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Kunst und Trump:Punk und Politik

Wie politisch kann, soll und darf Kunst sein? Raymond Pettibon hat darauf immer neue Antworten gefunden. Eine Retrospektive in New York führt sie erstmals zusammen.

Von Peter Richter

Der Künstler war natürlich anwesend, er wohnt schließlich um die Ecke. Aber Peter Schjeldahl vom New Yorker hat mit seiner Beobachtung schon recht: Er wirkt grundsätzlich so, als wäre das Gegenteil der Fall und der Künstler also gleichzeitig ganz woanders. Raymond Pettibon, inzwischen 59 Jahre alt, stand in seiner großen Retrospektive im New Museum, als ob er unerkannt entkommen wollte. Dann faltete er seinen großen Körper zwischen die der anderen Leute in den Lift und fuhr nach unten. Dort unten sollte sein Berliner Galerist Bruno Brunnet kurz darauf "Wahnsinn" rufen, und damit nicht nur die Qualität, sondern auch die schiere Quantität des Pettibon'schen Œuvres meinen.

Wenige Momente davor wiederum hatte sich im zweiten Stock Museumsdirektor und Kurator Massimiliano Gioni symbolisch den Schweiß von der Stirn gewischt, als er gefragt worden war, wie lange es gedauert habe, so viele Leihgaben zusammenzubekommen, von so vielen verschiedenen Sammlern. Mit anderen Worten: Diese Werkschau ist eine Feier der Überfülle, und überfüllt war auch ihre Eröffnung: All diese New Yorker Kunst-Hipster, sichtlich entschlossen auf der Flucht aus der depressiven Post-Trump-Stimmung in der Stadt, und dann - et in Arcadia - stießen sie auch bei Pettibon auf den Gelbhaarigen. Natürlich gerade auch bei Pettibon.

Als alle anderen Trump noch als Clown darstellten, zeigte er ihn schon so grimmig, wie er ist

Wer so oft Ronald Reagan und George W. Bush dargestellt hat, kommt um Trump offenbar nicht herum. Pettibons Bild stammt allerdings von 2016, aus dem Wahlkampf, als alle anderen den Mann noch als brüllende Witzfigur dargestellt haben oder als Schwabbel-Akt mit Mikropenis. Bei Pettibon sah er damals schon so grimmig und holzschnittig aus, wie Trump sich vermutlich selber sieht und auf seinem offiziellen Foto, das er nun auch in alle Amtsstuben hat hängen lassen. Hinter ihm bauscht sich, ebenfalls wie in der offiziösen Machtikonografie, die amerikanische Flagge, und Pettibons spezielle Zutat zu seinem prophetischen Präsidentenporträt ist der Text, den er auf die Streifen der Flagge geschrieben hat. In kurznachrichtentypischen Wortverkürzungen ist da davon die Rede, wie er den ganzen Morgen SMS geschrieben habe, um sich auf die Debatten vorzubereiten. In diesem Stil kommt auch die Sprechblase aus seinem Mund, nicht sein bekanntes "You're fired", sondern: "YR HIR'D!"

Um die Kraft allein dieses einen Blattes wirklich auskosten zu können, muss man vielleicht unmittelbar vorher erst die Sammel-Ausstellung in der Petzel Gallery gesehen haben, in der Künstler "auf die gegenwärtige Lage reagieren". Was man da nämlich sieht, sind vor allem die üblichen Donald-Trump-Karikaturen, mal als Donald Duck mit Föhnfrisur, mal als fotorealistischer Golfer vor brennendem Himmel, mal als minimalistisches Schriftbild "Liar", Lügner. Was man da sieht, ist mit anderen Worten, dass die Erwartung, Trumps Wahlsieg würde unmittelbar die Künste zu rebellischen Höchstleistungen beflügeln, vielleicht etwas übereilt war, weil Kunst, die mit so viel Schaum vor dem Mund politisch sein will, einfach keine überzeugende Kunst ist - und dadurch am Ende nicht einmal politisch.

NM Pettibon

"No Title (Let me say,)" von 2012. Raymond Pettibon hat sich schon immer an amerikanischen Mythen wie dem Surfen, dem Baseball oder den Präsidenten abgearbeitet. Das Politische hat sich dabei nie angebiedert: "Bei meiner Arbeit wird der Sack nicht mit einer Pointe zugemacht."

(Foto: Raymond Pettibon/Courtesy Regen Projects)

Wie politisch kann, soll und darf Kunst sein? Das ist auf einmal die absolut bestimmende Frage zur Eröffnung von Pettibons erster großer Retrospektive in seiner Wahlheimatstadt New York, woran man wieder einmal sieht, wie sehr zufällige Kontexte die Rezeption prägen. Denn der Planungsvorlauf so einer Riesenausstellung ist natürlich von ganz anderen Dimensionen als ein Präsidentschaftswahlkampf, und die vierzig Jahre Kunstproduktion von Raymond Pettibon werfen durchaus auch noch ein paar andere Fragen auf.

Mit dem Künstlernamen fängt das schon mal an, wenn einer eigentlich Raymond Ginn heißt. Man weiß, dass sein Vater ihm den Spitznamen "Petit bon" verpasst hatte. Aber wieso unter diesem Namen Kunst machen, wenn man selbst weder klein ist, noch Bescheidenes vorhat und "gut" im Sinne von virtuos die Sache auch nicht unbedingt trifft?

Es ist die Frage nach der Beziehung zum Punk, die da aufkommt, wenn ein Surfer aus Südkalifornien Bilder zeichnet, die nach Comic und Cartoons und stillgestellten Stummfilm-Szenen aussehen, ohne selbst Comics oder Cartoons oder stillgestellte Stummfilm-Szenen zu sein. Und Pettibon erklärt im Katalog fast ein bisschen verbittert, dass zwischen Kunst und Musik eine Einbahnstraße verlaufe, er also, schon weil sein Bruder bei Black Flag Gitarre spielte, zwar viele Plattenhüllen für Punkbands entworfen habe, aber nie etwas vom Punkrock in seine Arbeit zurückgeflossen sei.

Eine Frage, die sich in dieser Retrospektive gut verfolgen ließe, wäre stattdessen, wie sich unter den Posen des bildsüchtigen Dilettanten allmählich eine geradezu klassische Schönlinigkeit ausbildet und freischält, die irgendwann gar nicht mehr so ungelenk und hart sein kann, wie sie vermutlich gern wäre. Es stellt sich die Frage, ob Pettibon sich eine Zeit lang das sehr amerikanische Sujet des Baseball-Spielers nicht vor allem deshalb vorgenommen hat, weil es klassische Atelierposen erlaubt, ohne dass die so akademisch ins Leere fuchteln wie die Gipsfiguren im Antikensaal. Und ob eine Serie wie die zu den gotischen Domen aus der Mitte der Nullerjahre nicht vor allem dazu diente, das Geschäft mit den Linien ins entschieden Malerischere zu treiben.

Aber wenn in diesen Tagen eine Raymond-Pettibon-Retrospektive eröffnet, sind es nun einmal weniger die stilkritischen als die ikonografischen Fragen, die sich aufdrängen, also Fragen nach den immer wiederkehrenden Köpfen von Hitler und Stalin, Nixon und Reagan, Bush und nochmals Bush und jetzt eben auch Trump. Kein amerikanischer Künstler dieser Güteklasse hat sich dermaßen viel mit dem Irak-Krieg auseinandergesetzt und mit der Folteraffäre von Abu Ghraib. Kaum ein anderer hat sich so beständig an der Unterseite der amerikanischen Kultur abgearbeitet, an dem Albtraumhaften daran und an den Gegenkulturen.

Donald Trump

No Title (I spent ayll...)von 2016.

(Foto: Raymond Pettibon/Courtesy of David Zwirner, New York)

Aber dann ist es mit der Kunst wiederum nicht anders als mit dem Künstler: Sie ist schon da, wo es wehtut, aber gleichzeitig macht sie immer auch den Eindruck, als sei sie ganz woanders. Der Unterschied zwischen seiner Kunst und politischen Cartoons sei der, dass seine Kunst eben nicht so gnadenlos direkt sei, sondern offene Enden habe, erklärt Raymond Pettibon im Katalog. "Bei meiner Arbeit wird der Sack nicht mit einer Pointe zugemacht." Er glaube nicht, sagt er da zu Massimiliano Gioni, dass ein Künstler heute irgendeine Machtposition habe oder auch nur eine Plattform, um wirklich etwas zu bewegen. Und wenn, dann eher im negativen Sinne: Man bringe die Leute damit nur dazu, die eigene Position rundheraus abzulehnen. "Was auch immer dein Anliegen ist, du würdest ihm einen Bärendienst erweisen, weil die Rolle des Künstlers, so wie sie sich heute darstellt, diese Form des Engagements nicht erlaubt."

"Wenn meine Arbeit wirklich Einfluss hätte, dann hieße der Präsident jetzt Bernie Sanders."

Man kann sich das verwirrte Kopfkratzen ganz gut vorstellen da draußen, wo jetzt so viele ihre ganze Wut und Ratlosigkeit am liebsten ungefiltert in brüllende Agitprop-Plakate gegen Trump und Amerika und den Faschismus und so weiter gießen. Aber Raymond Pettibon ist nun einmal vielleicht nicht nur einer der produktivsten amerikanischen Künstler, sondern auch einer der reflektiertesten. Der Punkt bei seinen Irak-Kriegsbildern sei nie der Glaube gewesen, wirklich etwas daran ändern zu können, sondern allenfalls vor sich selbst und der Welt aktenkundig gemacht zu haben, dass er eine Haltung dazu hatte - und dass er recht hatte.

Und für alle, die es ganz unmissverständlich brauchen, hat er es im Interview mit dem Stadtmagazin Time Out noch ein bisschen deutlicher gemacht: "Wenn meine Arbeit wirklich Einfluss hätte, dann hieße der Präsident jetzt Bernie Sanders."

Raymond Pettibon: A Pen of All Work. New Museum, 235 Bowery, New York. Bis 9.4., Alle Infos: http://www.newmuseum.org/ Katalog 100 Dollar.

© SZ vom 16.02.2017

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