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Kunst und Politik:Vom Jäger zum Sammler

In Winterthur feiert eine Ausstellung "Meisterwerke aus der Sammlung Christoph Blocher". Wird der politische Extremismus mit Kunstweihen bemäntelt? Eine Begegnung.

Es ist einer der letzten Tage, die Marc Fehlmann als Direktor des Oskar-Reinhart-Museums in Winterthur verbringt. Im nächsten Jahr wird er Sammlungsdirektor am Deutschen Historischen Museum in Berlin. Er kann seine Freude kaum verhehlen und findet ein halbes Dutzend Adjektive, um die Engstirnigkeit der Winterthurer zu illustrieren. Manchmal lacht er vor Freude laut auf, ein anderes Mal hüpft er fast durch die Galerie. Als dann ein Mitarbeiter ankündigt, "Herr Doktor Blocher" warte bereits unten, sagt Fehlmann: "Gib ihm einen Kaffee und ein Wasser." Er brauche noch ein paar Minuten. Der Gast ist eine halbe Stunde zu früh dran.

Interviews mit Christoph Blocher, 75, Übervater der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP), sind selten. Seine Presseabteilung hat Übung darin, Anfragen abperlen lassen. An diesem Montag ist alles anders. Blocher hat Zeit, anderthalb Stunden. Seine neue Rolle gefällt dem Rechtsaußen-Politiker.

Seit das Museum Oskar Reinhart im Oktober die Ausstellung "Hodler Anker Giacometti. Meisterwerke aus der Sammlung Christoph Blocher" eröffnet hat, schreiben die Schweizer Medien von einem anderen Christoph Blocher. Aus dem lauten, aggressiven Politiker, der die Grenzen des Miteinanders immer wieder überschreitet, ist ein kultivierter älterer Herr geworden. Die Neue Zürcher Zeitung findet, es sei "ein Glück für alle Kunstinteressierten, denn seine Sammlung ist von außerordentlichem Wert". Die Lokalzeitungen freuen sich über den "intimen Einblick" in Blochers Privaträume - und der Tages-Anzeiger macht mit nur einer Überschrift klar, dass er den Sammler Christoph Blocher völlig losgelöst von Politik betrachten möchte: "Einfach verdammt gute Kunst".

Zehntausende Besucher haben sich in den vergangenen zwei Monaten angesehen, welche Schweizer Maler bei Blocher im Esszimmer, im Büro oder im Flur hängen. Es ist die erfolgreichste Ausstellung, die das kleine Museum in Winterthur je präsentieren konnte. Marc Fehlmann macht wieder einen kleinen Hüpfer. "Wir werden bis Ende Januar über 50 000 Besucher erreichen." Das ist ein gigantischer kommerzieller Erfolg. Aber was zieht die Leute an, abseits des Promi-Faktors?

Es sei eine leicht zugängliche Ausstellung, sagt Fehlmann. Der kunsthistorische Erkenntnisgewinn sei zwar - verglichen mit anderen Ausstellungen, die er in den letzten Jahren in Winterthur realisiert habe - relativ gering, "aber die Menschen schauen sich die Bilder gern an". Es sind schlichte Bilder, insgesamt 83, alle um das Jahr 1900 entstanden. Darunter befinden sich Porträts von Schweizer Kindern, die in die Ferne schauen. Oder es handelt sich um Schweizer Familien in alltäglichen Situationen. Auch der berühmte Schulspaziergang von Albert Anker ist zu sehen: Eine Lehrerin führt Kinder durch malerische Berglandschaften. Fehlmann sagt: "Für mich sind es Bilder, die gerade in unsicheren Zeiten Orientierung bieten. Die Leute stehen davor und sagen: ,Mensch, da konnte noch einer malen'."

Bei Blocher klingt das etwas anders. Auch er führt noch einmal durch die Sammlung - wobei er sich von dem Begriff distanziert. Er habe ja gar nicht gewusst, dass er eine Sammlung besitze, sondern einfach immer nur die Bilder gekauft, die ihm gefielen. Dass diese dann auch mal ein paar Millionen kosteten, dass irgendwann sowohl sein Haus in Herrliberg als auch sein Schloss in Rhäzüns und eine unterirdische Galerie voller Bilder waren, das habe sich so ergeben.

Wie zufällig es doch sei, wohin man geboren werde . . . sagt ein erbitterter Flüchtlingsgegner

Die Ausstellung in Winterthur zeigt: Wenn Blocher ein Motiv besitzt, kauft er nach Möglichkeit sämtliche ähnliche Bilder. Ferdinand Hodlers Perspektive auf den Grammont ist immer gleich: Vorne der See, in der Mitte türmt sich der Berg auf. Einmal erscheint er blau-grün, ein anderes Mal wird er von der Morgensonne goldgelb angestrahlt. Fehlmann hat die Zwillingsbilder direkt nebeneinander gehängt, "wie bei Warhol". Blochers Eigendarstellung - nur ein paar Bilder, keine Sammlung - wird ad absurdum geführt.

Dass die Presse so freundlich mit ihm umgegangen ist, freut Blocher. Den einzigen negativen Bericht veröffentlichte die Wochenzeitung (WOZ). Dort hieß es, man müsse scheinbar seinen Verstand an der Garderobe abgeben. Den Satz hat sich der SVP-Patriarch gemerkt. "Was für ein Unsinn. Aber die WOZ ist eine linke gegnerische Zeitung - ohne große Bedeutung."

Noch ärgerlicher wird der frühere Unternehmer und mehrfache Milliardär, wenn man ihn fragt, ob er das Schweizer Kulturmagazin Du, das ihm im Oktober eine ganze Ausgabe widmete, gekauft habe. Eine bösartige Unterstellung sei das, schimpft Blocher und wiegt ärgerlich seinen Arm, den er nach einem kleinen Unfall in einer Schlinge trägt. Vergleichbar mit den Nazis, die den Reichstag angesteckt hätten und dann behaupteten, die Juden und Kommunisten seien es gewesen.

Also lieber wieder zu den Bildern. Sein liebstes Bild, ein ernstes junges Mädchen, hing beim Essen immer rechts von ihm. "Ein ganz feines, seelenvolles Gemälde. Das Mädchen hat keinen Namen, es ist nicht einfach das Bildnis von Trudi Müller aus dem Nachbartal. Es steht für alle Kinder, alle Menschen." Blocher streicht zärtlich über die blonden Haare, die das Museum jetzt hinter eine Glasscheibe gesteckt hat. "Dafür hat Anker einen ganz feinen Pinsel verwendet, sehen Sie? Hergestellt aus den Wimpern eines Rehs."

Jäger, Sammler, Übervater: Christoph Blocher.

(Foto: Reuters )

Dann eilt er durch den Raum zu einem anderen Kinderbild: Ein schwarzgekleidetes Mädchen wird von einer Freundin getröstet. "In diesem Alter weiß man noch nichts über Trauerkonventionen." Man sehe: echte Trauer, echtes Mitgefühl. Was ihn an Anker fasziniere? Blocher holt zu einer überraschenden Erklärung aus: Der Maler beschäftige sich mit den Lebensphasen, auf die man am wenigsten Einfluss habe. "Junge, starke Menschen in der Mitte des Lebens interessieren ihn nicht." Das sei für ihn eine schöne Erinnerung: Wie zufällig es doch sei, wohin man geboren werde. Solche Worte von einem erbitterten Flüchtlingsgegner zu hören - dafür haben die Gäste an diesem Abend je 100 Franken (etwa 93 Euro) gezahlt. Etwa 50 Leute sind gekommen. Meistens ältere Ehepaare.

Das Publikum ist fasziniert von Blocher. Wenn er einen Schritt zur Seite macht, drehen sich alle mit ihm. "Es ist Wahnsinn, wie er die Massen bewegt, oder?" flüstert Direktor Marc Fehlmann. Spricht man einen der Zuhörer an, so sagen sie schnell, sie seien "nicht immer" mit Blocher einverstanden, "er ist aber eine Art Übervater für uns, wissen Sie?" Einig ist man sich darin: Um Politik gehe es diesmal nicht. Die Landschaften Hodlers und die Porträts von Anker kommen gut an. Noch besser wird die Stimmung, wenn Blocher aus seinem Privatleben berichtet. Wie er in politisch stressigen Zeiten Halt bei einem Bild gefunden habe. Oder wie er nachts manchmal aufstehe, um seine Gemälde zu betrachten.

Am Ende der Ausstellung ist ein Foto von Blocher zu sehen, das ihn beim Schwur als neues Regierungsmitglied zeigt - "vielleicht war es ein Fehler, mich in dieses Gremium wählen zu lassen. Dort kann man zu wenig bewegen." Dann spricht er über die Europa-Abstimmung Anfang der Neunzigerjahre, die Alternative für Deutschland. Es ist ein anderer Christoph Blocher als der, der dem Mädchen über die Reh-Wimpern-Haare streicht. Klar ist nur: Beides ist Politik.

Hodler Ank er Giacometti. Meisterwerke der Sammlung Christoph Blocher. Bis 31. Januar 2016 im Museum Oskar Reinhart, Winterthur, Schweiz. www.hodler-anker-giacometti.ch

© SZ vom 24.12.2015
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