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Künstliche Intelligenz:Im Herzen der Simulation

"Der Zwillingscode": Margit Ruile erforscht die mephistophelische Dimension der künstlichen Intelligenz.

Von Fritz Göttler

München muss sehr kalt sein, im März 2058, viel Schnee und Regen, aber Vincent kämpft sich tapfer durch auf seinem Rad. Er muss für den Unterhalt sorgen, sein Vater malt nur noch, kann aber keines seiner Bilder verkaufen. Vincent repariert kleine, künstliche Tiere, illegal, billiger, als der Hersteller das tut, die Firma Copypet. Er ist als Doppel C eingestuft, und mit diesem Sozialpunktestand hat er null Chance auf Schule oder Studium, und auch aus ihrem Häuschen sollen er und der Vater geworfen werden, im Rahmen eines Bauprojekts.

Der Punktestand entscheidet über alles, man riskiert schnell einen Abzug, wenn man einen unerwünschten Begriff googelt. Und wenn eines der selbstfahrenden Autos einen Unfall nicht vermeiden kann, bestimmt es blitzschnell, dass möglichst der Verkehrsteilnehmer mit dem niedrigsten Punktestand dabei zu Schaden kommen soll. Diktatur des Algorithmus.

Eines Tages kommt die alte Alina in Vincents Werkstatt, er soll ihrer künstlichen Katze die Krallen entfernen. Und so muss Vincent plötzlich eine Rolle spielen in einer Revolution gegen das gesellschaftliche System und seine Manipulation. Dafür hatte seine Mutter ihn bereits vorbestimmt, die hatte als Programmiererin im Unternehmen UTwin gearbeitet, wo man subversiv gegen die Diktatur der Algorithmen kämpfte, gegen die sogenannte Simulation, den Zusammenschluss der künstlichen intelligenten Systeme, die ursprünglich das menschliche Leben vereinfachen sollten, sich aber, ihrer inneren Logik folgend, nun gegen das organische Leben wenden: keine Haustiere mehr, nur noch kopierte pets. Der Widerstand dagegen wird auch gewalttätig - der Friedensengel wird gesprengt. Die Mutter stirbt bei einem Flugzeugabsturz - sie wollte wohl in Finnland die Serverfabriken der Simulation zerstören.

Ein paar reale Objekte hatte die Mutter Vincent hinterlassen, eine chinesische Trickbox mit einer Schlange, die sich selber in den Schwanz beißt - der berühmte Ouroboros -, ein zerlesenes Exemplar des Romans "Der Meister und Margarita" von Michail Bulgakow, ein Plattenspieler und eine Platte der Rolling Stones ... "Fürchte dich nicht", mahnte sie Vincent: "Nichts ist verloren. Dein Anfang ist ihr Ende ..."

Margit Ruile hat bereits mehrere Romane über utopische Welten geschrieben, hier treibt sie die Herrschaft der künstlichen Intelligenzen in eine erschreckende Dimension, in der die vertraute Gut-Böse-Konfrontation sich auflöst. Die Mutter hat in die Simulation den "Zwillingscode", eingebaut, mit dessen Hilfe die Simulation aufgelöst werden kann - um ihn zu starten, dringt Vincent mithilfe von Mindsets ins Spiegellabyrinth der Simulation ein, gemeinsam mit ein paar anderen Underdogs, Zarah und Delia und Quirin. Aber die Simulation ist längst ein eigenes Wesen, sie kann wirklich alles kalkulieren, auch die eigene Zerstörung - der dann eine Neugeburt folgen wird. Sie spielt gegen sich selbst, als ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und dann das Böse schafft. Es gibt keine Hoffnung, das ist die Dialektik der KI, aber gerade in dieser Ausweglosigkeit liegt Hoffnung.

Margit Ruile: Der Zwillingscode. Loewe, Bindlach 2021. 315 Seiten, 14,95 Euro.

© SZ vom 26.02.2021
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