Kunst Nicht von dieser Welt

Schon am Haupteingang der Akademie der Bildenden Künste wird klar, worum es bei der Jahresausstellung der Studenten geht: Um Utopien und den immerwährenden Wunsch, nie Dagewesenes oder Bleibendes zu erschaffen

Von JÜRGEN MOISES

Lässt sich Utopismus messen? Geht es nach Dominik Bais und Rupert Jörg, dann ja. Denn die beiden Studenten haben sich mit König Ludwig, Oskar Maria Graf, Karl Valentin und Herman Sörgel vier bayerische Persönlichkeiten mit utopistischen Lebensprojekten ausgesucht und diese anhand verschiedener Parameter wie "Realisierbarkeit" oder "kommerzieller Nutzen" einem Punktesystem unterworfen. Die erreichte Punktezahl wurde in eine entsprechende Menge der ermittelten Lieblingsfarben der Persönlichkeiten übersetzt sowie in gezeichnete Kuppeln. Wer die meiste Farbe auf der Leinwand hat und die größte gezeichnete Kuppel, der hat, so könnte man sagen: gewonnen.

"Sparkling Domes of Bavaria" heißt die Arbeit von Bais und Jörg zum Thema Utopismus, die von diesem Samstag an in der Jahresausstellung der Kunstakademie zu sehen ist. Sie ist gleichsam Teil der klassenübergreifenden Ausstellung "Der Angriff der Zukunft auf die Gegenwart", an der mehr als 50 Studierende mit 41 Projekten beteiligt sind. Der Titel der von den Professoren Michael Hofstetter, Florian Matzner und der wissenschaftlichen Assistentin Sabine Weingartner kuratierten Schau ist eine Anspielung an den Alexander-Kluge-Film "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit". Einen Film, der in "Realitätssplittern" erzählt, wie gesellschaftliche Veränderungen unseren Umgang mit der Zeit prägen. Während sich Kluge für das Schicksal der gesamten Menschheit interessiert, hat die Ausstellung die utopischen "Möglichkeiten der eigenen Künstlerperson im Umgang mit sich und dem Werk" im Blick. Man könnte vielleicht auch sagen: Die Künstler blicken in die Zukunft.

Und dann anschließend fragen: Haben das Künstler nicht schon immer getan? Sich gefragt, wie man etwas Neues, noch nie Dagewesenes oder gar Bleibendes erschafft? Von der Ewigkeit will man gar nicht mehr reden, und doch schwingt sie ein bisschen mit im Satz "Ich bin nicht von dieser Welt". Jakob Steiger hat diesen Satz, der auf das Zukunftspotenzial von Kunst verweist, auf eine von zwei Planen gedruckt, die die Reiterstandbilder Castor & Pollux vor dem Eingang verhüllen.

Ein Spiel mit der Ewigkeit, das betreibt auch Shirley Camboni mit "À la mémoire". Sie hat eine Granitplatte mit ihrem Namen und Geburtsdatum bedruckt und diese neben die Gedenkplatten an der Akademiefassade mit Namen wie "E. Rietschel" oder "Ch. Rauch" platziert. Ob so eine Gedenktafel noch ein Ansporn sein kann? Wer heute an morgen denkt, hat eher ein besseres, "optimiertes" Leben im Sinn.

Um das zu erreichen, unterwerfen sich viele einer permanenten Selbstkontrolle, auf die Chionia Rothkegel und Mona Feyrer mit "Dual Earth" anspielen: Einer panoptischen Karte auf dem Boden des Vestibüls im ersten Obergeschoss, auf der man sich selbst zwischen Begriffen und Sätzen wie "Technokratie" oder "glückliches Schwein" einordnen kann. Dann vielleicht doch lieber gemeinsam utopisch aktiv werden, wie die Klasse Rosefeldt in der Akademiebibliothek. Auch bei ihnen geht es um die Zukunft oder genauer: das Utopium. Einem "neuen, instabilen Element", das die "explosive Gestaltung neuer Energien möglich" machen kann. Verabreicht wird es in Form von Videos, Installationen oder Performances, die sich teilweise fast unbemerkt in die Umgebung einfügen. So hat etwa Gaisha Madanova einen Text auf das Geländer des Balkons geschrieben, der 2014 als Botschaft an den Mars geschickt wurde. Und Julian Rabus lässt einen Schauspieler sein utopisches, nomadisches Filmmanifest deklarieren. Ein schöner Nebeneffekt der Utopium-Schau: Man kann die Bibliothek als neuen Ort für sich entdecken, der bisher noch nie für Ausstellungen gedient hat.

Auch sonst gibt es einiges zu entdecken in der Jahresausstellung, die sich nicht nur um das Thema Zukunft dreht. So hat man etwa dank Garance Arcadias die Möglichkeit, statt in die Zukunft "durch" die Vergangenheit zu blicken. Die Studentin hat 30 Fensterscheiben ihres Klassenateliers durch ausrangierte Glasfenster aus der Alten Pinakothek ersetzt. Die Klasse Pitz hat die Inspiration für ihre Buchobjekte, in die beispielsweise Fische eingelegt sind, vom Voynich-Manuskript bezogen: einem Schriftstück aus der Zeit um 1500, das in einer bis heute nicht identifizierten Schrift verfasst wurde. Mit einem Fernsehstudio und einer "Störfunkanstalt" für experimentelle Klangkunst werden in der Ausstellung auch die etwas neueren Medien bedient. Die Bühnenbildklasse hat in ihrem Raum insgesamt 17 Kästen aufgestellt und darin kleine, individuelle Bühnenbilder eingebaut, darunter ein Proberaum, ein Kiosk und eine bewegliche Schiffskajüte. Und in der Klasse Doberauer kann man sehen, wie auf Plakatbahnen aufgezogene Details die zugehörigen Gemälde fast verschlucken. Dass sie ihren Raum, wie die Studenten erzählen, in einem gemeinsamen, demokratischen Prozess gestaltet haben, darin mag ein Zyniker einen Klassenzwang erkennen, man kann darin aber auch ein utopisches Moment sehen.

Denn das Utopium gedeiht möglicherweise doch am besten dort, wo Menschen etwas gemeinsam erschaffen.

Jahresausstellung 2017, Samstag, 22. Juli, 11 Uhr (Eröffnung), bis Sonntag, 30. Juli, Akademie der Bildenden Künste, Akademiestraße 2-4