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Kunst:So viel Mut zum Pathos ist der Gegenwart fremd

Vor 150 Jahren wurde Käthe Kollwitz geboren. Ihre Kunst polarisierte. Die sonst so politisierte Gegenwartskunst aber tut sich schwer mit ihr.

Von Kito Nedo

Es gibt nicht viele Künstler, an deren Werk sich noch ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod erinnerungspolitische Debatten entzünden. Bei Käthe Kollwitz war das der Fall. 1993 hatte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl per Verwaltungsakt die vierfach vergrößerte Bronze-Kopie der Kleinplastik "Mutter mit totem Sohn" in Schinkels Neuer Wache Unter den Linden in Berlin aufstellen lassen. Der neue deutsche Gedenkplatz, gewidmet "den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft" löste kurz nach der Wiedervereinigung heftige Diskussionen aus, die sich auch um die Wahl des Kunstwerks drehten.

Man staunt schon ein wenig darüber, wie es Kohl mit dem Pieta-Coup gelang, der Linken eine ihrer Identifikationsfiguren streitig zu machen. Im Westen gehörten Kollwitz-Plakate mit dem berühmten "Nie wieder Krieg"-Motiv aus den Zwanzigern jahrzehntelang zur Demonstrations-Folklore der Friedensbewegung. In der DDR wiederum wurde die Künstlerin, die im April 1945 wenige Tage vor Kriegsende im sächsischen Moritzburg starb, wie eine Nationalheilige benutzt. Da halfen auch die wiederholten Hinweise auf ihre Tagebücher nichts, in denen sie sich auf die politische Unabhängigkeit der Kunst beruft.

Bereits 1967, anlässlich des 100. Geburtstages der Künstlerin, brachte der Kritiker Gottfried Sello in der Zeit diese widersprüchliche Qualität auf den Punkt: "Die Kollwitz ist trotz progressiver Ideen eine erzkonservative Künstlerin." Doch was heißt das? Vielleicht, dass die Zeichnungen, Radierungen, Lithografien, Holzschnitte und Skulpturen in ihrer komplexen Verschraubung von Epoche, Ästhetik und Politik mittlerweile zu ganz unterschiedlichen, vielleicht sogar gegenläufigen Lesarten anschlussfähig sind. Die gegenwärtige Rezeption kreist um eine weniger politisierte Sichtweise auf Leben und Werk. Eine umfassende, im letzten Jahr durch die Historikerin Yvonne Schymura vorgelegte Biografie (Verlag C.H. Beck) bemüht sich, Kollwitz "frei von politischen und persönlichen Verbindlichkeiten zu betrachten". Diesem Trend scheinen auch die Jubiläums-Ausstellungen in den beiden deutschen Kollwitz-Museen zu folgen, welche sich auf Selbstporträts (Köln) und ihren Freundeskreis (Berlin) konzentrieren. Eine Berliner Sonderschau in der Galerie Parterre am Prenzlauer Berg, dem ehemaligen Wohn-und Arbeitsort, will die Beziehungen der Künstlerin zu Berlin herausarbeiten (das umfangreiche Begleitbuch "Käthe Kollwitz und Berlin" ist gerade im Deutschen Kunstverlag Berlin erschienen).

Käthe Kollwitz, geboren am 8. Juli 1867 in Königsberg (heute Kaliningrad), studierte Kunst, als Frauen der Zugang zu den Kunstakademien noch verwehrt wurde. Sie besuchte stattdessen Kurse an den Künstlerinnen-Schulen in Berlin und München. 1898 wurde sie mit der Veröffentlichung des Grafikzyklus "Ein Weberaufstand" aus sechs Blättern nach Gerhart Hauptmanns Stück "Die Weber" schlagartig bekannt. Beinahe wäre sie auf der Großen Berliner Kunstausstellung von der Jury ausgezeichnet worden. Doch Kaiser Wilhelm II. legte sein Veto ein.

Die zeitgenössische Kunst will politisch engagiert sein - die große Kollwitz aber meiden alle

Aufgehalten hat sie das nicht: Im Januar 1919 wurde sie Professorin und als erste Frau in die Preußische Akademie der Künste gewählt. Da war sie, die 1914 ihren Sohn Peter im ersten Weltkrieg verloren hatte, schon eine öffentliche Figur. Sie suchte mit ihrer politischen Kunst, vielfach in Zeitungen und auf Plakaten verbreitet, ein großes Publikum und fand es auch. 1933 wurde sie von den Nationalsozialisten zum Austritt aus der Akademie gezwungen und faktisch mit Ausstellungsverbot belegt. Doch schon eine Dekade nach ihrem Tod galt ihre sozial engagierte Kunst in der Kunstwelt nicht mehr viel. Das Verschwinden vom Radar hat die amerikanische Kunsttheoretikerin Lucy Lippard einmal mit Kollwitz' Lebensnähe erklärt, die nicht zu den Künstlerklischees der Nachkriegszeit passte. Sie inszenierte sich weder als abgehobenes Genie noch als Außenseiterin. Sondern sie arbeitete an Themen wie Armut, Hunger, Mutterschaft, Tod oder Verlust der Söhne.

Für die Düsseldorfer Künstlerin Katharina Sieverding ist Kollwitz' Kunst durch einen hohen Grad der Einfühlung gekennzeichnet. In diesem Jahr erhält Sieverding den Käthe-Kollwitz-Preis der Berliner Akademie der Künste. "Kollwitz thematisiert soziale und politische Verhältnisse und sie will, dass ihre Arbeiten wirken", sagt Sieverding. "Affekt spielt dabei eine wichtige Rolle. Zentral finde ich, welch Rolle Selbstbestimmtheit für ihr Werk und Leben hat." Einen Grund für die Distanz der zeitgenössischen Kunst sieht Sieverding in dem Umstand, dass Käthe Kollwitz' Werk von der Rezeption ihrer Person überlagert werde.

An Kunsthochschulen, das berichten die Autoren Yury und Sonya Winterberg in einer 2015 erschienen Kollwitz-Biografie (C. Bertelsmann Verlag), kursiere seit Jahrzehnten der Slogan "Nie wieder Krieg, nie wieder Kollwitz!". Der Pathos und die Ergriffenheit vom proletarischen Elend passt scheinbar nicht zum hedonistisch-ironischen Selbstbild mancher Künstler. Das illustriert eine Serie von Gemälden, die Martin Kippenberger 1984 produzierte. In verschiedenen Varianten malte Kippenberger einen Weihnachtmann und ein durchgestrichenes Kanonenboot. Der Titel: "Krieg böse". Womöglich machte er sich über das Pathos von Anselm Kiefer lustig. Vielleicht aber auch über Kollwitz' berühmtes Anti-Kriegs-Plakat. In den Straßen von New York brachten ungefähr zeitgleich die Guerrilla Girls mit der kunstfeministischen Action-Figur "Kathe Kollwitz" ihre Wertschätzung zum Ausdruck.

Auch wenn heute intensiv wie lange nicht mehr diskutiert wird, ob die Kunst als Protest- und Widerstandsform taugt: Das Werk von Kollwitz erscheint bislang davon seltsam unberührt. Anders als die ähnlich kämpferischen Künstlerinnen Corita Kent (1918 - 1986) und Alice Neel (1900 - 1984) oder die amerikanische Malerin Florine Stettheimer (1871 - 1944) lässt sich anhand des Werks von Kollwitz die im Kunstbereich so routinierte Dynamik von Vergessen, Wiederentdeckung und Neubewertung offenbar nicht in so einfach in Gang setzen. Das Werk von Kollwitz sei "nicht produktiv zu entmarginalisieren", sagt etwa der Berliner Kurator Hans-Jürgen Hafner. Denn Kollwitz, deren Namen heute Schulen, Straßen und Plätze tragen, deren Konterfei Briefmarken schmückt und deren Kunst national wie international in Museumssammlungen präsent ist, war ja nie wirklich vergessen.

Im Laufe ihres Künstlerlebens hat Kollwitz ihre Kunst hin zu einer universellen humanistischen Bildsprache entwickelt. Von den frühen, feinstrichigen Radierungen über die späteren, nahezu expressionistisch anmutenden Holzschnitte, Lithografien und Skulpturen weicht das Grau zunehmender Schwärze; eine kompakte Schwere nimmt sichtbar zu. Am besten, man fährt selbst ins nächstgelegene Museum mit Kollwitz-Arbeiten, um das zu sehen. Um einen neuen Blick auf das Kollwitz-Werk zu wagen, muss die Gegenwart erst die alte Angst vor dem Betroffenheitskitsch überwinden. Es gibt gute, harte Kunst zu entdecken.

Überblick aller Ausstellungen und Veranstaltungen unter kollwitz.de und kaethe-kollwitz.de

© SZ vom 07.07.2017

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