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Kunst:Träumen von Arkadien

"5000 Zimmer Küche Bad" - ein Experiment in der ehemaligen Bayerischen Kriegsakademie

Von Jürgen Moises

Ein Leben jenseits von gesellschaftlichen Zwängen. Dafür steht der bekannte Mythos von Arkadien. Und daher passt es doch sehr gut, dass am Freitag um 16 Uhr der Botschafter Arkadiens in der Pappenheimstraße 14 vorfahren und das Experiment "5000 Zimmer Küche Bad" eröffnen wird. Denn auch das wirkt auf arkadische Weise utopisch. Zumindest für die zweieinhalb Tage, an denen mehr als 70 Künstler und Musiker dort in der ehemaligen Bayerischen Kriegsakademie Programm machen. Danach wird der prachtvolle, in den Jahren 1889/90 errichtete und unter Denkmalschutz stehende Neurenaissancebau in der Maxvorstadt saniert. Und aus den dann doch nicht ganz 5000 Zimmern mit Parkettböden und Stuckdecken werden anschließend wohl Büros und hochpreisige Wohnungen.

Aber zuvor wird, wie gesagt, der arkadische Botschafter die frühere Kriegsakademie beehren und nach seiner Eröffnungsrede die arkadische Flagge darauf hissen. Und wenn man Glück hat, wird er einem auch arkadisches Asyl gewähren. Eingeladen haben den Botschafter, der eigentlich Peter Kees heißt und als Konzeptkünstler in Bayern und Berlin lebt, Thomas Kupser und Amon Ritz. Die beiden sind die Organisatoren des Projekts "5000 Zimmer Küche Bad", das sie als "interaktive, kulturelle Aktionsplattform" verstehen: mit Ausstellungen, Installationen, Konzerten und Performances. In gerade mal zweieinhalb Monaten haben sie das alles auf die Beine gestellt, haben die Künstler rekrutiert sowie Sponsoren und freiwillige Helfer.

Unter Denkmalschutz steht die ehemalige Bayerische Kriegsakademie in der Pappenheimstraße, die eine bewegte Vergangenheit hinter sich hat.

(Foto: 5000 Zimmer Küche Bad)

Die nötigen Fähigkeiten und Kontakte dafür haben sie sich bei anderen Projekten geholt. Thomas Kupser arbeitet seit einigen Jahren für das Münchner Medienzentrum, für das er Festivals wie die Filmreihe "Kino Asyl" organisiert. Der junge Mathematikstudent Amon Ritz hat als Schüler und Student freie Theater- und Filmprojekten realisiert und wird demnächst als Video-Assistent bei einem Projekt der Kammerspiele mitwirken. Die Künstler stammen unter anderem von der Kunstakademie, der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) und der Otto-Falckenberg-Schule. Hinzu kommen Bands und DJs wie Rette mein Pferd, Layo, Delph oder Unbekannt Verzogen, die auf einer Bühne im Hinterhof und bis 4 Uhr nachts im ehemaligen Heizungskeller auftreten.

Aber das ist nicht alles. In einem "Kino" werden Kurzfilme gezeigt. Die Macher des Münchner Science-&-Fiction-Festivals bespielen einen eigenen Raum. Die Redakteurinnen des im März gegründeten Online-Magazins Eigenleben.jetzt präsentieren Texte von Senioren. Und ein Friseur aus der unmittelbaren Nachbarschaft färbt und schneidet auf Spendenbasis Haare. Im Erdgeschoss wird es außerdem einen Gemeinschaftsraum mit Getränken, Tischtennis und Gokarts geben. Oder genau genommen sind es acht Räume, die durch offene Durchgänge verbunden sind. Durch diese das Gebäude zu begehen, ist an sich schon ein kleines Erlebnis.

Jetzt ziehen vorübergehend Künstler in den Neurenaissancebau ein.

(Foto: 5000 Zimmer Küche Bad)

Diese türlose Zimmerflucht dürfte von der Telekom stammen, die von 1994 bis 2017 Eigentümerin des Hauses war, zuletzt drei Etagen an ein Boardinghouse vermietet hatte und im Erdgeschoss noch immer einen Kindergarten betreibt. Denn die Akademie, in der Offizieren Dinge wie Taktik, Kriegsgeschichte oder Waffenlehre gelehrt wurden, war darin nur bis zum Ersten Weltkrieg installiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg war dort ein Krankenhaus untergebracht, später wurde das Haus von der Bundespost und dann der Telekom übernommen. Seit 2017 gehört das Gebäude und das zugehörige, passenderweise mit "Artists" titulierte Stadtquartier der Strabag Real Estate GmbH.

Ein mit Thomas Kupser befreundeter Mitarbeiter der GmbH war es auch, der ihm das mit der Zwischennutzung vorschlug. Und der Chance, ein Gebäude wie dieses zu bespielen, konnte er dann doch nicht widerstehen. Gleichzeitig tue es auch ein bisschen weh, gibt wiederum Amon Ritz zu, dass sie nach dem Wochenende wieder raus müssen. Schließlich wäre es doch die wahre Utopie, das Haus auch langfristig zu nutzen. Aber so etwas dürfte wohl nur im schönen Arkadien funktionieren, und nicht im vom Mietpreiswahnsinn erfassten München.

5000 Zimmer Küche Bad, Fr. bis So., 27. bis 29. Juli, Pappenheimstraße 14, www.5000zimmer.de

© SZ vom 26.07.2018
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