der Begriff bildet andererseits durchaus den fast wissenschaftlichen Anspruch dieser Künstlerinnen ab, die nicht etwa auf der Reise ins Jenseits waren, sondern sich als Instrumente verstanden, um unsichtbare, aber durchaus reale Erscheinungen wahrzunehmen. Lange hat die Kunstgeschichte solche Werke als "Effekte" abgetan und sich mit der Diskussion, ob die Abstraktionen einer Hilma af Klint nun wirklich abstrakt gemeint waren, aufgehalten: Schließlich hätte man dann die Erfindung der Abstraktion einer Frau zuschreiben müssen.

Doch die Ausstellung blickt bereits zurück auf anderthalb Jahrzehnte der Debatte. Die Frage eines verbindlichen "Kanons" der Kunstgeschichte hat sich in den vergangenen Jahren ohnehin aufgelöst, in denen vor allem die zeitgenössische Kunst neugierig über die Peripherie ihrer eigenen Begrenzungen hinaus geschaut hat und in Folge viele bislang marginalisierte Werke international gewürdigt, aufgearbeitet und diskutiert werden.

Insofern ist es souverän, dass die Kuratoren Karin Althaus und Sebastian Schneider darauf verzichtet haben, die Werke von Hilma af Klint, Georgiana Houghton und Emma Kunz mit den im Lenbachhaus hervorragend vertretenen Modernen wie Kandinsky zu konfrontieren. Stattdessen haben sie die Ausstellung um Künstler erweitert, die sich ebenfalls mit Spiritualität beschäftigten und deswegen als Avantgarde lange übersehen wurden: Die drei Amerikaner Harry Smith, John Whitney und James Whitney und ihre Experimente mit Film und Musik waren bislang vor allem Spezialisten bekannt. Ihre frisch restaurierten, überwiegend abstrakten Filme, die beispielsweise Musik in Bilder übersetzen oder Jazzmusiker zu Improvisationen anregen sollten, greifen als visuelle Experimente aus den Vierziger- bis Sechzigerjahren der Filmgeschichte fast so weit voraus, wie Georgiana Houghtons freihändige, strahlende und zutiefst spirituelle Zeichnungen der Kunst.

Weltempfänger. Lenbachhaus, München. Bis 10. März. Der Katalog kostet 32 Euro.