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Kunst:Landschaften des Grauens

Im Deutschen Historischen Museum in Berlin sind Kunstwerke zu sehen, die jüdische Gefangene in den Konzentrationslagern der Nazis schufen. Aus ihnen spricht eine tiefe Sehnsucht nach Normalität.

Von Stephan Speicher

Im Jahr 1943 zeichnete Leo Haas das Blatt "Begräbnis". Doch wir sehen nicht, wie eine Trauergemeinde einen Sarg zu Grabe trägt. Wir sehen vorne eine dicht gedrängte Menschenmenge, die auf einen Pferdewagen starrt. Im Hintergrund passiert er gerade eine Schranke, auf seiner Ladefläche sind Särge gestapelt. Im Mittelgrund erscheinen die angeschrägten Festungsmauern und Schornsteine der Stadt. Es ist Theresienstadt. Die Bildfindung des Zeichners ist die weite, völlig freie, blendend helle Fläche zwischen den trauernden Angehörigen und ihren Toten auf dem Pferdewagen. Leo Haas, 1901 geboren, Absolvent der Kunstakademien in Karlsruhe und Berlin, war 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert worden. Er überlebte die Lager und arbeitete nach dem Krieg als Zeichner vor allem für Zeitungen und Zeitschriften in Prag und Ostberlin, 1983 starb er.

Im Deutschen Historischen Museum ist gerade die Ausstellung "Kunst aus dem Holocaust" eröffnet worden. Sie zeigt hundert Werke aus den Beständen der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, geschaffen zwischen 1939 und 1945, in den Jahren der Vernichtung. Es ist die erste große Ausstellung dieser Art, die Yad Vashem im Ausland ermöglicht. Die Zurückhaltung hat einen einfachen Grund: Die Stücke sind zum allergrößten Teil Papierarbeiten. Sie sind konservatorisch heikel.

Nicht der Schrei dominiert diese Arbeiten, sondern eine ruhige Fassungslosigkeit

Die Berliner Präsentation ist in drei Werkgruppen gegliedert. Die erste umfasst Arbeiten, die von der Lagerrealität handeln. Marko Behar und Marcel Janco zeigen die Brutalität der Wachmannschaften mit ihren George-Grosz-Visagen, doch sind das fast schon Ausnahmen: Die Mehrzahl der Bilder blendet den Terror in seiner direkten Form aus. Eher geht der Blick auf die Ödnis der Lagerlandschaft und vor allem auf die Enge in den Baracken, die Not, sich einen Rest von Privatheit zu bewahren. Charlotte Burešová zeichnete ein Blatt mit dem Titel "Herr Scheuer besucht seine Frau". Der alte Mann mit seiner Gelehrtenphysiognomie sitzt am Lager seiner Frau. Was er ihr vielleicht sagen möchte, muss er nun vor den Ohren all der anderen sagen; die Eheleute wirken dabei, als seien sie diskrete Naturen. Im September 1942 waren sie aus Frankfurt am Main nach Theresienstadt gekommen, schon vier Wochen später wurden sie in Treblinka ermordet. Karikaturistisch legt Pavel Frantl seine "Metamorphose" an: Ein Jude verschwindet in vier Bildern. Er wird immer magerer und mit ihm alles andere auch, der Strohsack auf der Pritsche, der Rucksack am Haken, selbst der Judenstern auf der Jacke scheint sich aufzulösen.

Es fällt auf, wie zurückhaltend die künstlerischen Mittel der Arbeiten sind. Nicht der Schrei dominiert, sondern eine ruhige Fassungslosigkeit, der Versuch, sich der Situation erst einmal zu vergewissern.

Auch die Porträts stellen nicht das Leiden der Dargestellten heraus, das, was sie zum Opfer macht. Manche Bildnisse sind stark idealisierend. Felix Cytrin zeichnete seinen Mitgefangenen Peter Edel als einen kraftvollen, gut aussehenden jungen Mann. Wüssten wir nicht von den Umständen, wir würden das Blatt kaum sehr hoch bewerten. Doch nun sieht man den Selbstbehauptungswillen darin. Und Alexander Bogens getuschter "Partisan" hat etwas schwungvoll Selbstbewusstes; nicht völlig anders wurden hundert Jahre zuvor Husarenwachtmeister aufs Papier geworfen. Ein großartiges Selbstporträt zeichnete Josef Schlesinger, skeptisch, ein wenig spöttisch, der Judenstern schaut angeschnitten aus dem Blatt.

Zuletzt "Traum und Hoffnung", Bilder des Glaubens und Landschaften. Die "Synagoge im Lager Saint-Cyprien" von Felix Nussbaum ist denkbar schäbig, kaum mehr als ein Schuppen, das Dach aus verrutschtem Wellblech. Aber die Gläubigen, die im Gebetsmantel darauf zugehen, geben dem Bild Handlung, Ziel und einen Moment von Hoffnung.

Rembrandtartig legt Marko Behar die lavierte Tuschezeichnung einer Thora-Lesung an, die Vorleser sind in Rückansicht gegeben, der Betrachter spricht mit ihnen zur Gemeinde. Und dann immer wieder Landschaftsbilder und Stadtansichten, schneebedeckte Dächer, Häuser hinter blühenden Bäumen. In seiner gerade erschienen Geschichte des Staates Israel hat der Historiker Michael Brenner die Vorgeschichte der Staatsgründung aus dem Wunsch nach einer alltäglichen Existenz beschrieben und Scholem Aleichem zitiert: "Wozu brauchst du ein Zuhause? Selbstverständlich soll jeder ein Zuhause haben. Was denn sonst? Auf der Straße bleiben?"

Und das ist der vielleicht stärkste Eindruck, den die Ausstellung macht: Der aus fast allen Werken hervorscheinende Wille zum Positiven, der Glaube an das Gute und zuletzt die Sehnsucht nach Normalität.

Kunst aus dem Holocaust. 100 Werke aus der Gedenkstätte Yad Vashem. Deutsches Historisches Museum, Berlin, bis 3. April . Katalog (Wienand Verlag): 45 Euro.

© SZ vom 27.01.2016
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