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Kunst:Kratziggelbe Stoppelfelder

Die britische Malerin Joan Eardley ist kaum bekannt. Doch ihre Bilder, in denen sich diese grandiose Koloristin mit Vorliebe an Landschaften und Kinder hielt, sind nicht nur künstlerisch eine Sensation.

Der Wind wird aller Voraussicht noch bald etwas kälter über die Insel fegen, die Großbritannien wieder ist, seit man sich mit dem Brexit-Votum vom Rest Europas losgesagt hat. Harte Zeiten, die aber kulturell dort gerne durchlitten werden, so sie höheren politischen Zielen dienen. Den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit umweht eine Art von Nostalgie, die jetzt wieder angerufen wird. Im Fernsehen haben Downton Abbey und "Call the Midwife" Konjunktur, eine Hebammenserie aus dem Elend im East End der Fünfziger. Dass gute alte Zeiten nicht für alle gleich gut waren - daran erinnern derzeit nur Spielverderber.

Die Ausstellung der weitgehend unbekannten Malerin Joan Eardley in der Scottish National Gallery of Modern Art in Edinburgh taugt oberflächlich betrachtet dazu, die aktuelle Durchhaltesentimentalität mit Motiven zu bebildern, so weit es das Leben der 1921 geborenen Künstlerin angeht. Ihre Gemälde aber sind nicht nur künstlerisch eine Sensation, sie sind Gegenbilder einer verdrängten, vergessenen Welt.

Joan Eardleys Biografie gäbe tatsächlich eine gute Vorlage zu einer Fernsehserie ab, die zwischen schottischen Armenvierteln und der schroffen Ostküste angesiedelt wäre. Sie kam auf einer Farm zur Welt, ihr depressiver Vater verließ Joan, ihre Mutter und die kleine Schwester noch zu Vorschulzeiten und brachte sich um. Die Familie landete auf der Flucht vor deutschen Bomben in Schottland und schrieb Joan in der Glasgow School of Art ein. Sie muss ungeheuer entschlossen und begabt gewesen sein, denn es gab für diese Karriere kaum Vorbilder.

Eardley interessierte sich jenseits der Landschaften nicht für die etablierten Sujets

Schon früheste Zeichnungen Eardleys aus den Vierzigerjahren zeigen Kinder, die sie aufmerksam studiert und deren trotzige Posen sie festhält, aber auch ihre Verlorenheit und Vulnerabilität. Der Stil ist zunächst figurativ, die Gemälde klassisch im Aufbau und der realistischen Zeichnung. Allerdings verleiht sie ihren Sujets eine nahsichtige Präsenz wie dem Kutscher und seinem Pferd, denen sich das Format eines Gemäldes angleichen muss, oder Straßenkindern, deren laxe Posen sich auf der Leinwand ausbreiten dürfen. In den Fünfziger Jahren beginnt dann - etwa auf dem extremen Hochformat "Back Street Bookie" (1952) - die Farbe ein Eigenleben zu entwickeln. In leuchtendem Rot schwebt ein Quadrat über dem rosafarbenen Kleid eines Mädchens, während ein von dunklem Grau wie verschnürt wirkende Gruppe von Männern den Hintergrund bildet.

Ihre Meisterschaft als Koloristin wird Joan dann im Küstenort Catterline entwickeln, einem winzigen Küstenort, wo sie nach vielen Aufenthalten bei Freunden ein Cottage kauft. Sie konterkariert die starken Farben, die sie der Landschaft und dem Wetter entringt, mit einer kräftigen, zuweilen fast krakeligen Pinselführung. Texturen, die fast wie gezeichnet aussehen, dürfen stark ausgemalte Farbflächen zerschneiden und zerhäckseln.

England hat im zwanzigsten Jahrhundert nicht eben viele Maler hervor gebracht, schon gar keine, die fern von London etwas anderes suchten als Idyllen. Schottland hat da womöglich eine reichere, überraschendere Kunstgeschichte zu bieten, was Pinselarbeit anbelangt. Ihre Bilder zeigen, dass Joan Eardley die Möglichkeiten der Abstraktion kannte und ausgelotet hat, sich aber entschieden hat, diesen Weg nicht einzuschlagen. Stattdessen pendelt sie zwischen der Gegenstandslosigkeit aufgespannter Fischernetze und kratziggelber Stoppelfelder.

Das Werk konterkariert die Landschaften mit Gemälden von Kindern, die zu den eindrucksvollsten in der ersten umfassenden Retrospektive gehören, die nun die Scottish National Gallery of Modern Art der früh, im Jahr 1963 an Brustkrebs Verstorbenen ausrichtet. Eardley interessierte sich jenseits der Landschaften nicht für die etablierten Sujets, sie malte weder elegante Interieurs, noch innige Familienszenen oder Auftragsporträts. Lieber porträtiert sie ihren Ofen und der Akt, für den ein Freund der lesbischen Malerin posierte, verursachte einen kleinen Skandal.

Gut möglich, dass Eardley Kinder vor allem deswegen malte, weil sie sich als Motive leichter als Kutscher oder Künstlerkollegen in Besitz nehmen lassen, mit riesigen Schürzen, zotteligen Zöpfen und lose sitzenden Hosen. "Die Kinder kümmert es genau so wenig, wenn ich sie male, wie die Klippen", sagt sie einmal.

Ihre bevorzugten Modelle wurden die zwölf Kinder von Jean und Andrew Samson

Diese Bilder sind so farbenfroh und locker gemalt, wie die Küste um Catterline. Vor allem zeigen sie, dass die Künstlerin darauf bedacht war, die Kinder in ihrem Umfeld zu belassen, das sie nüchtern aber in aller Präzision ausmalt: Zersplitterte Fenster, lumpige Schuhe, kaputtes Geschirr konterkarieren die Anmut der kleinen Körper. Vor allem die Fotografien, die Joan Eardley in den mieseren Vierteln der Hafenstadt Glasgow als Vorlagen aufnimmt, zeigen Mitgefühl, wenn das Bild vom Puppenkaffee einer kleinen Straßengang auch den Müllhaufen zeigt. Babys starren aus halb zugemauerten Fenstern, Mädchen spielen vor Graffiti-verschmierten Fassaden.

Ihre bevorzugten Modelle wurden die zwölf Kinder von Jean und Andrew Samson, schon weil sie in unmittelbarer Nachbarschaft ihres Ateliers in der St James Road in einer Dreizimmerwohnung lebten. Die Faszination war wechselseitig. Die Kinder bewunderten die unabhängige Künstlerin, die zwischen der Stadt und der Küste mit einem Motorrad hin- und herbretterte. Sie ließ die Kinder nicht nur beim Arbeiten zusehen, sondern gab ihnen auch Stifte und Zeichenpapier und lud sie zu Tee, Sirup und Käsesandwich ein, wie sich die Samsons bis heute erinnern. Die jüngste Tochter erzählt, dass es sie allerdings schon gewundert habe, wie "ungeheuer großzügig Joan war, wenn sie mit uns in Second-Hand-Läden einkaufen ging. Es gab bunte Tücher oder neue Kleider, was immer da war". Wahrscheinlich auch deswegen, weil Joan Eardley als Anregung für ihre Malerei Farbe brauchte, buntes Textil.

Es war dann auch eines dieser Bilder "Children and Chalked Wall", das im Jahr 1963 von der National Gallery of Modern Art angekauft wurde, in dem Jahr, in dem Eardley auch in die Royal Scottish Academy aufgenommen wurde und ihre Bilder mit viel Erfolg in London ausgestellt waren. Kurz danach starb sie. Glasgow verlor damit die Chronistin eines Kapitels Stadtgeschichte - und eines Viertels, das nur wenige Jahre später von Bulldozern planiert wurde. In der zeitgenössischen Szene, die sich das Werk halb vergessenen Künstlerinnen jetzt wieder erschließt, sind diese Straßenzüge, sind die Samson-Kinder jetzt wieder unübersehbar.

Joan Eardley. A Sense of Place. Bis 21. Mai in der Royal National Gallery of Modern Art in Edinburgh. Der Katalog kostet 9 Pfund.