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Kunst-Ausstellung:Sieht gut aus

Schwarz steht für das Böse, für Trauer, Tod und Erlösung - es ist aber auch ein Modephänomen. In einer Ausstellung untersucht der Louvre-Lens die Farbe, die lange keine war.

Von Joseph Hanimann

Als der Basler Kupferstecher Matthäus Merian 1618 für eine Publikation des englischen Esoterikers Robert Fludd den Ursprung des Universums mit einem schwarzen Quadrat illustrierte, konnte er nicht wissen, dass er damit ein Motiv der Kunstavantgarde des 20. Jahrhunderts vorwegnahm. Nur dass der Maler Kasimir Malewitsch, anders als damals Fludd in seiner "Geschichte des Makro- und Mikrokosmos", seinem "Schwarzen Quadrat" 1915 keine metaphysische Bedeutung zuordnete. Dennoch ist es genau jenes Ur-Schwarz, das der Louvre-Lens mit der Ausstellung "Soleils noirs" entfaltet im weiten Spektrum zwischen Nacht- und Machtsymbolik, Götterattribut, Teufelsfarbe, Erhabenheitstraum, Trauerkleidung, Modephänomen, aber auch in Erinnerung an die rußverschmierten Gesichter der Bergleute, die einst das Leben im Kohleabbaugebiet um Lens geprägt haben.

Jahrhundertelang wurde die Farbe Schwarz in zahllosen Gewitter- und Mondscheinlandschaften, in Stillleben mit Totenschädeln und erloschenen Kerzen und in den dunklen Porträts von Frans Hals bis Edouard Manet von den Malern umspielt. Erst in der Moderne ist sie zu einem eigenen Thema gemacht worden. "Le Noir est une couleur", Schwarz ist eine Farbe, hieß 1946 eine denkwürdige Ausstellung der Pariser Galerie Maeght. Dass dem so ist, haben Tony Smith, Hans Hartung, Richard Serra, Ad Reinhardt und Pierre Soulages seither mit ihren Werken bewiesen.

Wegen der Corona-Pandemie sind rund ein Zehntel der Leihgaben nicht eingetroffen

Beim Versuch, diese Entwicklung nachzuzeichnen, kam dem Ableger des Louvre im nordfranzösischen Lens allerdings die Corona-Pandemie in die Quere. Rund ein Zehntel der Leihgaben sind nicht eingetroffen. Die Schau, die im März hätte anlaufen sollen, musste mit Lückenfüllern während der Hängung teilweise neu konzipiert werden. Nun ist sie eröffnet und bietet trotz einiger Mängel ein reiches Panorama zu den zwischen Ästhetik, Geistesgeschichte und Spiritualität schillernden Effekten der Farbe Schwarz in der abendländischen Kunst.

Die Musik hat in der Frühromantik das "Notturno" erfunden. Entsprechungen dazu gab es in der niederländischen Landschaftsmalerei schon anderthalb Jahrhunderte früher, und Caspar David Friedrich hat dieses Genre zu einem Höhepunkt geführt. In der Ausstellung sind diese Nachtlandschaften durch Werke von Joseph Vernet, durch das Bild "Werthers Grab" von Jean-Baptiste Deperthes und andere eher zweitrangige Stücke vertreten. Mit der Nacht kam aber auch das Erhabene und das Unheimliche. Tief schwarz erscheint es im Bild "La Solitude" des Amerikaners Alexander Harrison (1893) aus dem Pariser Orsay-Museum. Eine einsame Figur blickt von einem Kahn aus aufs Wasser, dessen spiegelglattes Dunkel vom grellen Gelb des Ruders im Mondlicht geradezu aufgeritzt wird. Hinter diesem Bild lässt der wegen Corona in der Ausstellung abwesende Arnold Böcklin grüßen.

Vorzügliche Wahl sind hingegen die "Spinnen" und "Raben" des zeichnerischen Hexenmeisters Odilon Redon. Auch Gustave Courbets Bild vom Bächlein des "Puits-Noir", das aus dem frischen Grün einer Waldlichtung heiter im Dunkel zwischen den Felsen verschwindet, trifft präzise das Ausstellungsthema. Johann Heinrich Füsslis "Drei Hexen" aus Macbeth, Gustave Dorés Illustrationen zu Dantes "Inferno", Eugène Delacroix' Lithografien zum "Faust" oder die verstörende Prachtinstallation "Who's Afraid oft the Dark" aus lauter toten Fliegen von Damien Hirst trösten über die aus dem Prado nicht eingetroffenen Goya-Bilder hinweg.

Schwarz gilt als Farbe des Bösen, des Todes, der Verzweiflung, in der christlichen Tradition gleichzeitig aber auch der Rettung und Erlösung. Wie eine reizvolle Metapher zu dieser Ambivalenz wirkt in der Ausstellung die exakt auf die Schwelle zwischen zwei Sälen platzierte Doppelskulptur "Schiff und sein Inhalt" von David Nash (1988): ein aus einem verkohlten Baumstamm geschnittener Kahn, der zwischen den beiden Ufern zu pendeln scheint. Hier die christlich geprägten Todesvisionen mit stürzenden Engeln, Märtyrern und dem Gekreuzigten von David Téniers, Bartolomé Esteban Murillo, Théodule Ribot, dort die ebenfalls oft in Schwarz angedeutete Ausstrahlung des Göttlichen und Überirdischen. Schade nur, dass die dafür aus der ägyptischen und römischen Antike weit hergeholten Exponate gegen die Dramatik der christlichen Darstellungen nicht anzukommen vermögen.

In den mondänen Festen der Belle Époque strahlte das Schwarz in all seinen Nuancen

Auch gesellschaftlich steht Schwarz oft für Pracht und Reichtum. Das hängt nicht zuletzt mit dem komplizierten, teuren Verfahren zusammen, diese Farbe auf Stoff zu fixieren. Die europäischen Herrschaften des 17. Jahrhunderts posierten vor der Staffelei von Velasquez, François Clouet, Pietro Martire Neri gern in üppig glänzendem Schwarz. Bei den Mächtigen in den protestantischen Gegenden des Nordens hingegen stand dieselbe Farbe eher für die Moral bürgerlicher Enthaltsamkeit - etwa bei Nicolaes Eliasz Pickenoy.

Eine Epoche nur wusste mit den Reizen des Dunklen offensichtlich wenig anzufangen. Die Aufklärung war schon von ihrem Namen her ein Gegenprogramm dazu, obwohl auch ihr deren Zauber nicht verborgen blieb. "Die Nacht ist erhaben, der Tag ist schön", schrieb Immanuel Kant. Erst in den romantischen Todesfantasien aber und in den mondänen Festen der Belle Époque, bei Édouard Manet oder in Carolus-Durans "Dame mit Handschuh", strahlte das Schwarz wieder in all seinen Nuancen. Das Gegenstück dazu war die Schwärze der Rauchwolken über den Fabrikschornsteinen, der Ruß und das Sozialelend an den Stadträndern.

"Noir pour le noir" heißt der letzte Ausstellungsteil in Lens, in Anspielung auf die Bewegung "L'art pour l'art". Die Farbe wollte nichts mehr bedeuten, sondern ganz für sich selbst stehen. Pierre Soulages hat ihr mit dem "Outrenoir", dem "Über-Schwarz", in seinen Bildern seit 1979 den vielleicht stärksten Ausdruck verliehen. Mit ihren wechselnden Schraffierungen scheint sie bei ihm das Licht nicht mehr zu brechen oder zu verschlingen, sondern aus sich selbst heraus immerfort neu zu generieren. Baudelaire, Gérard de Nerval und andere Dichter haben dafür den melancholischen Topos der "schwarzen Sonne" geprägt. In ihm konvergiert die Thematik der Ausstellung. Doch ist das Kernstück dazu ebenfalls dem Coronavirus zum Opfer gefallen. Die Sonnenfinsternisbilder von Douglas Gordon aus dem New Yorker MoMa konnten nicht nach Lens reisen. So muss der Besucher sich diesen visuellen Fluchtpunkt im Kopf selber ausmalen. Und auch der Zusammenhang mit dem aktuellen politischen Slogan "Black matters" bleibt seiner persönlichen Vorstellung überlassen.

Soleils noirs. Louvre-Lens. Bis 25. Januar 2021. Katalog 39 Euro. Info www.louvrelens.fr.

© SZ vom 22.07.2020
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