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Kunst:Der Prismaist

Lyonel Feiningers Kunst entzog sich jeder Kategorisierung. Als Bauhaus-Meister lehnte er das Serielle ab und fühlte sich zutiefst der Romantik verpflichtet. Seine Laufbahn begann er als Karikaturist.

Nadelspitz ragt der Kirchturm von Gelmeroda in den Himmel - überspitzt sozusagen, auf jeden Fall aber übersteigert. Im Jahre 1906 sah Lyonel Feininger das schlanke Kirchlein in einem Vorort von Weimar zum ersten Mal; zwei Jahrzehnte später entstand "Gelmeroda IX" mit seinem blauen, kristallin-transparenten Turmkonstrukt. Immer wieder malte und zeichnete Lyonel Feiniger dieses Motiv, auf dessen Grundlage allein 13 Ölgemälde entstanden. Die Architektur der Vorlage ist bei Weitem nicht so dramatisch, wie Feiningers Darstellungen sie erscheinen lassen. Doch in dieser Fähigkeit, aus dem Alltäglichen gleichsam das Transzendente herauszuarbeiten, lag ja das große, das besondere Talent dieses Künstlers.

"Gelmeroda IX" bildet einen der visuellen Fixpunkte der Feininger-Kabinettschau am Essener Museum Folkwang, dem Auftakt einer Reihe von Ausstellungen zum Bauhausjahr. Vor genau 100 Jahren, im Februar 1919, stellte Feininger zum ersten Mal im Folkwang-Museum in Hagen aus, wenige Monate, bevor Walter Gropius ihn als Leiter der Druckwerkstätten ans gerade gegründete Weimarer Bauhaus berief. Die Feininger-Arbeiten in der Folkwang-Sammlung wurden 1937 durch die Nationalsozialisten im Rahmen der Ausstellung "Entartete Kunst" beschlagnahmt. Die nun gezeigten Werke, vier Gemälde und 26 Grafiken, aus den eigenen Beständen stammend, wurden bis auf ein Blatt nach 1945 erworben.

Dass es ungeachtet dessen eine exquisite Auswahl ist, zeigt sich schon bei den Frühwerken. Feininger, 1871 als Sohn des deutschen Violinisten Karl Feininger und der deutsch-amerikanischen Sängerin Elizabeth Lutz in New York geboren, kam ursprünglich aus der Karikatur. Seine ersten Zeichnungen veröffentlichte er bereits 1890 im Wiener Wochenblatt und den Humoristischen Blättern, später arbeitete er für den Ulk und die Chicago Tribune. Die "Grüne Brücke", scherzhaft mit "Leinoel Einfinger" signiert, ist eine Radierung nach einem frühen Ölgemälde, das Feininger 1911 in Paris ausstellte, und das sogar Henri Matisse tief beeindruckte. Die wuselnden Menschen unter der titelgebenden Brücke sind irgendwo zwischen Spitzweg und Wilhelm Busch angesiedelt, und doch in ihrer Kantigkeit ganz eigene Geschöpfe. Als Feininger 1913 beim Ersten Deutschen Herbstsalon in Berlin als Kubist kategorisiert wurde, hielt er dagegen, er sehe sich eher als "Prismaist". Und als er den Holzschnitt, der von den Künstlern des Blauen Reiters und der Brücke rehabilitiert worden war, als Technik aufnahm, blieb die Konstruktion seiner Grafiken - ebenso wie die entschieden nicht-realistische Farbgebung seiner Gemälde - letztlich einzigartig.

Das "Prinzip der Monumentalität und Konzentration bis zum absoluten Extrem meiner Sicht"

Feininger war am Bauhaus eine singuläre Figur. Dazu trug womöglich seine Herkunft bei - in Amerika wurde er als Deutscher, in Deutschland als Amerikaner mit französischen Einflüssen betrachtet. Vor allem aber entwickelte er eine andere Art des Sehens. Seine Ästhetik beruhte, wie er selbst sagte, "auf dem Prinzip der Monumentalität und Konzentration bis zum absoluten Extrem meiner Sicht". Diese Herangehensweise fand ihre Apotheose im berühmten "Halle-Zyklus". Von 1929 bis 1931 entstanden, verbindet sie eine semiabstrakte Formensprache mit der Monumentalität der mittelalterlichen Architektur der Saalestadt.

Damals hatte Feininger seine Lehrtätigkeit am Bauhaus bereits weitgehend eingestellt. Die Betonung des Seriellen, die mit László Moholy-Nagy Einzug gehalten hatte, entsprach nicht seinem visionären Anspruch, den er in Weimar und Dessau am ehesten noch mit Paul Klee teilte, und der seine Wurzeln nicht zuletzt in der deutschen Romantik hatte. Es war kein Zufall, dass eine Leuchtbake, ein unbemannter Leuchtturm auf Rügen, die er immer wieder darstellte, nach einem Entwurf Karl Friedrich Schinkels entstand. In der Öl-Version von 1913 wird eine kleine schwarze Figur, die zur Bake hinaufklettert, Teil des Naturtableaus, ebenso wie die Architektur des Turms selbst. Ein Weiterdenken der Naturbetrachtungen Caspar David Friedrichs, das statt einer Gegenüberstellung von Individuum und Landschaft eine Synthese aller Elemente anstrebt.

Lyonel Feininger wartete lange mit seiner Rückkehr - man könnte mit genauso viel Berechtigung sagen: seiner Emigration - in die Vereinigten Staaten. Im Juni 1937 verließ er mit seiner jüdischstämmigen zweiten Frau Julia Berg nach mehr als 50 Jahren Deutschland und siedelte sich in seiner Geburtsstadt New York an. Kurz vor dem Aufbruch schrieb er in einem Brief an seinen Sohn Theodore: "Ich fühle mich fünfundzwanzig Jahre jünger seit ich weiß, dass ich in ein Land gehe, wo Phantasie in der Kunst und Abstraktion nicht als absolutes Verbrechen gelten wie hier."

Lyonel Feininger, im Museum Folkwang, Essen. Bis 14.04., museum-folkwang.de.

© SZ vom 04.02.2019

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