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Kunst:Postkarten on demand

(Foto: Olaf Nicolai/VG Bild-Kunst, Bonn 2020/MACRO)

"Schreib mal wieder" war ein Slogan, mit dem die Post ab 1980 dafür warb, im Zweifel eben gar nicht besonders viel zu schreiben: Ein paar Zeilen auf einer Postkarte täten es, den damaligen Werbemotiven zufolge, schon. Schließlich ist es die Geste, die zählt.

Eine Postkarte, das muss man denen, die damals gerade noch nicht auf der Welt waren, inzwischen vermutlich zur Sicherheit noch einmal erklären, eine Postkarte ist in der Regel ein Foto, auf dessen Rückseite man einen Gruß schreibt und eine Briefmarke klebt, damit ein Adressat weiß, dass an ihn gedacht wurde, wenn er den sogenannten Briefkasten aufmacht... Man findet sie heute vor allem im Museumsshop, bedruckt mit Motiven aus der jeweiligen Sammlung, und auf italienisch heißt Postkarte im Übrigen "cartolina". Denn weil unter den Umständen des Frühjahrs 2020 die Geste des kleinen, zwischenmenschlichen Grußes vielleicht noch mehr zählt denn je, hat der Berliner Künstler Olaf Nicolai im Museo d'Arte Contemporaneo di Roma, MACRO, ab sofort ein "Museum as Bureau of Communication" eingerichtet: Wer unter diesem Stichwort eine E-Mail an info@museomacro.it schickt, kann einem Adressaten seiner Wahl ein paar Zeilen zukommen lassen. Die Kuratoren wählen dann je nach Text ein Bildmotiv aus Beständen des Museums aus, das ihnen passend erscheint. Das römische Museum für Gegenwartskunst hat ohnehin eine große Kollektion. Gleichzeitig will es auf diese Weise seine nächste Sonderausstellung trotz Besucherverbots unter die Leute bringen. Kunsttheoretisch ist das interessant, weil normalerweise die Texte einen mehr oder weniger originellen Bezug zu den Bildern herzustellen versuchen. Bei dieser kuratorischen Praxis ist es nun andersherum. (Und nicht nur für Semiotiker wäre es spannend, ob das Museum ein simples "Prosit!" zum Beispiel mit einem Foto des eigenen Gebäudes illustriert, denn das MACRO residiert in der ehemaligen Peroni-Brauerei.) Wichtiger ist aber, dass in einer Zeit der verordneten Kontaktsperren überhaupt wieder eine Art von Kommunikation zustande kommt. Und in einer Zeit der verhärteten Vorbehalte zwischen Italienern und Deutschen ist jeder Gruß womöglich sogar doppelt viel wert.

© SZ vom 16.05.2020

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