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Kulturgeschichte:Die Ornamente des Ich

Siegfried Kracauer war Architekt, Philosoph, Soziologe, Kritiker. Der Historiker Jörg Später hat die erste umfassende Biografie dieses außergewöhnlichen Intellektuellen geschrieben.

Siegfried Kracauer ist schwer zu fassen. Das ist keine neue Feststellung, vielmehr trieb sie bereits den berühmten Renaissanceforscher Paul Oskar Kristeller um, als er 1969 im Vorwort zu Kracauers letztem, unvollendet gebliebenen Buch, das in der deutschen Übersetzung den Titel "Geschichte - Vor den letzten Dingen" trägt, den Freund als "Philosophen, Soziologen, Historiker und vor allem Kritiker und Schriftsteller" vorstellte. Damit war immerhin angedeutet, wie weit die Interessen und Kompetenzen des 1889 in Frankfurt am Main geborenen und 1966 in New York gestorbenen Kracauers gespannt waren. Doch nicht nur das. Kristellers kurzer, ungemein dichter Text kontrastiert auf kluge Weise akademische Berufsbezeichnungen mit typischen Beschäftigungen freischwebender Intellektueller.

Damit war auf einen Umstand verwiesen, der Kracauers Biografie, also auch seine Selbstanalysen und sein umfangreiches Werk zunächst einmal aufschließt: Kracauer saß lebenslang zwischen vielen Stühlen. Dabei hatte für den promovierten Architekten alles gut begonnen. Als Redakteur bei der Frankfurter Zeitung war er ein etablierter Außenseiter; als Schüler Georg Simmels formulierte er über Jahre eine komplexe Phänomenologie des Alltags, seiner Durchdringung mit Ideologemen und versteckten Freiheiten und wurde so eine wichtige Stimme in der Weimarer Republik.

Zum Schreck der Freunde wollte er ein Panorama der Gegenwart in Biografien entwerfen

Dann der Bruch. Seit 1933 im französischen Exil, fühlt er mittels einer Analyse Jacques Offenbachs nicht etwa dem 19. Jahrhundert, sondern der Gegenwart den Puls - ganz zum Entsetzen seiner Freunde, von denen er finanziell weitgehend abhängig ist. Sie können und wollen nicht begreifen, dass Kracauer sein im Roman "Ginster" begonnenes Vorhaben, ein Panorama der Gegenwart mittels Biografien zu entwerfen, fortschreibt.

Kracauer schafft es mit seiner Frau Lili 1941 von Lissabon aus gerade noch rechtzeitig in die USA, und wird auch dort, nunmehr als auf Englisch Schreibender, keinen festen Platz mehr finden. Aber Kracauer kann erneut Unterstützer gewinnen und darüber gelingt ihm nach und nach eine Rückkehr in intellektuelle und finanzkräftige Milieus. Dank dieser Entwicklung kann er die Geschichte des expressionistischen Kinos durchforsten, um, mit einem schönen Wort von Gilles Deleuze gesagt, "den Aufstieg des hitlerschen Automaten in der deutschen Seele" zu reflektieren. Mehr zitiert als gelesen, ist die Studie "Von Caligari zu Hitler" ein Klassiker geworden. Kracauers zweites Kino-Buch versteifte sich jedoch zu einem weit hinter den eigenen Stand zurückfallendes Handbuch, wie Heidi Pataki schon vor vielen Jahren anmerkte. Man beginnt dann, dank des Suhrkamp-Verlages und des wunderlichen und nur selten realistischen Freundes Theodor W. Adorno, auch in Deutschland seine Texte zu lesen. Kracauer findet kurzzeitig den Weg in die Gruppe "Poetik und Hermeneutik", ohne dort wirklich anzukommen.

Im Pariser Exil wohnte Siegfried Kracauer mit seiner Frau Lili 1938 in einem möblierten Zimmer in der Avenue Mac-Mahon 3. Den Blick von dort auf das neu eröffnete Kino gegenüber zeigt diese Aufnahme von Lili Kracauer.

(Foto: DLA Marbach)

Trotz des gestiegenen Interesses an seinem Werk und seiner Person konnte man lange Zeit außer Paul Oskar Kristellers feiner Skizze nur wenig Substanzielles über Siegfried Kracauer lesen. Dann kam eine erste Werkausgabe schleppend auf den Markt, bis 1988 ein ihm gewidmetes Marbacher Magazin von Ingrid Belke und Irina Renz das Tor aufstieß, durch das die Forschung treten konnte. Hier seien nur Inka Mülder-Bach, die mit Belke auch die maßgebliche Edition verantwortete, und die früh verstorbene Miriam Hansen genannt. Kracauer wurde wohl als vorerst Letzter in die Suhrkamp-Kultur aufgenommen. Doch zu einer umfassenden Biografie konnte sich trotz dieser guten Voraussetzungen niemand aufraffen, was auch angesichts der Quellenlage verwundert. In Marbach ist ein umfangreicher Nachlass der Forschung zugänglich.

Das hat sich geändert. Der Freiburger Historiker Jörg Später legt mit 741 Seiten nicht nur eine umfassende, sondern auch inhaltlich schwergewichtige Biografie vor. Einige gute Nachrichten vorneweg: Jörg Später kann schreiben - kein Jargon, kein technisches Distanzvokabular, stattdessen aktive Teilnahme am Lebens- und Denkprozess des Helden. Zudem überrascht der Biograf mit gegen Klischees gebürsteten Urteilen, die von guten Gründen ausgehen. Gelegentlich riskiert Später sogar, "ich" zu sagen, unterläuft so die bloße Registrierung von Fakten und Deutungsangeboten und zeigt somit sich als das, was ein Biograf grundsätzlich sein sollte: ein mutiger Historist. Jörg Später kann aber auch darstellen, verweigert sich naheliegenden Gewichtungen, verliert sich auch mal in Details, ohne die großen Linien aus den Augen zu verlieren.

Was also bekommen wir geboten? Die komplizierte Familiengeschichte wird ebenso eloquent nachgezeichnet wie die jüdischen Identitätsdebatten der frühen Zwanzigerjahre im Kreis um den Frankfurter Rabbiner Nehemia A. Nobel. Der Aufstieg Kracauers in der Frankfurter Zeitung wird geschickt in die Zeitläufte eingebunden, nicht minder der Absturz des jüdischen Intellektuellen, die Überlebensbemühungen innerhalb und außerhalb der Emigrantenszene in Frankreich, schließlich Kracauers Etablierungsversuche in den USA.

Die Werkdeutungen geben dezent zu verstehen, wer die Spuren gelegt hat, denen Später häufig souverän, aber ohne jede "Ich-habe-alles-verstanden"-Attitüde folgt. Spezialisten werden Haare in der Suppe finden, das lässt sich im Falle Siegfried Kracauers auch gar nicht vermeiden.

Der äußerst produktive Feuilletonist hat sich lebenslang an vielerlei entzündet, erstaunlich vieles von dem, was seinerzeit en vogue war, ist auch heute dank Kracauer unbedingt erinnernswert. Natürlich nicht nur die Texte zu den Angestellten, die Impressionen des Flaneurs und die großen Analysen der antidemokratischen Kräfte Anfang der Dreißigerjahre.

Siegfried Kracauer

Siegfried Kracauer

(Foto: DLA Marbach)

Kracauer brachte brillant Gegenstände wie Henkel und Krug mit Schmutz und Dreck zusammen, war sich nicht für das Kleine des Alltags zu schade, dem er Geheimnisse andichtete, doch nur um sie dann zu lüften. Und man lernt erneut: nicht nur Walter Benjamin schaute genau hin, im Gegenteil: Kracauer ist immer da einfach besser, wenn er näher bei den Sachen steht.

Dieser Autor zeigt eine beinahe übermenschliche Gerechtigkeitssehnsucht

Bei all dem ist die Chronologie für Später nur ein Rahmen, aber keine Vorgabe, sodass man verschiedene Ansichten auf Kracauers Entwicklungen bekommt, die Kontroversen und Verstrickungen aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden. Das ist umso wichtiger, da wir es mit einem Helden zu tun haben, der seit der Zeit als Redakteur der Frankfurter Zeitung einen Einspruchs- und Widerspruchsgeist verkörperte, der kaum irgendeiner der vielen Linien gehorchte, die im Gedankenlaboratorium Weimar oder später in Paris und New York ausgeheckt wurden.

Solch mühsam erworbene und lebenslang verteidigte Unabhängigkeit hat die stets um sich und ihre intellektuellen Positionen besorgten Freunde Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Ernst Bloch und - als besonnener Pol dazwischen ruhend - Leo Löwenthal immer mal wieder an Kracauer verzweifeln lassen. Und umgekehrt verstand Letzterer häufig die Friktionen nicht, die sich um ihn herum bildeten. Man muss Später in den einzelnen Wertungen dieser Meinungsgemeinschaften gewiss nicht zustimmen, aber die gebotenen Lesarten verweisen immer wieder auf das immense Potenzial von Kracauers Werk selbst zurück. Wenn das Wort überhaupt im Zusammenhang mit der Bewertung einer Biografie sinnvoll ist, so kann in diesem Fall von einer fast übermenschlichen Gerechtigkeitssehnsucht des Autors gesprochen werden. Später findet häufig jene wertende Balance, die die Protagonisten angesichts ihrer Lage naturgemäß kaum finden konnten.

All das erreicht er ohne das obligatorisch gewordene Theoriegemetzel, denn er hat sich auch hierin von Kracauer von all den leeren Formeln freisprechen lassen, die Biografien zunehmend um den Hals gehängt werden. Das einmalige, gelebte Leben hat seine Systematik durch die Eigenlogik von Geburt und Tod schon mitbekommen, die Zeitläufte sorgen dafür, dass ihr Einfluss jeden Geruch von Ewigkeit ebenso durchbricht wie das Pathos des reinen Denkens. Biografien sollten insofern, da hatte schon Kracauer recht, antibürgerlich sein. Der Historiker trägt dafür Sorge, dass diese Einsicht in Erinnerung bleibt. Jörg Späters "soziale Biographie" von Siegfried Kracauer ist alles in allem ein Glücksfall.

Jörg Später: Siegfried Kracauer. Eine Biographie. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 741 Seiten, 39,95 Euro. E-Book 34,99 Euro.