Kulturgeschichte "Lass dir Zeit", sagt die rosa Rose

Sind sie wie wir oder ganz anders? Eine überbordende Ausstellung im Dresdener Hygiene-Museum widmet sich dem Verhältnis von Pflanzen und Menschen.

Von Burkhard Müller

Von Pflanzen und Menschen" - eine Ausstellung, die diesen Titel trägt, hat sich allerhand vorgenommen. Menschen und Pflanzen, das sind die beiden auf der Erde vorherrschenden Lebensformen. Die Menschen haben die Erdoberfläche in den letzten Jahrhunderten in beispielloser Weise umgestaltet, sie und ihre Haustiere wiegen zweihundertmal so viel wie alle wild lebenden Säugetiere zusammen. Die Pflanzen aber bilden rund 80 Prozent der Biomasse, und fast ganz allein auf ihrer Grundlage ruht die menschliche Gesellschaft und Kultur. Alles, was wir essen, letztlich auch das Fleisch, ist pflanzlichen Ursprungs. Den größten Teil unseres Energiebedarfs deckten wir bisher mit Kohle, Erdöl und Erdgas, die der Pflanzendecke vergangener Erdzeitalter entstammten. Die Pflanzen haben es vermocht, die Kraft des Sonnenlichts, das überall sonst im Planetensystem diffus verloren geht, in hochkomplexe Gebilde umzuwandeln; von dieser Errungenschaft zehren die übrigen Organismen. "Von Pflanzen und Menschen" heißt nichts anderes als: von der lebendigen Welt als solcher.

Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden, 1912 zur populären gesundheitlichen Aufklärung gegründet, hat sich, seit es um die Jahrtausendwende neu konzipiert wurde, einen erweiterten Kreis von Themen erschlossen. Es befasst sich mit allem, was den Menschen als physischen und sozialen Körper betrifft. Es gab Ausstellungen über den Sport, über Krieg und Medizin, über Traum und Schlaf, über die Leidenschaften, den Reichtum und auch bereits eine über das Verhältnis der Menschen zu den Tieren - ein, verglichen mit der Breite des jetzigen, eng umrissener Gegenstand.

Der Zeitraffer erweist die Erbse als Lebewesen, das sich zielstrebig sucht, was es braucht

Wo also anfangen? In Dresden hat man sich für den Zeitraffer entschieden. Am Eingang empfängt den Besucher ein Film, der zeigt, wie sich eine rankende Pflanze ihren Platz in der Welt erkämpft. Ihr Stängel ist zu schwach, um sie zu tragen, darum muss sie mit ihren Tentakeln einen Punkt finden, an dem sie sich halten kann. Wer sie in seinem Garten sieht (es handelt sich wohl um eine Erbse), dem kommt es vor, als passiere nichts. Der Zeitraffer aber erweist sie als ein Lebewesen, das aktiv sucht und, sobald es hat, was es braucht, es zielgerichtet fasst.

So soll die alte, auf Aristoteles zurückgehende Hierarchie aufgebrochen werden, welche die Tiere, die auf sinnliche Eindrücke mit Bewegung reagieren, über die starren blinden Pflanzen stellt. Unbestritten war immer, dass sie leben, denn sie keimen, wachsen, pflanzen sich fort und sterben; aber ihr Leben schien ein minderes, es schien ihm etwas zu fehlen.

Die Ausstellung greift die Einwände auf, die sich gegen dieses traditionelle Modell geregt haben. Sind Pflanzen "intelligent"? In einem nicht ganz leicht durchschaubaren Experiment, das hier dokumentiert wird, soll die Versuchspflanze über erst zusammen angebotene und dann separierte Reize konditioniert werden wie ein Pawlowscher Hund. Es klappt in 62 Prozent der Fälle, in 38 Prozent der Fälle klappt es nicht. Beweist das irgendwas, oder war hier der Wunsch der Vater des Gedankens? Eine künstlerische Installation erkundet die Geräusche einer Gruppe von Kiefern. Mikrofone, die im Bereich des für Menschen Unhörbaren operieren, zeichnen eine Symphonie von Knarz- und Knacklauten auf und ordnen sie den Einzelbäumen zu. So erhält jeder Baum seine Stimme. Aber ist das eine "Stimme"?

Der geforderte Respekt für die Pflanzen hängt offenbar sehr stark davon ab, dass sie mehr als bisher zugestanden "uns" gleichen, den Menschen oder mindestens animalischen Lebewesen, indem sie über motorische, kognitive und soziale Eigenschaften verfügen sollen, die bisher verborgen geblieben sind. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, auf die sich diese These stützt, sind beeindruckend; an der These selbst darf gezweifelt werden. Warum fällt es so schwer, die Pflanzen als eine uns ganz und gar fremde Lebensform zu akzeptieren? Was Pflanzen für uns sind und leisten, vermögen sie gerade dadurch, dass sie völlig anders sind als wir.

Die Ausstellung ist breit angelegt. Sie hat als Autoren des insgesamt sehr lesenswerten Katalogs Emanuele Coccia gewinnen können, einen Philosophen, der einen so poetischen wie exakten Begriff vom Leben der Pflanzen entwickelt; er versteht es als in den Atem hinausgehaltenes Dasein.

Doch direkt danach folgt ein Aufsatz von Suzanne Simard, die von einem Wald spricht wie von einer Gemeinschaft indigener Völker, wo man den "Ältesten" und ihrer "Weisheit" die verdiente Achtung zollt. Der Anthropozentrismus ist gerade dort, wo er das Gegenteil zu wollen scheint, nicht auszurotten.

Was in Dresden zusammengekommen ist, hätte für zehn Ausstellungen gereicht. Der Besucher erfährt Details der alten Blumensprache: Wem man eine rosa Rose schenkt, dem will man sagen "Lass dir Zeit", eine Schwertlilie heißt "Ich werde um dich kämpfen", eine gelbe Nelke "Jemand verachtet dich". Schautafeln belehren über die fünf historischen Methoden, mit denen der Mensch die Pflanzen verändert hat: Auslese, Kreuzung, Hybridisierung, Mutagenese und Gentechnik; und sollte er nicht gewusst haben, was der Unterschied zwischen den letzten beiden ist, so weiß er es jetzt.

In Horrorfilmen übernehmen durchgeknallte Riesenpflanzen die Rolle des Monsters

Eigene Auftritte haben die Kartoffel, die mühsam als Volksnahrungsmittel durchgesetzt werden musste, und der Hanf, der ewig zwischen Verbot und Legalisierung schwankt. Auf einem Bildschirm kann der Besucher die größte Blüte der Welt, die der Titanwurz, zur Entfaltung bringen. Ungezählte Illustrationen seit dem Mittelalter lassen erkennen, wie die Wissenschaft sich der Pflanzen deskriptiv und analytisch zu bemächtigen suchte und zugleich ihrer Schönheit erlag.

Der Klimawandel, der deutsche Beton-Normalgarten, die Vielfalt alter Gemüsesorten, das Comeback der Alraune dank "Harry Potter", die Sebnitzer Kunstblumen-Industrie: nichts ist hier vergessen worden. Ein Miniaturgarten mit 250 Pflanzen, ganz aus gefärbtem menschlichen Haar verfertigt, macht einen eher gruseligen Eindruck - was den ausschnittsweise vorgeführten Horrorfilmen, in denen durchgeknallte Riesenpflanzen die Rolle des Monsters übernehmen, leider nicht gelingt; es sind möglicherweise die schlechtesten Filme aller Zeiten, gerade darum üben sie eine eigene Faszination aus.

Das Verdienst dieser Ausstellung, für die man mindestens drei Stunden Zeit mitbringen sollte, besteht darin, dass sie die ungeheure Wichtigkeit der Pflanzen für die menschliche Existenz verdeutlicht. Die Schattenseite liegt in der Überfülle der angeschnittenen Themen, von denen keines ganz zu seinem Recht kommt.

Vorstellbar wäre es etwa gewesen, nur den Getreideanbau, die Geschichte des Brots, ins Zentrum zu rücken. Dann hätte man auch die Bilder größer machen und ihrer ganzen Bedeutung nach erschließen können. So muss der Besucher selbst erkennen, dass in den frühneuzeitlichen Darstellungen die europäischen Bauern mit vielerlei Ackergeräten ausgestattet sind, die indianischen Bauern aber mit nichts als einem Grabstock an ihre Maispflanzen herangehen. Hier sieht man, warum Europa Amerika erobert hat und nicht umgekehrt. Aber man muss es selbst tun, die Ausstellung hilft einem nicht. Auch die Beschriftung stellt teils ein Problem dar: zu klein, zu tief angebracht, schlecht lesbar in den dunkel gehaltenen Räumen.

Doch bei aller Kritik im Einzelnen: Es lohnt sich, diese Ausstellung anzuschauen. Sie macht klar, wie es in der Beischrift eines Exponats heißt, dass die Pflanzen die wahren Heldinnen der Geschichte sind.

Von Pflanzen und Menschen. Deutsches Hygiene-Museum, Dresden. Bis 19. April 2020.