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Kunst und Gesellschaft:"Wie reine Luft und reines Wasser"

Deutscher Musikautorenpreis 2015 für Helmut Lachenmann

Helmut Lachenmann, geboren 1935 in Stuttgart, zählt zu den international einflussreichsten Komponisten und Kompositionslehrern der experimentellen Avantgarde.

(Foto: Lebrecht Music And Arts Photo)

Seine Musik spielt mit der Erweiterung der Klänge und Klangtypen: Der Komponist Helmut Lachenmann im Gespräch über Demokratie und Kunst in Zeiten der Krise.

Interview von Wolfgang Schreiber

SZ: Herr Lachenmann, warum brauchen Menschen überhaupt Kunst? Diese Frage stellt sich, weil ihre Daseinsberechtigung heutzutage vielen als demokratisch begründet erscheint.

Helmut Lachenmann: Ach wissen Sie, für die Mehrzahl der demokratisch ans Ruder Geratenen sind Künstler, nicht zuletzt Musiker, gar Komponisten freundlich benutzt und beklatscht, gar auch mal bejubelt oder bebuht, gerne geduldet, vielleicht interessant, aber letztlich machtirrelevant. Ich traue dem weithin unreflektierten Begriff des Demokratischen nicht mehr so recht über den Weg: Er erwies und erweist sich allzu oft als im Sinne finsterer Interessen hemmungslos missbrauchbar. Bei der Wahl in Thüringen konnte man zum Glück gerade noch die demokratisch nicht ganz unanfechtbare Notbremse ziehen. Demokratie scheint ebenso hilflos gegen das gefährliche Virus der Demagogie wie gegen das der Verblödung.

Fehlt manchen Politikern möglicherweise die Sensibilität, oder auch nur das Wissen darüber, was Kunst im Tiefsten bedeutet?

Jedenfalls weiß ich, dass die Geringschätzung dessen, was Kunst leistet und bedeutet, insofern sie über feinsinnige Erbauung als gehobenes Entertainment hinausgeht und den Menschen berührt, ihn an seine Geistfähigkeit erinnert, gar gemahnt; dass solche zwar am Ende unterlassene, aber zuvor schamlos versuchte Hintansetzung, gar Ausgrenzung verräterisch ist für unser sanftes Abgleiten in eine weithin kommerziell hypnotisierte Spaß- und Spießgesellschaft. Wenn Demokratie dem Menschen den Rahmen gewährleisten soll, das Beste in sich menschenwürdig zu verwirklichen, dann sollten ihre gewählten Repräsentanten auch in krisenbelasteten Zeiten den Stellenwert der Kunst und die Unverzichtbarkeit der Einrichtungen und derer erkennen, die der Vermittlung dieser Erfahrungen dienen.

Die Kunst war zu früheren Epochen in erster Linie eine Dienstleistung für die Reichen und die Mächtigen. Ist sie inzwischen von dieser Beschränkung befreit worden?

Daran hat sich wenig geändert. Die Mächtigen, das ist heute die Mehrheit. Ich selber begeistere mich für jede Art von Kunst, wo sie die fantasievolle Beherrschung eines Metiers meint, sei es im Alltag, bei der Arbeit oder in der Freizeit, Sport und Entertainment inbegriffen. Auch diese Künste werden gebraucht.

Aber Kunst im emphatischen Sinne?

Ja, aber das klingt zu einschüchternd. Tatsächlich viel zu wenig beachtet und nur schlampig vermittelt ist jene Erfahrung von Kunst, die über Dienstleistungsfunktion hinaus spätestens im 18. Jahrhundert bei Beethoven definitiv zu sich selbst gefunden hat: Kunst, wie beglückend und oder irritierend auch immer, so oder so belebend als sinnlich vermittelte Nachricht von Geist, Kunst als Erinnerung an unsere Fähigkeit, uns, unser Denken und Fühlen immer weiter zu öffnen, unseren ästhetischen Horizont zu erweitern und als existenzielle Erfahrung die Erinnerung an unsere Vergänglichkeit mit intensivster und zugleich wachsamster Lebensfreude zu verbinden. In solch erfrischender Energie liegt das kostbare Vermächtnis unserer Tradition und die Aktualität der Kunst von gestern und von heute. Sie gehört zur Lebensqualität wie reine Luft und reines Wasser.

Kann denn ein solcher hoher und fordernder Kunstanspruch überhaupt allen Menschen nahegebracht werden?

"Nichts für den Gaumen der Wiener", sagte der Kaiser zu Mozarts "Don Giovanni", der heute Millionen einspielt und als Mobiltelefonsignal und in nervenden Warteschleifen genutzt wird. Ich erwarte nicht, dass die Gesellschaft aus der teilweise dramatischen Rezeptionsgeschichte nicht zuletzt der heute beliebtesten und gefragtesten Werke etwas lernt, deren Schöpfer dabei selten materiell profitiert haben. Aber jedes Feuilleton, jeder Schul- und Hochschulunterricht, jedes Programmbuch, jede Kultursendung im Rundfunk, jedes öffentlich ausgestrahlte Gespräch über Kunst, welches deren in einem Kulturland unverzichtbare Substanz nicht bewusst macht, ist eine vertane Chance für eine glaubwürdig erfüllte Demokratie. Ich wünsche uns allen eine neue Nachdenklichkeit, denn die nächste Krise kommt bestimmt.

© SZ vom 28.05.2020
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