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Künstlerroman:Dreh dich nie um!

Cécile Wajsbrot ist eine Grenzgängerin zwischen Frankreich und Deutschland und eine Autorin der leisen Töne. Ihr neues Buch "Eclipse" handelt von der Unvereinbarkeit von Lebens- und Schaffensglück.

Gäbe es ein Zentralmotiv im Werk dieser Autorin, dann hieße es: Erinnerung. Von Buch zu Buch rollt das Geschehen aus der Vergangenheit wie ein Würfel aus der Hand des Spielers in ein diffuses Jetzt. Je nach Schwung der Bewegung kommt die Gegenwart dann im Zahlenbild der Glückserinnerung, der Nostalgie, Trauer, Verbitterung, Wut oder Hoffnung zu liegen und verlangt jedes Mal eine Neukombination des Lebensplans. "Ich werde arbeiten, in der Zukunft leben. Nie wird die Vergangenheit mich einholen - und was die Gegenwart anbelangt, existiert sie nicht", sagt die Heldin zu Beginn dieses Romans. Sie ist Fotografin, lebt allein, sitzt jeden Morgen in ihrem Pariser Stammcafé und sucht mit neuen Projekten darüber hinwegzukommen, dass es mit der Liebe fortan für sie wohl vorbei sei. Sie will auch gar keine menschlichen Gestalten mehr fotografieren, sondern nur noch Hausfassaden oder vielleicht Bäume.

Photographer Snapped

Die Romanheldin ist Fotografin, lebt allein, sitzt jeden Morgen in ihrem Pariser Stammcafé und sucht mit neuen Projekten über ihre verflossene Liebe hinwegzukommen.

(Foto: Baron/Getty Images)

Zuwendung trägt hier schon die Abwendung in sich

Im Café läuft aber gerade Leonard Cohens "Famous Blue Raincoat". Dieses und andere Musikstücke machen der Frau klar, dass ihr Liebesverlangen nicht einfach klein beigibt. So führen die fünfzehn Kapitel dieses Buches unter je einem bestimmten Songtitel, von Bonnie Tylers "Total Eclipse of the Heart" bis zu "Travels in the Dustland" der Gruppe Walkabout und "Rehab" von Amy Winehouse, die Fotografin in ein neues Abenteuer. Die über die Musik wehmütig nachklingende kurze Geschichte mit einem ungarischen Dichter zehn Jahre zuvor wird abgelöst von der mit einem Unbekannten, der ab und zu ins Café kommt und den die Frau auf der Straße fotografieren möchte, von hinten, als anonymen Passanten. Der Mann willigt ein. Auch diese Geschichte wird zwar bald vom Zyklus der "Total Eclipse" erfasst werden und nach dem Aufleuchten wieder verblassen. Doch findet die Künstlerin dank ihr aus der Krise und sogar zu einem ganz neuen Berufserfolg, durch eine Einladung in die Londoner Serpentine Gallery. Unerbittlich folgt aber auch die Erfahrung, dass Lebens- und Schaffensglück unvereinbar sind. Die Ausstellung in London macht neue Aufnahmen notwendig, und was zuvor ein angstvolles Abenteuer war, wird nun Routine - "fünfundzwanzig Fotos ohne Inspiration, auf Bestellung". In der Wiederholung verliert der Unbekannte sein Geheimnis und wird auf beruhigende Weise enttäuschend.

Cécile Wajsbrot: Eclipse. Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer. Verlag Matthes & Seitz, Berlin, 2016. 232 Seiten, 19,90 Euro.

Die 1954 in Paris geborene Cécile Wajsbrot, die in Berlin und Paris lebt, ist bekannt für einen Erzählstil mit zahlreichen Nebenthemen. Sie schreibt Bücher, in denen das Geschehen sich kräuselt und immer neue Aspekte aufscheinen lässt. Eingeschobene Ausführungen über die menschenleeren Paris-Aufnahmen von Daguerre, die Erfindung des Porträts in der Malerei, die Herkunft des Wortes "Silhouette" oder über die Hochachtung Darwins und Goethes für den Ginko-Baum treiben die Handlung in eine komplexe Wirbelbewegung um sich selbst. Denn die Autorin, die auch als Essayistin und Übersetzerin tätig ist, liebt das Recherchieren. Auf Deutsch erschien zuletzt von ihr die Aufsatzsammlung "Berliner Ensemble". Auf Französisch publizierte sie gerade das zusammen mit Hélène Cixous verfasste Buch "Une autobiographie allemande". Und gerade erst wurde ihr der Prix de l'Académie de Berlin verliehen. Mit ihrem Interesse für unterirdische mehr als für offensichtliche Gemeinsamkeiten und Kontraste zwischen Deutschland und Frankreich ist diese Autorin polnischer Abstammung eine Grenzgängerin der leisen Töne.

Die sinnenfreudig starke Situationsbeschreibung ist nicht ihre Sache. Eher geht es ihr darum zu zeigen, welche Empfindungen durch eine Situationen ausgelöst werden. Was etwa passiert, wenn der Fremde der Frau zum ersten Mal in die Wohnung folgt, muss man sich selber ausmalen. Das ist wohl auch der Grund, weshalb die Fotografin die Ausdruckskraft von Rücken der von Gesichtern vorzieht. Zuwendung trägt bei ihr schon die Abwendung in sich. Das verlangt einen Erzählton, der nachempfundenes Glück mit vorausgeahnter Traurigkeit verbindet. Die Übersetzerin Nathalie Mälzer beherrscht diesen Ton ebenso vorzüglich wie die Autorin.

© SZ vom 07.12.2016

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