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Kulturreport:Kurt gegen Kurt

Theater Augsburg

Extravaganter Zweitspielplatz in Augsburgs Innenstadt ist die Brechtbühne.

(Foto: Stefan Puchner)

Augsburg muss und will das Theater sanieren. Angesichts der hohen Kosten gibt es Widerstand

Max und Moritz fegen durch die Landschaft wie eh und je. Aber hier auf der Brechtbühne heißen sie "Bad Boys", und die Reime von Wilhelm Busch werden nicht vorgelesen, sondern gerappt. Ein erfrischendes Projekt, dabei arbeitet das Ensemble des Theaters Augsburg mit Jugendlichen zusammen, die sich mehrere Monate in ihrer Freizeit auf den Auftritt vorbereitet haben. Das Ergebnis ist ein lauter, mitreißender Aufschlag. Starkes Theater.

Ist dies das Theater der Zukunft? Oder besser: die Zukunft des Theaters? Diese Frage ist quasi in jeder Stadt aktuell. Was sollen städtische Bühnen heute und morgen eigentlich leisten? Und was nicht? Besonders leidenschaftlich wird diese Frage derzeit in Augsburg verhandelt. Es gibt Streit zwischen einer Gruppe von Kulturschaffenden und den Politikern. Dabei geht es um dreistellige Millionen-Summen. Und wie der Zoff endet, ist offen: Theoretisch könnte das Haus im Konsens auf völlig neue Beine gestellt und in eine goldene Zukunft geführt werden. Es droht aber ein Bürgerbegehren mit Totalblockade und dem Verlust eines zugesagten 107-Millionen-Euro-Zuschusses des Freistaates.

Der Diskurs über das Konzept der zentralen Kultureinrichtung einer Stadt, man könnte ihn sachlich und entspannt führen und irgendwann fällt eine Entscheidung im Konsens - oder wenigstens im Kompromiss. In Augsburg aber läuft das anders ab. Auch, weil große Zeitnot herrscht: Das Große Haus muss schleunigst renoviert werden, im Jahr 2017 sperrt die Feuerwehr das marode Gebäude aus Sicherheitsgründen zu. Zudem fehlt der Stadt eigentlich das nötige Geld. Zuletzt hatte die Regierung von Schwaben mehr oder weniger direkt eine unrealistische Haushaltsführung diagnostiziert: "Wir regen an, den Finanzplan an die tatsächlichen Verhältnisse anzupassen", hieß es in einem Bescheid. Dies gelte "insbesondere hinsichtlich der Finanzierbarkeit der Investitionen". Dennoch hat der Stadtrat beschlossen, das Theater für etwa 186 Millionen Euro zu renovieren. Immerhin hat der Freistaat hierfür bereits 107 Millionen Zuschuss zugesagt.

Die Restsumme - 79 Millionen - will die Stadt mit Krediten stemmen, die den Haushalt über Jahrzehnte hinweg belasten werden. Gegen dieses Vorgehen regt sich massiver Protest. Einige Kulturschaffende schlossen sich zusammen und formulierten bereits im Mai einen Offenen Brief an Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU). Sie forderten einen sofortigen "Planungsstopp" und "Neustart". Sie prophezeiten eine Spaltung der Stadtgesellschaft, wenn wegen der teuren Großbaustelle Theater kein Geld mehr für Schulen und andere Projekte übrig bleibe. Ihre Kritik: Das Sanierungskonzept sei viel zu teuer und werde "ohne Bürgerbeteiligung" durchgezogen. Sie wünschen sich einen Neubau, in dem die Ergebnisse einer offenen Diskussion umgesetzt werden.

OB Gribl reagierte schnell. Seit Oktober läuft ein sogenannter "Prozess der Bürgerbeteiligung". Auf der Internetseite klingt das Vorhaben perfekt: "Das Theater soll nicht nur baulich neu gedacht werden", steht da, es soll "ein Theater der Bürger werden". In der öffentlichen Diskussion werde die Stadtgesellschaft in die Gestaltung "ihres Theaters aktiv mit einbezogen". OB Gribl bezeichnet das Verfahren als "große Chance". Er wolle den "vielerorts spürbaren Willen zur Gestaltung in einen konstruktiven Dialog bündeln".

Aber Buchhändler Kurt Idrizovic, einer der Sanierungskritiker, empfindet das ganz anders. "In diesem sogenannten Beteiligungsprozess kommen die meisten Bürger gar nicht vor", kritisiert der Sprecher der " Initiative Theater-Neubau". Ihm zufolge müssten aber die Menschen unbedingt befragt werden, bevor "in dieser extrem prekären Finanz-Situation ein derart monströses Projekt" gestartet werde. Das klingt wie die Ankündigung eines Bürgerbegehrens. "Danach riecht es", sagt Idrizovic, ohne näher ins Detail zu gehen. Der Mann kennt sich mit derartigen Initiativen aus, vor Jahren hat er per Bürgerentscheid den Bau der "Neuen Stadtbibliothek" durchgesetzt.

Kommt es also zum Duell Kurt gegen Kurt? Idrizovic wirkt - ähnlich wie Max und Moritz - zu allem entschlossen. Gribl dagegen läuft Gefahr, dass sein großes schwarz-rot-grünes Regierungsbündnis eine zweite Ohrfeige von den Bürgern kassiert. Im Juli hatten die Bürger die Pläne zur Fusion der Stadtwerke Energie mit dem Privatunternehmen Erdgas Schwaben per Entscheid gestoppt.

Dabei könnte alles so schön und harmonisch laufen, wie es der Karlsruher Generalintendant Peter Spuhler zum Start des Dialog-Prozesses darstellte. Als externer Referent berichtete er von seinem Haus und vom National Theatre in London. Er erzählte von Open Stage Cafés und von einem offenen Studenten-Treffpunkt im Foyer mit W-Lan, von einem Kulturzentrum mit Jugendräumen. Ein Stadttheater solle nicht mehr "elitärer Tempel" sein. "Wir müssen alle unsere Inhalte überdenken. Wir müssen uns räumlich und inhaltlich öffnen."

Das Augsburger Theater hat bereits einen Öffnungsprozess hinter sich; Max und Moritz sind nicht die ersten, die aus der Reihe tanzen. Intendantin Juliane Votteler hat einige Projekte angestoßen, es gibt Kooperationen mit der freien Szene, Auftritte an anderen Orten. Für die progressiven Theatergänger sind das Schritte in die richtige Richtung, sie fordern gar, das Ensemble müsste noch viel mehr auf die Jugend zugehen. Konservative Abonnenten warnen dagegen davor, die eigentliche Aufgabe eines Stadttheaters aus dem Auge zu verlieren; dies sei nun einmal die Vermittlung klassischer Werke. Die Gegner der Sanierung kritisieren, dass der Stadtrat schon während des Diskussionsprozesses Fakten schaffe: Erste Aufträge zur Sanierung des denkmalgeschützten Theaterbaus sind vergeben, der künftige Intendant Andre Bücker ist gewählt und der Bau einer Ausweichspielstätte für die Sanierungsphase beschlossen - auf dem Areal des ehemaligen Gaswerks. Für OB Gribl sind das dringend nötige Weichenstellungen, die erstens den Diskussionsprozess nicht beeinflussten und zweitens wichtig seien, um bis zur Schließung des Großen Hauses handlungsfähig zu bleiben. Seine Kritiker um Kurt Idrizovic sind ganz anderer Meinung: Sie bezeichnen den Dialog-Prozess als Alibi-Aktion. Von einer offenen Diskussion könne keine Rede sein.

Andre Bücker tritt sein Amt als Intendant zwar erst im Herbst 2017 an, will sich aber demnächst in den Diskussions-Prozess einschalten. Seine Aufgabe sei es zunächst aber, zuzuhören. "Ich will begreifen, was die Leute bewegt". Der 46-Jährige kommt vom Anhaltinischen Theater Dessau. Er sagt, das Theater sei "Partner im Diskurs und nicht Solitär". Es scheint, als wolle er mit größtmöglicher Offenheit auf die Bürger zugehen. Doch ob das reichen wird, um einen Bürgerentscheid zu verhindern, ist fraglich. Beim ersten Diskussionstag im November taten sich bereits tiefe Gräben auf: "Ein ergebnisoffener Dialog bedeutet auch, dass die Schließung des Großen Hauses möglich sein muss", sagt ein Sanierungsgegner. Einer der Moderatoren betont: "Es gibt Sachen, die sind nicht verhandelbar." Wilhelm Busch würde vielleicht sagen: "Wehe, wehe, wenn ich an das Ende sehe."