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Kunst:Das Elend der anderen

Auch das noch: Ai Weiwei hat in New York 300 Skulpturen verteilt. Er widmet sie den 65 Millionen Flüchtlingen weltweit und zeigt einen Film mit dem Titel "Human Flow". Was ist von solchen Bekenntnissen zu halten?

Von Catrin Lorch

Es sind die märchenhaften Floskeln, die bemühen muss, wer über Ai Weiwei schreibt. Denn es kann kaum genügen, ihn als chinesischen Künstler zu apostrophieren, wo er doch einer der bekanntesten Künstler überhaupt ist und sicher der berühmteste Chinese. Dessen Reich so weit reicht, dass kaum ein Tag im Jahr vergeht, ohne dass Ai auf einem der fünf Kontinente eine Ausstellung eröffnet. Jetzt steht sein bislang größtes Projekt an. "Good Fences Make Good Neighbours" ist dieser Tage in New York schon deswegen nicht zu übersehen, weil die Schau überall stattfindet: Insgesamt 300 Werke hat Ai Weiwei in den fünf Boroughs der Metropole verteilt, in der er selbst in den Achtzigerjahren lebte.

Die meisten spielen motivisch mit dem titelgebenden Sprichwort, demzufolge "Gute Zäune gute Nachbarn machen". Am prominentesten ist der meterhohe Käfig im Süden des Central Parks, dessen Stäbe mit echtem Gold überzogen sind. Der Triumphbogen auf dem Washington Square bekam einen Einbau, in Queens stehen Metallzäune und die "Unisphere"-Weltkugel im Flushing Meadows Park umspannt ein Netz, das eine Grenze symbolisiert, sich aber auch als Sitzgelegenheit eignet. Es ist eine funkelnde, fast fröhliche XXL-Mitmach-Kunst, die Ai Weiwei jedoch mit einem ernsten Thema patiniert, indem er sie den "65 Millionen Flüchtlingen weltweit" widmet. Er ist stets darauf bedacht, in Interviews darauf anzuspielen, selbst so etwas wie ein Flüchtling zu sein, der in seiner Heimat inhaftiert war und lange das Land nicht verlassen durfte. Bei ihm klingt das allerdings wie das Seufzen eines international operierenden Managers, der auf seinen Jetlag anspielt. Passenderweise ("Es ist eigentlich ein Projekt") läuft in New York dieser Tage auch Ais Film "Human Flow" zur Flüchtlingskrise an, während im Guggenheim-Museum eine von ihm kuratierte Filmserie die Schau "Art and China After 1989: Theater of the World" begleitet.

Doch nimmt man dem Weltstar, der in China ein Studio mit Hunderten Mitarbeitern betreibt und eine Gastprofessur in Berlin hat, solche Bekenntnisse nicht mehr ab - spätestens seit er sich in der Pose von Aylan Kurdi, einem dreijährigen syrischen Kind, das tot an einem Strand angespült wurde, fotografieren ließ und das Bild über Social Media verbreitete. Weil der Künstler sich nicht dem Aktivismus unterordnet, sondern sich schlicht in der Zeitgeschichte breitmacht, das Elend anderer für seine Kunst ummünzt.

© SZ vom 13.10.2017

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