Kunst und Leben von Hugues de Montalembert "Mischung aus ausgefallenem Sport und Yoga"

Wenn man nun schreibt, "Der Sinn des Lebens ist das Leben" sei im Grunde eine Feier der Unabhängigkeit und des Lebensmutes, dann klingt das nach Paolo Coelho oder Hermann van Veens Mädchen mit dem kleinen roten Luftballon. Nichts ist Montalembert ferner als Pathosformeln oder Trostprosa. Auf die Frage, was die größte Gefahr am Blindsein sei, antwortet er in seiner Pariser Wohnung: "Die Lebensangst, die so viele Blinde für den Rest ihres Lebens in ihren Wohnungen und in der Sorge ihrer Eltern verschwinden lässt. Aber eine noch größere Gefahr ist unsere Heiligkeit." Er wartet kurz, dann lacht er wieder dieses wilde, zottelige Lachen, das klingt, als würde er dabei etwas in Stücke reißen. "Der Krankheitskitsch. All dieses Erhabenheitsgetue. Die Pfarrer, die dir verschwörerisch zumurmeln, als würdest Du mit ihnen ein Geheimnis teilen. Jesus und du. Was für eine Hochstapelei!"

In seinem Buch erzählt er vom Vortrag eines Blinden, damals im Rehazentrum. "Der Mann sagte: ,Seit ich mein Augenlicht verloren habe, bin ich ein viel besserer Mensch geworden!' - ,Hacken Sie sich ein Bein ab und Sie werden noch viel besser!' rufe ich ihm von meinem Platz aus zu. Der Einzige, der lacht, ist ein blinder Hindu, der kürzlich von Bombay hergekommen ist. Alle anderen glauben, ich hätte Probleme. Lachend verlasse ich zusammen mit Jet, dem Hindu, den Raum."

Abhacken und alles wird noch besser: Die größte Kraft gewinnt Montalemberts Buch aus seiner prägnanten Kürze. Er erzählt sein ganzes, reiches Leben auf gerade mal 120 Seiten. Die knappen Sätze wirken oft wie Pfeile, die in ein Dunkel weisen, aus dem heute geheimnisvollerweise Licht zu kommen scheint. Das eigentliche Wunder aber ist, dass dieses Buch eines Blinden ein Buch voller Bilder ist, voller magischer Landschaftsbeschreibungen und visueller Eindrücke.

Hugues de Montalembert ist alleine nach Indonesien gereist und nach China, er hat einen Winter im Norden Grönlands verbracht und auf dem Dach eines entlegenen Himalayaklosters übernachtet. Im Buch bezeichnet er diese Reisen mal als "Mischung aus einer ausgefallenen Sportart und Yoga. Es rüttelt einen wach." Er schreibt von all den bereisten Gegenden, als habe er sie mit eigenen Augen gesehen, die vorbeitreibenden Eisberge im Ilulissat-Fjord genauso wie die Weite des Himalaya, ja die Bilder dieser Landschaften stehen so klar vor ihm, dass er in der Erinnerung kaum glauben kann, sie nicht gesehen zu haben. Es ist wie mit diesem Freund, der ihn eines Tages fragte, wie er sich sein Gesicht vorstelle. Montalembert sagte, die Frage sei unsinnig, er kenne ihn doch noch aus der Zeit vor dem Unfall. Was nicht stimmte. "Wir rechneten nach, und ich hatte mich geirrt. Dabei weiß ich genau, wie er aussieht. Nur dass ich nicht weiß, ob er so aussieht."

Montalembert lebt seit 33 Jahren im Dunkel. Und hat trotzdem nicht das Gefühl, dass der Nabokovsche Untergangsschatten länger wird oder dass die Sonne, die ihn wirft, gar erlischt. So frisch und klar sind seine visuellen Erinnerungen, dass er kürzlich mit einem Freund ins Museum ging, um diesem vor einem Bild von Balthus dessen raffinierte Lichtregie zu erklären. Ein Kamerateam, das zufällig im Museum war, nahm die Szene auf, der Blinde, der so genau beschreiben kann, wie das Licht auf dem Gemälde schräg durch eine Dachluke fällt, einen Fleck an die Wand wirft und als Abglanz auf dem weißen Unterarm der Porträtierten schimmert.

An diesem Nachmittag in Paris hält er plötzlich auf dem Sofa inne: "Oh. Hat der Regen aufgehört? Schauen Sie mal, wie das da drüben leuchtet." Auf der anderen Straßenseite steht das uralte Palais, in dem früher die Bibliotheque Nationale untergebracht war. Die alten, dunklen Ziegel leuchten tatsächlich unterm frischen Regenfilm. Ein merkwürdiges Licht, das direkt aus dem Lackschwarz der Ziegel zu strahlen scheint.