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Kunst:Die Jahrhundertbibel

Im bayerischen Schloss Neuburg zeigt eine große Ausstellung Buchmalerei, Kunst und Kultur zu Zeiten des Pfalzgrafen Ottheinrich. Die kleine Stadt an der Donau wird zum Sommerreiseziel.

Von Gottfried Knapp

Dass die Bibel ein nie versiegender Brunnquell bewegender Geschichten ist, war in Kunstausstellungen selten intensiver zu erleben als in der Ausstellung "Kunst und Glaube. Ottheinrichs Prachtbibel und die Schlosskapelle Neuburg" im Schloss Neuburg an der Donau. Die konzentrierte Schau zeigt aber auch, wie illuminierte spätmittelalterliche Handschriften, wenn ihre Prunkseiten aufgeschlagen und dem Museumsbesucher in idealem Winkel entgegengehoben werden, Tafelbilder der gleichen Zeit an sinnlicher Präsenz zu übertreffen vermögen. Die in steilen Ausstellungspulten ausgelegten leuchtend farbigen Illustrationen biblischer Geschichten auf den Blättern dieser Jahrhundertbibel springen den Betrachter überrumpelnd direkt an.

Aber es gibt noch weitere Gründe, warum Liebhaber der altdeutschen Kunst diese Ausstellung der Bayerischen Schlösserverwaltung besuchen sollten: Weil bei den Vorbereitungen der Schau zwei bislang stiefmütterlich behandelte Abschnitte der deutschen Buchkunst auf höchst anregende Weise in die künstlerischen Entwicklungen ihrer Zeit eingeordnet worden sind. Und weil die 1543 vollendete Neuburger Schlosskapelle hier ihre Würdigung als europäischer Pionierbau, als erster protestantischer Kirchenraum mit lückenlos erhaltenem lutherischem Bildprogramm erfährt.

Die Bände der Ottheinrich-Bibel sind erst 1950 und 2007 für die Staatsbibliothek erworben worden

Die mehr als einen halben Meter hohen Blätter der um 1430 begonnenen und um 1530 vollendeten Ottheinrich-Bibel mit ihren 146 in den laufenden Text hineingesetzten großformatigen Originalgemälden sind nicht nur als eine der größten und wertvollsten Prachthandschriften aller Zeiten zu feiern, sondern auch als die früheste illustrierte Niederschrift des gesamten Neuen Testaments in deutscher Sprache, also als ein Sprachdenkmal ersten Ranges.

Wie die um ein ganzes Jahrhundert differierenden Anfangs- und Enddaten vermuten lassen, ist das nach Pfalzgraf Ottheinrich benannte Riesenwerk in zwei großen Schüben geschaffen worden. Herzog Ludwig der Bärtige von Bayern-Ingolstadt (1368 - 1447), ein für seine Zeit erstaunlich aufgeklärter, am französischen Hof geschulter, den Künsten leidenschaftlich ergebener Regent, hat den in seinem Auftrag in die Sprache des Volkes übertragenen Text des Neuen Testaments zweispaltig auf große Pergamentbögen schreiben lassen. Am Ende jedes inhaltlichen Abschnitts musste der Schreiber große Rechteckflächen für illustrierende Bildwerke aussparen. Was in diese Lücken hineingemalt werden sollte, ist in winziger Schrift neben den Leerstellen festgehalten.

Doch nur ein kleiner Teil der vorgesehenen Illustrationen ist noch zu Ludwigs Zeiten fertiggestellt worden. Der Rest blieb leer, bis der kunstbegeisterte und baufreudige Renaissancefürst und Bücher-Liebhaber Ottheinrich von Pfalz-Neuburg (1502 - 1559), der das unvollendete Opus Magnum geerbt hatte, um 1530 den Lauinger Maler Mathis Gerung mit dem Riesenauftrag der Vollendung des Bildprogramms betraute: 117 Bibelszenen und 253 Initialen waren noch auszuführen.

Ottheinrich Bibel

Das um 1430 gemalte "Jüngste Gericht" in der Ottheinrich-Bibel.

(Foto: Bayerische Staatsbibliothek)

Die beiden farblich klug aufeinander abgestimmten, doch stilistisch markant sich unterscheidenden Bilderzyklen der Ottheinrich-Bibel werden in der Ausstellung durch prominente Vergleichsbeispiele - eine Reihe sensationeller Leihgaben hat den Weg nach Neuburg gefunden - in ihrem Sonderrang eindrucksvoll bestätigt.

Die ersten Illustrationen sind um 1430 von zwei deutlich sich unterscheidenden Regensburger Meistern gefertigt worden. Den Reigen eröffnet hat ein Maler, der es verstand, die biblischen Figuren farblich kontrastreich im Raum zu verteilen und durch kraftvolle Umrisse zu monumentalisieren. In seiner Darstellung des Jüngsten Gerichts wird das Kriechen und das Gestikulieren der Verdammten aus den Erdlöchern zum bewegenden Ereignis. Und die Kraft der Elemente ist selten suggestiver verbildlicht worden als in der Figur des Petrus, der vor dem auf dem Wasser wandelnden Jesus in den Wellen versinkt.

Vielleicht ist der Erfinder dieser Szenen, den man den Matthäusmaler nennt, deshalb früh durch einen Kollegen ersetzt worden, weil die Gesichter seiner Figuren seltsam flach sind und manchmal wie aufgeklebt aussehen. Sein Nachfolger, der Markusmaler, hat jedenfalls die Bildflächen mit vielen individuell agierenden Figuren und schönen erzählerischen Details gefüllt, den Himmel über dem Geschehen aber mit Blattgold statt mit eleganten Ranken auf farbigem Grund ausgelegt.

Beide Maler haben ihre Wirkungsmittel bei einer der eigenwilligsten Künstlerpersönlichkeiten ihrer Zeit bezogen, beim Regensburger "Meister der Worcester-Kreuztragung", von dem nur ein einziges winziges Holztäfelchen und ein paar Zeichnungen erhalten sind. Sein Einfluss auf die Zeitgenossen aber muss fast gewalttätig gewesen sein, wie die in Neuburg erstmals zusammengetragenen Hauptstücke und die Werke der Schüler zeigen. Nie sind die sadistisch ausgeklügelten Gesten der Folterknechte im Passionsgeschehen so naturalistisch konsequent in ihrer körperverzerrenden Hässlichkeit geschildert worden, und nie ist die Figur des leidenden Erlösers von der allseits hereindonnernden Gewalt so erbarmungswürdig erdrückt, ja fast bis zur Unkenntlichkeit ausgelöscht worden wie in den Werken dieses Meisters.

Mit welch europäischem Anspruch Herzog Ludwig der Bärtige, der Erfinder der Ottheinrich-Bibel - er war über seine Frau und über seine Schwester eng mit dem französischen Hof verbunden -, seine künstlerischen Aufträge erteilt hat, lässt sich in der Ausstellung wenigstens an einzelnen Objekten erahnen. Das aufregend lebendige Modell, das der Ulmer Bildhauer Hans Multscher im Auftrag Ludwigs für dessen Grabmal geschaffen hat, durfte zwar nicht nach Neuburg reisen, doch der Multscher zugeschriebene "Gnadenstuhl" aus dem Frankfurter Liebieghaus, eine Dreifaltigkeitsgruppe von bestürzender körperlicher Präsenz mit dem in den Armen eines Engels hängenden toten Christus, bietet auf höchstem Niveau Ersatz.

Als Ottheinrich um 1530 die fehlenden Bilder in der ererbten Bibelhandschrift nachmalen ließ, hatte er die Wendung zum Protestantismus noch nicht in ganzer Strenge vollzogen. Der von ihm für diese Aufgabe gewählte Maler Mathis Gerung hat die künstlerischen Errungenschaften der Dürer-Zeit in souveräner Leichtigkeit mit dem farbenfreudigen Stil der rund hundert Jahre älteren Bibelillustrationen verbunden. Seine Figuren bewegen sich sicher in dem für sie vorgesehenen Raum. Im Hintergrund der Szenerien aber öffnen sich jeweils nordische Landschaften von erfrischender Natürlichkeit.

Kapelle Schloss Neuburg an der Donau

Die von Ottheinrich 1543 eröffnete Neuburger Schlosskapelle, die von Hans Bocksberger ausgemalt wurde.

(Foto: Bayerische Schlösserverwaltung)

Dass Gerung einer der großen Erzähler seiner Zeit war, lassen nicht nur seine Bibeldarstellungen und seine antipapistischen Flugblätter erraten, sondern auch seine großformatigen Gemälde, die sich gerne über Dutzende von Ebenen nach hinten in die Landschaft hinein entwickeln: etwa die zeithistorisch höchst ergiebige, mit präzisen Details prunkende Darstellung des "Heerlagers Kaiser Karls V. vor Lauingen". Oder die philosophisch tief gründende Vision der "Melancholie im Garten des Lebens", ein Kompendium menschlicher Tätigkeiten, Vergnügungen und Verirrungen, wie es auch in den Niederlanden nicht plastischer hätte erfunden werden können.

Rubens hat mit seinen Gemälden die Rekatholisierung Neuburgs triumphal bestätigt

Neben der Ottheinrich-Bibel wird in Neuburg die Wiedereröffnung der gründlich renovierten Schlosskapelle als Ereignis gefeiert. Das ganz nach Luthers Vorstellungen konzipierte vielteilige biblische Bildprogramm an den Wänden und an der Decke schließt inhaltlich direkt an die um die Ottheinrich-Bibel versammelten früheren Bildwerke an. Die erst im 20. Jahrhundert wieder hervorgeholten Fresken korrespondieren aber auch mit den gegenreformatorisch aufgewühlten Altarbildern, die Rubens nach der Rekatholisierung Neuburgs für die vor dem Schloss gelegene Hofkirche gemalt hat. Diese Meisterwerke sind im Original oder in Abbildungen in der ebenfalls jüngst wiedereröffneten Zweiggalerie der Staatsgemäldesammlungen im Neuburger Schloss zu sehen. Die beiden mächtigen Seitenflügel des Rubensschen Hauptaltars hängen im Großen Saal nun wieder direkt über der intimen protestantischen Schlosskapelle.

Zieht man hier Vergleiche, dann kommt einem der ungeheure Furor, mit dem Rubens in seinen Darstellungen des Jüngsten Gerichts den Erzengel Michael auf den abscheulichen protestantischen Drachen eindreschen lässt, plötzlich etwas übertrieben vor. So schlimm kann der Protestantismus eigentlich nicht gewesen sein, wenn er diese mit biblischen Bildern gefüllte Kapelle hervorgebracht hat. Der italienisch geschulte Salzburger Maler Hans Bocksberger jedenfalls, ein überzeugter Protestant, hat fast das gesamte Bildprogramm des Alten und Neuen Testaments mit großer erzählerischer Überzeugungskraft in der Kapelle verständlich gemacht. Aber nicht nur die volkstümliche Beredtheit der Einzelbilder und die geschickte Aufteilung der Fresken auf dem trapezförmigen Gewölbe sind als Pionierleistungen zu bewundern. Auch die plastische Ausgestaltung der Kirche im Renaissancestil war ihrer Zeit weit voraus.

Kunst und Glaube. Ottheinrichs Prachtbibel und die Schlosskapelle Neuburg im Schloss Neuburg an der Donau, bis 7. August. Der Katalog (Verlag Schnell + Steiner) kostet 26 Euro.

© SZ vom 25.05.2016

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