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Kunst & Kunstmarkt:"Unhaltbare Praktiken"

Für das Titelblatt des Magazins „Artforum“ hat die Künstlerin Tosh Basco einen Blumenstrauß mit der Kamera festgehalten, während sie in ihrem Studio im Lockdown festsaß.

(Foto: Artforum)

In der Krise könnten sich der Markt und das Sammeln verändern. Weist da der Norweger Erling Kagge den Weg? Dessen Werk "Große Kunst für kleines Geld" erweist sich als visionärer Ratgeber für schlechte Zeiten.

Der Mann hat Expeditionen zum Nordpol und zum Südpol gemacht und den Mount Everest bestiegen - vor allem aber ist der Norweger Erling Kagge ein leidenschaftlicher Kunstsammler. Als er 2015 ein Buch über den Kunstkauf mit wenig Geld veröffentlichte, sollte das eine Art Schule des besseren Geschmacks sein. Letztes Jahr ist das Werk in deutscher Übersetzung erschienen ("Große Kunst für kleines Geld", Insel Verlag Berlin, 20 Euro) - und in der gegenwärtigen Kunstmarktkrise wirkt der lakonische Guerillaguide nun geradezu visionär.

Große Messen werden derzeit abgesagt, die wichtigen Sammler reisen nicht mehr, Kunstimperien wanken. Und als Geisterspiel wie in der Bundesliga funktionieren die großen Auktionen möglicherweise auch nicht. Der virtuelle Raum jedenfalls, in dem das Londoner Auktionshaus Sotheby's seine traditionell aufsehenerregenden Juni-Auktionen abhalten will, ganz ohne Bieter im Saal, wirkt nüchtern wie ein Fernsehstudio. Ob in dieser Umgebung ein auf sechzig Millionen Dollar geschätztes Triptychon von Francis Bacon aus dem Jahr 1981 unter Telefon- und Onlinebietern Höchstpreise erzielen wird? Man würde nicht darauf wetten.

Wie man sich dem Sog des Geldes in der Kunst entzieht, ist Erling Kagges Leitthema

Dabei sind Auktionen, das schreibt der Ratgeber Erling Kagge in seinem Buch, durchaus ein "praktischer Weg", um Kunst zu kaufen und zu verkaufen. Man dürfte nur nicht vergessen, dass Kunsthändler und Sammler Auktionen nutzen, um "Preise zu manipulieren". In einer geradezu süchtig machenden Lakonie beschreibt der 1963 geborene Kagge die Kulissenhaftigkeit des bisherigen Kunstbetriebs aus der Sicht eines nüchternen Sammlers, der sich einerseits als Teil des Systems begreift, andererseits aber dem Markt nicht übermäßig auf den Leim gehen will. Das verleiht dem Text eine überraschende Aktualität.

Wie man sich dem Sog des Geldes in der Kunst entzieht, ist eines der großen Leitthemen des Buches. Kagges These lautet: Qualitativ hochwertige zeitgenössische Kunst ist nicht immer ein Millionenspiel. Was man nicht an Finanzkraft besitzt, lässt sich bis zu einem gewissen Grad durch Zeit und intensive Recherche kompensieren. So seien "Neugier und Entscheidungsfreudigkeit" die wichtigsten Tugenden auf dem Kunstmarkt.

Gerade jetzt sei die Gelegenheit günstig, um Kunst zu kaufen, schreibt der Autor in einer E-Mail aus Oslo: "Die Gründe dafür sind vielfältig: Es gibt weniger Käufer und mehr Möglichkeiten, große Kunst von großen Künstlern zu fairen Preisen zu finden. Das ist schließlich das Einzige, was zählt. Der Hype ist weg. Die Galerien und Künstler haben es schwer und werden dankbar sein. Niemand kauft, um nett zu sein. Aber es ist schließlich schön, nett zu sein. Heute ist eine positive Einstellung nötiger denn je."

Wer die intellektuelle Arbeit scheut, straft sich selbst mit einer langweiligen und letztlich auch austauschbaren Kunstsammlung. Martin Kippenberger prägte dafür einst die schöne Formel "Selbstjustiz durch Fehleinkäufe". Für das Marktsegment "teuer und namhaft" hat sich in den letzten Jahren der Begriff der "Jukebox-Formel" etabliert. Wie bei den gleichnamigen Musikmaschinen ist auch das Künstler-Repertoire jener Sammler auf relativ wenige und wenig überraschende Namen begrenzt. Künstlerkarrieren wie die von Jeff Koons oder Damien Hirst mit ihren astronomischen Preisen waren ohne eine Allianz der Händler und Milliardäre nicht denkbar. Doch gilt dies in der pandemischen Gegenwart noch?

Die Karten werden aufgrund der globalen Krise gerade neu gemischt. Man hört es etwa am nachdenklichen Ton, den mancher Galerist jetzt anschlägt. Ungewohnt offen formulierte es Anfang April etwa der mächtige amerikanische Händler Marc Glimcher in einem viel beachteten Artnews-Artikel. Durch die Krise, so Glimcher, kämen bestimmte "unhaltbare Praktiken" auf den Prüfstand: "die Preispolitik, die überzogene Werbung, die Reisen, die unablässige Befriedigung der niedrigsten Spekulanteninstinkte, die aufgeblasenen Betriebskosten, der selbstzerstörerische Wettbewerb, die künstlichen Auktionsrekorde und die verzweifelte Suche nach immer mehr Kapital - nur um zu beweisen, dass man es verbrennen kann." Das Kostenbewusstsein der Branche sei "dramatisch gewachsen" stellt auch sein Kollege, der Schweizer Galerist Iwan Wirth, in einem Gespräch mit der Online-Kunstzeitung artmagazine fest: "Reale Ausstellungen werden meiner Meinung nach weniger zahlreich und viel sparsamer sein als in der Vergangenheit." Wird also das gerade fertiggestellte luxuriöse "Hauser & Wirth"-Kunstzentrum mit 15 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche auf den Balearen, das 2021 in Betrieb genommen werden soll, schon bei seiner Eröffnung hoffnungslos altmodisch, überdimensioniert und überteuert wirken? Der Markt ist von einer relativ kleinen Zahl sehr wohlhabender Sammler abhängig. Bleiben sie in den kommenden Jahren häufig oder ganz weg, könnte es auf einen grundlegenden Umbau hinauslaufen.

Man muss kein Pessimist sein, um festzustellen, dass eine signifikante Anzahl der Galerien für die nun einsetzende Krise schlecht gerüstet ist. Weil an jedem Unternehmen nicht nur Künstlerexistenzen, sondern auch etliche andere Jobs von Freiberuflern hängen, ist das Gerede von einer bevorstehenden "Marktbereinigung" vor allem zynisch. In den vergangenen Wochen und Monaten wurde der tiefe Graben zwischen Prekarität und Privileg in der Kunstwelt so deutlich wie nie zuvor. Zum Beispiel in dem Moment, als das MoMA zu Beginn der Corona-Krise im Laufe einer Woche alle Verträge mit seinen fünfundachtzig freiberuflichen Kunstvermittlern kündigte. Oder in Berlin, wo gerade eine Geisterdebatte tobt, in der die milliardenschwere Sammlerin Julia Stoschek den Untergang der Kunststadt beschwört. Jetzt, wo sehr viele Künstler und Kreative auf staatliche Soforthilfe oder Hartz IV angewiesen sind, ist das Versprechen auf - wenn nicht ökonomische, so doch zumindest symbolische - Teilhabe am großen Gemeinschaftsprojekt Kunst schal geworden. Nur Solidarität kann die Szene retten.

Ermöglichen Kunst-Commons soziale und künstlerische Experimente mit wirklich offenem Ausgang?

Wer glaubt, dass in naher oder ferner Zukunft alle Beteiligten wieder zum business as usual zurückkehren, könnte sich womöglich täuschen. Schon machen Forderungen nach bedingungslosem Grundeinkommen, mehr Partizipation, Basisdemokratie und neuen Formen der Gemeinsamkeit in der Kunst die Runde, die der Kritiker Oliver Koerner von Gustorf kürzlich als "Kunst-Commons" beschrieb: "Anders als der Markt, der sein Ziel, alles zu vermarkten und Profit zu generieren, niemals aus den Augen verlieren kann, ermöglichen Kunst-Commons soziale und künstlerische Experimente mit wirklich völlig offenem Ausgang und unerwarteten Lösungen."

Das bringt einen wieder zu Kagge zurück. "Ein Kunstwerk ist kein Spekulationsobjekt" schreibt er in seinem Buch. Das könne sie schon allein deshalb nicht sein, da der Markt für Gegenwartskunst von einer extremen Überproduktion und einem Überangebot geprägt sei. Der eigentliche Wert des Sammelns, so Kagge, liege doch in dem Vergnügen, welches das Leben mit Kunst bereitet. Dieses Vergnügen könne man auch als "seelische Rendite" bezeichnen. An diesem Punkt unterscheidet sich die Kunst eben doch fundamental von fast allen anderen Waren. Zukünftig womöglich mehr denn je.

© SZ vom 10.06.2020

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