Kunst-Festival Heldengedenktag mit Immigranten

Der camouflagefleckig bemalte Tarn-Sportflitzer des mexikanischen Künstlers Francisco Moreno.

(Foto: Kevin Todora)

Dallas war schon immer ein bisschen anders als der Rest von Texas. Nun gibt es dort ein neues, ziemlich liberales Musik- und Kunstfestival. Es widmet sich dem kulturellen Wert der Einwanderung.

Von Peter Richter

Das Historienbild "Washington überquert den Delaware" wurde 1851 von dem Deutschen Emmanuel Leutze in Düsseldorf gemalt. Der Fluss, der da zu sehen ist, ist in Wirklichkeit der Rhein. Die erste Version des Gemäldes verbrannte im Zweiten Weltkrieg in Bremen, die zweite Version hängt heute im Metropolitan Museum in New York und hat den Rang eines amerikanisches Nationaldenkmals.

In einer leeren Lagerhalle im Süden von Dallas hängt nun eine dritte Variante, nachgemalt von dem jungen Künstler Francisco Moreno, der das Bild außerdem mit den Tarnmustern überzogen hat, die im Ersten Weltkrieg für die Schiffe der US-Marine entwickelt wurden. Davor steht, gleichermaßen mit Leutzes Washington und mit Camouflageflecken bemalt, die nackte Karosse eines 1975er Datsun 280z, in die des Künstlers Bruder, ein begnadeter Mechaniker, einen Chevrolet-350-V8-Motor eingebaut hat.

Dallas verhält sich zum Rest von Texas ungefähr so wie München zum Freistaat Bayern

Automobil-ikonologisch gesprochen: Der eigentlich dafür ein wenig zu kleine Sportwagen aus dem Fernen Osten, einst vor allem als halb so teure Konkurrenz zur Corvette auf den US-Markt geworfen, hat jetzt den brüllenden amerikanischen Standard-Riesenmotor aus der Musclecar-Ära im Bauch, den amerikanischen Traum in Form von acht Zylindern. Aufgrund des leichteren Gewichts müsste dieser Motor in dieser Karosse Unfassbares vollbringen können. Der schraubende Bruder des Künstlers sagt deshalb, er würde damit gerne Rennen fahren. Der Künstler selbst hingegen will seinen Bruder demnächst nur ein paar sogenannte Donuts vor dem Gemälde hinlegen lassen, ein paar eng gefahrene Kreise mit viel Reifenabrieb, um auf die soziale Herkunft der Brüder als mexikanische Einwandererkinder zu verweisen. Auch sie mussten ja einen Fluss überqueren, um sich die USA gewinnen zu können. Es wird eine Performance sein, vor Publikum aus den besseren Teilen der Stadt, Bestandteil von Soluna, einem Internationalen Festival für Musik und Kunst, das sie hier zum ersten Mal veranstalten.

Texanern zufolge, die Deutschland kennen, verhält sich eine Großstadt wie Dallas zum Rest des Bundesstaates ungefähr so wie München zum Freistaat Bayern: als linksliberale Ausnahme in einem ansonsten verlässlich konservativen Land. Dass sie hier die erste Ausgabe ihres neuen Festivals aber ausgerechnet dem kulturellen Wert der Immigration widmen, ist schon ein sehr bemerkenswertes Statement in einem Staat, aus dem gerade zur Einwanderungspolitik stets die allerkonservativsten Stimmen kommen.

Der Nachwuchskünstler Morena ist da mit seinem rustikalen Ansatz in recht prominenter Gesellschaft. Pipilotti Rist zum Beispiel kam extra aus Zürich angereist mit einem Video zu Miklós Rószas "Spellbound-Concerto". Der Ungar Rósza war ja auch so ein Immigrant, der in den USA Erfolg und Sicherheit gefunden hatte, aber aus Heimweh trotzdem zwischendurch noch einmal zurückmusste ins kaputte Europa. Das Dallas Symphony Orchestra spielte also dieses Konzert, das auf Rószas Filmmusik für Hitchcocks "Spellbound" ("Ich kämpfe um dich") beruht, aber eindeutig auch etwas anderes sein will als Filmmusik. Und dazu lief über den Köpfen der Musiker dieses Video voller Geigen, Schienen, Schnee, Wasser, Kornfeldern und pipilottiristigen Farbflashs, das wiederum nicht einfach der Film sein wollte zu der Musik, die, wie gesagt, ihrerseits keine Filmmusik sein mochte. Das Video, schien es, verstand sich eher selber als die musikalische Begleitung der von den Musikern vortragenen Handlung, nur eben mit Bildern. Verwirrend? So liegen die Dinge aber nun einmal. Die Zeiten von Stummfilm mit Orchester sind genauso vorbei wie die Zeiten, in denen sie in Texas einfach machen konnten, was sie wollten, weil das Land noch nicht zu den USA gehörte.

Solche künstlerischen Ambivalenzen finden immer ein Echo in den politischen: Wo Amerikas Rechte das Amerikanische als solches zunehmend exklusiv versteht, sehen sie es in Dallas, jedenfalls bei diesem Festival, entschlossen andersherum. Monte Laster, der aus Texas stammt, aber seit Jahrzehnten in den Banlieues von Paris arbeitet, wird das große Freiluftkonzert des Dallas Symphony Orchestra am Memorial Day mit Videos von Immigranten illuminieren. Der Memorial Day, der letzte Montag im Mai, ist der Heldengedenktag für die amerikanischen Streitkräfte. Das Orchester wird also Märsche spielen, aber auf den Videoscreens wird als Erstes eine Vietnamesin zu sehen sein, die im Dallas Art Museum vor einer Buddha-Statue in die Knie geht und betet. Das dürfte auch im vergleichsweise liberalen Dallas nicht von jedem Veteranen so ohne Weiteres zu verkraften sein. Aber am Ende wird auch in diesen Videos hoffnungsvoll mit einer US-Fahne gewunken werden. Denn patriotisch ist diese euphorische Haltung zur Einwanderung natürlich auch, vielleicht sogar patriotischer als die derjenigen, die immer nach noch undurchdringlicheren Grenzen rufen.