bedeckt München 27°

Kritik:Denkwürdig

Christian Gerhaher singt "Die schöne Müllerin"

Von Harald Eggebrecht

- Es war eines jener Konzerte, bei dem alle, die das Glück hatten, dabei zu sein, schon vorher voll freudiger Erwartung bebten. Man kann Christian Gerhaher gut verstehen, dass ihm diese Vorspannung auf Außerordentliches weder behagt noch geheuer ist. Aber wenn jemand den Liedgesang auf solche Höhe musikalischen Ernstes, des Textverständnisses und der Textverständlichkeit hebt, wie es dieser Sänger mit seinem kongenialen Klavierpartner Gerold Huber immer memorabel tut, dann darf sich der Künstler nicht wundern über das Vorfreudefieber.

Franz Schuberts "schöne Müllerin" wird manchmal als freundliches Pendant zur todessüchtigen "Winterreise" missverstanden. An diesem Abend in der stets geheimnislos trockenen Akustik der Staatsoper wurde der Zyklus zur vielschichtigen Erzählung von den Gefühlen, Leiden und Träumen des unheilbar traurigen Müllerburschen, der sich zu Tode bringt, weil sein Liebessehnen ungestillt bleibt. Gerhaher betonte den Erzählzusammenhang noch, indem er auch jene Gedichte Wilhelm Müllers vorlas, die Schubert nicht zur Vertonung ausgewählt hat. Auch im vortragenden Sprechen vertraute Gerhaher auf jenen wundersam eindringlichen Parlandoton, mit dem er den ganzen Zyklus vortrug.

Schon mit dem zweiten Lied beginnt des Müllerburschen beklommene Innenschau. Da ist einer an sich selbst erkrankt, weiß es noch nicht und sucht nach jenem Auslöser, der ihm zuletzt nur den Tod als sanfte Lösung lässt. Also werden die fast statischen Lieder zweiflerischer Melancholie bei Gerhaher/ Huber zu in Trance versetzenden schwebenden Höhepunkten. Die scheinbar triumphalen Bekenntnisse wie "Dein ist mein Herz" oder "Mein" schmettert dieser Sänger dementsprechend nicht falsch siegesgewiss heraus, sondern sie sind geradezu schmerzende Ausbrüche aus dem Kokon schwermütiger Gedankengeflechte. Unglaublich aber, wenn Gerhaher den "Jäger" entdeckt und in rasendes von Eifersucht, ja Hass geschütteltes Stakkato fällt. Nicht laut wird das gesungen, sondern die heißen Emotionen lassen die Stimme des Sängers fast ersticken.

Danach beginnt jenes untröstliche Sinken ins schreckliche Grün und dann bis hinab in den Bach, der lauter rauschen wird, damit der verhasste Jagdhornklang nicht ans Ohr des Müllerburschen dringt, der im Wasser endlich seine Ruhe findet. Die Magie dieses allmählichen und unausweichlichen Absinkens gestalteten beide Musiker wie ein lang anhaltendes Ersterben: "Und der Himmel da oben, wie ist er so weit!". Beifallsstürme danach, aber eigentlich hätten wir still gehen sollen. Die Vorfreude auf "Die Winterreise" am Donnerstag ist nur gewachsen.

© SZ vom 29.04.2015
Zur SZ-Startseite