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Kunst:Besenheide und Birkenlaub

Der Kunstbetrieb entdeckt das hochpolitische Werk der norwegischen Bildweberin Hannah Ryggen wieder. Sie lebte als frühe Aussteigerin auf einer Insel knapp unter dem Polarkreis.

Wenn in der Kunstgeschichte heute an die Pariser Weltausstellung des Jahres 1937 erinnert wird, dann meist im Zusammenhang mit "Guernica", dem fast acht Meter breiten Gemälde, mit dem Pablo Picasso die Bombardierung der baskischen Stadt durch die deutschen Faschisten anprangerte. Es gilt als Ikone einer Kunst, die sich politisch einmischt, zutiefst humanistisch ist und sich an die ganze Welt richtet. Format und Farbgebung von Picassos Gemälde verbinden die Wirkung eines Freskos mit der Drastik eines Pressefotos.

Das Gemälde des damals schon weltberühmten Picasso fiel damals keiner Zensur zum Opfer, ein ganz ähnliches Format, das nicht weit entfernt im norwegischen Pavillon ausgestellt war, hingegen schon. Auch dieses Werk thematisierte den Überfall faschistischer Truppen auf wehrlose Menschen - allerdings reagierte die Künstlerin Hannah Ryggen mit "Etiopia" auf ein Unrecht, das aus europäischer Perspektive damals fast exterritorial wirkte: den Abessinienkrieg, die Besetzung des heutigen Äthiopiens durch die italienischen Truppen unter dem Diktator Benito Mussolini.

Picassos "Guernica" wurde gefeiert. Ryggens Monumentalbild zu Mussolinis Krieg zensiert

Auch Ryggen antwortete - wie Picasso - mit ihrem monumentalen Werk unmittelbar auf Zeitungsberichte und Radionachrichten. Der fast vier Meter breite Wandteppich, den sie im Jahr 1935 webte, zeigt in überzeichneter Deutlichkeit Kaiser Haile Selassie, daneben schwarze, verzweifelt gereckte Hände, einen Krieger und den Kopf von Benito Mussolini, der von einem Speer durchbohrt wird. Doch diese Szene, die auf dem letzten halben Meter dargestellt ist, bekam das Publikum nicht zu sehen. Die Kuratoren, die fürchteten, die italienische Staatsmacht könne sich beleidigt fühlen, rollten das letzte Stück des Teppichs ein.

Die Skandinavierin, die sich so emphatisch für das Schicksal eines afrikanischen Volkes interessierte, blieb für viele Jahrzehnte eine Fußnote der internationalen Kunstgeschichte. Doch seit ihre Teppiche bei der Documenta 13 ausgestellt waren, entdeckt man die im Jahr 1894 geborene Hannah Ryggen wieder, in diesem Herbst zeigt die Frankfurter Schirn eine Retrospektive. Es scheint, als sei der Kunstbetrieb endlich bereit, diese Künstlerin zu schätzen. Und das nicht nur, weil Weben gerade eine der angesagtesten Techniken ist und das Werk zahlloser noch nicht ausreichend beachteter Künstlerinnen neu gesichtet und bewertet wird. Hannah Ryggen hat einfach vieles richtig gemacht. Sie hat sich für Politik interessiert und mehr dafür, die Kunst um den Seitenweg "Weben" zu erweitern, denn als Malerin Erfolge zu feiern. Im Gegenteil: Sie hielt Abstand zum Kunsthandel und lebte mit ihrer Familie als Selbstversorger an der norwegischen Küste, knapp unter dem Polarkreis.

Ihr politisches Bewusstsein, die Distanz zu den Avantgarden in den Kunstzentren wie Paris, München oder Berlin, musste sich die hochbegabte junge Frau, die im südschwedischen Malmö zur Welt gekommen war, nicht erarbeiten. "Meine Mutter verließ ihr Elternhaus, um zu arbeiten, als sie elf Jahre alt war; mein Vater heuerte auf Kockums Werft an, als er 15 war. Ihr ganzes Leben war Arbeit", schreibt sie über ihre Familie. Die strenge Mutter bestand auf einer ordentlichen Ausbildung der Kinder, die Töchter wurden Grundschullehrerinnen.

Der Speer in Mussolinis Kopf galt als unzumutbar. Deswegen rollte man Hannah Ryggens "Etiopia" (1935) einfach ein.

(Foto: Thor Nielsen; Hannah Ryggen/VG Bild-Kunst)

Der Kunst begegnet Hanna Jönsson - wie ihr Geburtsname lautet - auf der Baltischen Ausstellung im Jahr 1914. Begeistert kaufte sich die schmale, dunkelhaarige Frau mit dem freundlichen Gesicht eine Dauerkarte und verbrachte in den folgenden Monaten ihre Freizeit auf dieser nordischen Ausgabe der Weltausstellung, wo neben den Leistungen der Industrie, neben Möbeln der Wiener Werkstätten und der Arts-and-Crafts-Künstler auch die Malerei von deutschen Expressionisten gezeigt wurde. Nach diesem Sommer schrieb sie sich bei dem akademischen Maler Friedrich Krebs für Privatstunden ein und zeichnete vor allem Landschaften und Porträts - von Arbeiterinnen oder Frauen - bis Krebs sie im Sommer 1922 zur Abrundung ihrer Ausbildung nach Dresden schicke, zum Altmeisterstudium.

Dort geriet sie schnell in ganz andere Kreise. Einer der wohl folgenschwersten Momente für die jüngere skandinavische Kunstgeschichte sollte ihre Begegnung mit Hans Ryggen werden, einem gut aussehenden Norweger, der in Sachsen bei dem Expressionisten Otto Lange studierte. Das Paar reiste zwar gleich nach München weiter, um die Alte Pinakothek zu besuchen - nach der Rückkehr sollte die versierte Malerin, die an einer modernen Formensprache gearbeitet hatte, sich jedoch einen Webstuhl kaufen und sich zu Kursen in einer Schule für Haushaltsgewerbe anmelden: "Plötzlich erwachte in mir die Lust, etwas mit den Händen zu tun, ich wollte nicht wie Krebs malen, sondern ich selbst sein."

Diese Eigenständigkeit war nicht eben eine Lebensgrundlage. Hans Ryggen, der aus einer Familie von Kleinbauern stammte, gab sein Erbe auf für fünf Hektar Land auf Ørlandet, einer Küstenregion hundert Kilometer entfernt vom norwegischen Trondheim. Während Hannah nach der Heirat im Jahr 1923 weiter als Lehrerin arbeitete, nagelte Hans ein Haus zusammen. Fünfzig Quadratmeter Grundfläche, kein fließendes Wasser, kein Strom. Erst kurz vor der Geburt von Tochter Mona im Mai 1925 übersiedelte Hannah Ryggen nach Norwegen, "eine einzige schwarze Ödnis", wie ihr Mann sie in einem Brief vorgewarnt hatte. Die Familie lebte von selbstangebautem Obst und Gemüse, hielt Gänse und Hühner, Schafe und eine Kuh - fast autark.

Hans "das Erfindergenie"baute seiner Frau dann "den besten Webstuhl der Welt, den ich mit den Füßen bedienen und an dem ich ganz leicht arbeite". Man kann ihn noch heute im Kulturhaus von Ørlandet besichtigen, während das unscheinbare Haus des Paares schon vor Jahren abgerissen wurde. Der abgelegene Ort wirkt heute nicht mehr so arm wie auf den Fotografien aus der Vorkriegszeit. Aber nicht einmal das neue Kulturzentrums kann sich wirklich behaupten gegen die funktionale Langeweile eines Ortszentrums, das vor allem aus einer betonierten Anlegestelle besteht, an der Soldaten auf Heimurlaub warten.

Ihren Teppich "Wir leben auf einem Stern" zerriss die Bombe des Utoya-Attentäters

Der Webstuhl steht in der wohlhabenden, skandinavischen Gegenwart wie ein Relikt aus einer Urzeit. So archaisch, als habe man eine Reihe Pappeln umgelegt, ragen Knüppel aus dem groben Konstrukt aus Brettern. Die Teppiche in den benachbarten Vitrinen sind genauso weit von aller modernen Kunst entfernt. Weder die Bewegung "Lysakerkreis", die in den Zwanzigerjahren eine originär norwegische, an Märchen und Volkskunst angelehnte Kunst etablieren wollte, hat Ryggen berühren können, noch das Werk von Neuerern wie Anni Albers, die am Bauhaus unter dem Einfluss der abstrakten Kunst die Weberei ins 20. Jahrhundert führte. Ryggen schmähte alles Dekorative als "leere Bühne" und glaubte an die aufklärerische Wirkung von Kunst, weswegen ihre Teppiche "im besten Fall Schulen und Versammlungssäle schmücken würden, wenn ich in einem Arbeiterstaat lebte". Auch in Zeiten größter Armut hielten sich die Ryggens zwei Zeitungen, blieben wach für die internationalen Ereignisse wie auch für das Elend in ihrer Nachbarschaft. Als im Krisenjahr 1933 Kleinbauern und Fischer unter der Last ihrer Schulden litten und die Geldeintreiber Hannah Ryggen ihr "Eiergeld" abknöpften, webte sie "Fischen im Schuldenmeer". Das Bild ist so drastisch wie eine Collage von John Heartfield, ikonografisch eine Mischung aus frühem Comic und biblischem Bilderzyklus.

Hannah Ryggen

Die in Schweden geborene Hannah Ryggen vor einem ihrer ersten Bildteppiche im Jahr 1922.

(Foto: Collection of NTNU University)

Die Arbeit an den weichen Monumentalbildern war aufwendig und langsam. Alles, was in diese Kunst einfloss, sollte aus ihrer unmittelbaren Umgebung, aus der Natur stammen. Hannah Ryggen verspann eigenhändig die Wolle ihrer Schafe und sammelte Vogelkirsche, Birkenlaub, Besenheide und Wacholder für das Färbebad. Sie hatte sich vor ihrem Umzug nach Norwegen mit Fachliteratur zur Färbetechnik eingedeckt, die Rezepte entwickelte sie in Experimenten weiter. Ein Maler kann ein "besonders schönes Gelb" einfach aus Pigment anmischen, Hannah Ryggens Rezept? "Das Garn in Molke zusammen mit den Wurzeln sieden. Warm in einen Bottich legen und Pisse drübergießen."

Auch als Einsiedler an der menschenleeren Küste suchten und fanden Hannah und Hans Ryggen Anschluss an die Kunst. Schon 1926 stellten sie im Museum in Lund aus. Im Krieg allerdings wurde die Peripherie von Ørlandet aufgrund der strategischen Lage zum Zentrum militärischer Auseinandersetzungen. Zwangsarbeiter bauten dort einen deutschen Militärflughafen, während die Besatzer den norwegischen Widerstand erbarmungslos bekämpften; auch Hans Ryggen wurde in ein Strafgefangenenlager gebracht. Dabei war es seine Frau, die den neuen Geist schon früh geißelte und ihre Bildteppiche jeden Morgen auf der Wäscheleine vor dem Haus ausstellte. Ihr "Hitlerteppich" hat schon 1936 die Gräuel des nationalsozialistischen Regimes dargestellt, wobei Hitler über dem Geschehen schwebt, wie ein böser kleiner Engel.

Das Werk fand dann in der Nachkriegszeit in Norwegen endlich die Beachtung, die es verdiente, während das schwedische Moderna Museet und das Smithsonian Institution in den USA ihr Retrospektiven ausrichteten. Nachdem die norwegische Nationalgalerie Ryggens Teppiche als erste Textilarbeiten überhaupt angekauft hatte, schrieb sie stolz an ihre Cousine: "Jetzt bin ich eine echte Künstlerin." Und während "Guernica" für die Vereinten Nationen nachgeknüpft wurde, hängte man in Norwegen Ryggens Wandteppich "Wir leben auf einem Stern" in den Eingangsbereich des Hayblokka, des Sitzes des Ministerpräsidenten. Als dort am 22. Juni 2011 der rechtsradikale Terrorist Anders Behring Breivik eine Bombe zündete, bevor er zum Amoklauf auf die Insel Utøya übersetzte, überstand der Teppich den Anschlag mit einem Riss, der geflickt wie eine Narbe wirkt.

Dass dieses schlichte und aufrichtige Werk von der Gegenwart gefeiert wird, sagt vielleicht mehr über die zeitgenössische Kunst aus als über die ungerührte, weiche Propaganda der Hannah Ryggen.