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Kunst:Loop und Spuk

Ein Ausstellung in Wolfsburg über die ewige Wiederkehr des Immergleichen beantwortet die Frage, was an universellen Phänomenen interessant ist. Nur leider ganz anders als beabsichtigt.

Von Till Briegleb

Das Universum ist voll davon, und die Sushi-Bar hat einen, Buddhismus und Hinduismus kreisen darum und viele Straßenmusiker benutzen ihn, Sisyphos litt schwer daran, und täglich grüßt das Murmeltier: Der Loop ist überall. Auf der Achterbahn und in der Abfallwirtschaft, im Zyklon und beim Zahnarztbohrer. Was also qualifiziert das englische Wort für Schleife, Kreislauf, Henkel und Zyklus dazu, das Ausstellungsthema für eine große Kunstschau zu sein, die unter dem Titel "Never Ending Stories" den Loop als Erscheinung in Kunst und Kulturgeschichte präsentiert. Hat hier vielleicht jemand endlich den Beweger allen Seins entdeckt, die Weltformel des Sinns?

Auf zwei Stockwerken hat Ralf Beil, der Chef des Kunstmuseums Wolfsburg, für seine Ausstellungsschleife Exponate zusammengetragen, die das Rad neu ergründen sollen. Vom Ouroboros, der Schlange, die sich in den Schwanz beißt und schon im alten Ägypten Symbolcharakter besaß, bis zur knisternden Leerrille eines Plattenspielers reicht der lange Parcours mit Beispielen. Es gibt den Film-Loop zu sehen und den erotischen, den Loop in Fluxus und im Zen, das Möbiusband und M.C. Escher, Endlosschriftbänder und -reflexionen, Rückkoppelung und die rückwärtslaufende Nahrungskette.

Und wenn man alles gesehen hat, dann hat man vor allem die Tragik von Kuratoren vieler Themenshows begriffen, die verzweifelt nach einem originellen Aufhänger suchen, um sich in der Flut der tollen Events Gehör zu verschaffen. Umso universeller das Thema gesetzt ist, umso beliebiger ist die Auswahl, umso formloser die Gestalt der These. Statt Bruce Naumans Neon-Loops könnte man auch Jean Tinguelys kinetische Maschinen zeigen, statt kreisförmiger Kalligrafie auch den Zug um die Kaaba in Mekka, statt Goethes Gedicht "Um Mitternacht" auch das Kinderlied "Ein Hund kam in die Küche".

Als Metapher hat der Loop so viel geistigen Klebstoff wie eine Rolle Tesafilm

Der Erkenntnisgewinn ist gleichbleibend nichtig, denn an universellen Phänomenen ist nicht das Allgemeine interessant, also dass sie überall vorkommen, sondern das Spezielle, der konstruktive Vergleich. Zum Beispiel die Frage, wie eine Gesellschaft verfasst ist, die an die Wiedergeburt glaubt, im Gegensatz zu einer, deren religiöse Vorstellung Sünder für alle Zeiten in der Hölle schmoren lässt. Oder warum bestimmte Kreisläufe Monotonie hervorbringen und andere Vielfalt?

Aber in dieser Form der Beispielsammlung, wie sie in Wolfsburg in aller Austauschbarkeit aus drei Jahrtausenden zusammenaddiert ist, stellt sich eher die Frage, was die ägyptische Sonnenbarke mit einer Peepshow zu tun hat? Oder die Sängerin Donna Summer mit dem Mathematiker Roger Penrose? Denn die Antwort ist immer die gleiche banale: Sie stehen in irgendeiner Beziehung zu Loops. Donna Summer zum Sequenzer-Loop von Giorgio Moroder, der "I Feel Love" für sie komponiert hat, und Roger Penrose als Erfinder des Penrose-Dreiecks, das es nur in der Zweidimensionalität gibt.

Der umfangreiche Katalog mit Beiträgen unter anderem von Aleida und Jan Assmann, Peter Sloterdijk und Niklas Maak ist ähnlich sinnstiftend wie die Ausstellungskonzeption. Ein bisschen Wissenschaft, ein bisschen Geraune, ein wenig popkulturelle Nachhilfe, bis einem endgültig klar wird, dass der Loop als Metapher so viel geistigen Klebstoff besitzt wie eine Rolle Tesafilm. Eigentlich wird schon mit der Überschrift von Ralf Beils Einleitung alles gesagt über die Ergründung des Universalthemas in Wolfsburg: "Ein Loop kommt selten allein."

Nun können Kunstwerke auch für sich ihre Wirkung entfalten, wenn man das Party-Brainstorming zum Thema "Kreislauf", das diese Ausstellung charakterisiert, einfach ignoriert. Und dann ist zumindest der große Zirkel aus 21 identischen unfertigen Duschräumen, den Gregor Schneider ins Zentrum der Ausstellung bauen durfte, ein beeindruckender Spuk. Der Schrecken endloser Wiederholung des Immergleichen ist beim Wechsel von einer Kabine zur nächsten in seiner ganzen depressiven Bedrückung körperlich erlebbar. Yayoi Kusamas rundum verspiegelte Box mit bunten Lichtpunkten, der "Infinity Mirrored Room", vermittelt eine schöne Illusion vom Besuch im Weltall. Und lustig ist es auch vor einer Plakatwand zur jährlich wiederkehrenden Brigitte-Diät.

Nach dem Ende der Denkschleife im Museum Wolfsburg wartet dann wieder die serielle Identität deutscher Innenstädte: Und ewig grüßt die Fußgängerzone. Der Loop ist überall.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 18. Februar 2018; Katalog: Hatje Cantz Verlag; 360 S. 45 Euro.

© SZ vom 20.02.2018
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