Kunst Der Maler, der Farben vermählte

Im Jüdischen Museum werden Bilder des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer bei einer Benefiz-Auktion versteigert und stehen im Auktionshaus Neumeister zur Vorbesichtigung

Von Evelyn Vogel

Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon." Mit diesen Worten warb der Holocaust-Überlebende, unermüdliche Mahner gegen das Vergessen und Brückenbauer Max Mannheimer in Schulen und Ausbildungsstätten, bei Vorträgen und Gedenkveranstaltungen darum, Geschichte zu verstehen, aus der Geschichte zu lernen und dafür zu sorgen, dass diese Geschichte sich niemals wiederholen möge. Bis kurz vor seinem Tod im Alter von 96 Jahren im September vergangenen Jahres blieb Mannheimer dieser selbst gewählten Aufgabe treu. Mit seinem Tod verlor Deutschland eine weithin bekannte und geschätzte moralische Instanz und einen Zeitzeugen, der selbst im hohen Alter, wie er immer wieder betonte, noch an das Gute im Menschen glaubte.

"Ich male nicht, ich vermähle die Farben." Mit diesen Worten hat der etwas weniger bekannte Maler Max Mannheimer einmal seine Kunst erklärt. Eine Auswahl seiner Werke wird am kommenden Montag, 6. Februar - dem Tag, an dem Mannheimer 97 Jahre alt geworden wäre - bei einer Benefiz-Auktion im Jüdischen Museum München zugunsten des Vereins Leopolis und der Hungerhilfe für Lemberger Juden versteigert. Als Auktionatoren werden Altbürgermeister Christian Ude und Katrin Stoll vom Auktionshaus Neumeister die Hämmerchen schwingen. Der Kunstkritiker Gottfried Knapp wird ins Werk einführen. Im Auktionshaus Neumeister in der Barer Straße kann man diesen Donnerstag von 9 bis 19 Uhr und Freitag von 9 bis 17 Uhr die zur Auktion kommenden Werke vorbesichtigen.

Dass Max Mannheimer überhaupt zum Malen kam, hing mit seinen grauenvollen Erlebnissen in den Konzentrationslagern während der dunkelsten Phase deutscher Geschichte zusammen. Die schrecklichen Erinnerungen lösten bei ihm immer wieder Panikattacken und Depressionen aus. Ablenkung davon fand er zunächst im Kino, wo er versuchte, die eigenen Erinnerungen mit denen von Fremden regelrecht zuzuschütten und Bilder mit Bildern zu begraben. Doch irgendwann genügten diese fremden Bilder nicht mehr, ihre therapeutische Wirkung schien sich erschöpft zu haben. So kam er auf die Idee, eigene Bilder zu schaffen. Doch nicht seine düsteren Erinnerungen wollte er übertragen und die Bilder in seinem Kopf bekämpfen, indem er ihnen ans Licht verhalf. Stattdessen sollten Farbe und Form dem Grauen etwas entgegensetzen.

So begann Max Mannheimer in den Fünfzigerjahren zu malen. Zunächst kopierte er gefällige, geradezu kitschige Postkartenmotive. Je strahlender, je mehr im vom Film her vertrauten Technicolor, desto besser. Sehnsuchtsorte wie der von Bergen umgebene Königssee mit der Wallfahrtskirche St. Bartholomä etwa. Später hat er die ersten gegenständlichen Bilder angeblich samt und sonders vernichtet und nur das Königsseemotiv als Erinnerung aufbewahrt. Denn die Gegenständlichkeit schien ihm alsbald kein adäquates Mittel, um sich künstlerisch auszudrücken. So wandte er sich der Abstraktion zu.

Als Auktionsdatum wurde der Geburtstag Max Mannheimers gewählt. Er wäre 97 Jahre alt geworden.

(Foto: Elija Bossler)

Die Bilder der Maler des Blauen Reiters, die er im Lenbachhaus kennengelernt hatte, hatten Mannheimer sehr beeindruckt. Kandinsky schien ihm die Tür zu einer anderen Welt aufzustoßen. Interessanterweise meint man bei einigen Arbeiten, die nun zur Auktion kommen, vor allem Paul Klee als geistigen Vater ausmachen zu können. Er suchte mit Farben, Formen und Materialien einen eigenen Ausdruck, seinen eigenen Stil zu finden. Der war weniger gekennzeichnet von einer durchgängigen Linie, als vielmehr durch Experimentierfreude. Er zeichnete mit Buntstift, Tusche und Kreide auf Papier, malte mit Öl auf Leinwand, experimentierte mit Kunstharzlacken auf Karton, Papier und Leinwand, versuchte sich mit Sprühtechniken und schlierte Farbe auf Hinterglasbilder. Manche Blätter weisen eher gedeckte Farben auf oder sind durch geometrische und fast kalligrafische Elemente gekennzeichnet. Doch die Mehrzahl zeichnet sich durch kräftiges Rot und Blau, leuchtendes Grün und Gelb aus. Oft haben sich da regelrechte Farbexplosionen ereignet, schliert ein Schwarz durch ein Gelb, Grün und Blau. Überhaupt das Gelb und Blau. Max Mannheimer hat diesen Farben sogar ein bestimmtes Bild gewidmet: "Gespräch zwischen Herrn Gelb und Herrn Blau" hat er es genannt und seine Signatur, die er als Maler verwendete - "ben jakov" - sowie die Jahreszahl auf zwei farbliche Leerstellen im Bild verteilt. Es ist übrigens in der nun zu Auktion kommenden Auswahl das einzige Bild, das einen Titel trägt.

Mannheimer ließ die Farben zueinander finden, bis sie als Farbfelder die Ausstrahlung hatten, die er als frei von Zwang empfand. Auch deshalb nannte er das, was er da tat, nicht malen, sondern vermählen. Man könnte fast meinen, als Künstler wie als Zeitzeuge wollte er etwas nur zwanglos auf den Weg bringen, etwas, das sein Ziel selbstbestimmt erreichen sollte. Die Signatur - "ben jakov", Sohn Jakobs - benutzte Max Mannheimer in Erinnerung an seinen im KZ Auschwitz-Birkenau ermordeten Vater Jakob. Es war ein offensichtliches Zugeständnis an das erinnerte Grauen, das der Mahner dem Maler gewährte.

Max Mannheimer als Maler, Benefiz-Auktion zugunsten des Vereins Leopolis (Hungerhilfe für Lemberger Juden). Auktion: Montag, 6. Februar, 18 Uhr (Einlass ab 17.30 Uhr), Jüdisches Museum, St.-Jakobs-Platz 16. Vorbesichtigung: Donnerstag 2. Februar, 9-19 Uhr und Freitag, 3. Februar, 9-17 Uhr, Auktionshaus Neumeister, Barer Straße 37