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Krimi von Scott Thornley:Krieg um nichts

Scott Thornley: Der gute Cop. Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet und Andrea O’Brien. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 524 Seiten, 16 Euro.

Kanada gilt vielen als das bessere, friedlichere, solidarischere Amerika. Scott Thornleys Roman "Der gute Cop" zeichnet eine deutliche anderes Bild.

Von Stefan Fischer

Die Vorstellung von Kanada als dem besseren Amerika zerstört Scott Thornley in seinem Kriminalroman "Der gute Cop" gründlich. Tief sitzenden Rassismus und Gang-Gewalt, Drogenhandel und Zwangsprostitution gibt es auch nördlich der Großen Seen, in Ontario. Dazu Unternehmer, die sich in Graubereiche des Legalen begeben, und Politiker, die sich ihrem Image stärker verpflichtet fühlen als der Realität. Dies sind auch keine ausschließlich großstädtischen Phänomene. Toronto liegt zwar in der Nähe. Doch das erfährt man nicht aus der Romanhandlung, sondern erst, wenn man auf einer Karte nachsieht, wo am Lake Ontario Dundurn, Grimsby und Cayuga liegen - es ist das äußerste westliche Ende. Der urbane geht hier in den ländlichen Raum über, man kennt sich unter Umständen von der Highschool.

Hauptfigur ist der verwitwete Detective Superintendent MacNeice, ein genauer Beobachter und erfahrener, aber keineswegs alter Ermittler, der Opfern und Zeugen gegenüber bemerkenswert behutsam ist. Seine größte Schrulle ist, dass er es hasst, mit dem Vornamen angesprochen zu werden. Scott Thornley entwickelt um den Polizisten von der Mordkommission in Hamilton herum seit 2011 eine Krimireihe. "Der gute Cop" ist der zweite Fall und der erste, der ins Deutsche übersetzt worden ist.

Thornley entfacht in dem Krimi einen Tornado - und setzt das Kommissariat in dessen Auge. Die Gewalt ist massiv, die Zahl der Toten hoch. Im Industriehafen von Dundurn werden einbetonierte Leichen entdeckt, auf dem Anwesen einer Motorradgang die vergrabenen Gefallenen einer Schlacht gegen eine rivalisierende Bande. Obendrein sterben auch noch junge Frauen mit Migrationshintergrund, sie werden aufgeschlitzt von einem Kerl, der ihnen gezielt auflauert. Scott Thornley mag es grotesk: "Manche Szenen könnte man brüllend komisch finden, wären sie nicht der blanke Horror", schreibt er selbst über seine monströsen Erfindungen - in dieser Szene geht es darum, Tote mithilfe eines Presslufthammers aus dem Beton zu meißeln. Später wird es noch bizarre Explosionen geben.

All das bringt MacNeice - den guten Cop - und sein Team nicht aus der Ruhe. Es gibt keine Intrigen innerhalb der Mannschaft, keine Problemfälle: Das halbe Dutzend Männer ist eingespielt und arbeitet effizient. Als die ehemalige Kollegin Fiza Aziz wieder dazustößt, ist sie allen herzlich willkommen.

Man kann beides bemüht finden: diese Harmonie nach innen und außerhalb davon diese eruptive Gewalt, für die es mitunter nicht einmal einen überzeugenden Anlass gibt. Aber das ist die Geschichte hinter den Ermittlungen: Thornley skizziert eine Gesellschaft, die bedroht ist von Verrohung, auch weil die Menschen zunehmend in Filterblasen leben. Der Grund, weshalb die beiden Motorradgangs mit schweren Waffen aufeinander losgehen, ist geradezu lächerlich.

Wäre der Autor ein Zyniker oder Fatalist, hätte er den entfesselten Kriminellen kaputte Cops gegenübergestellt. Doch er gibt das Sozialgefüge seiner Heimat nicht verloren. Vielmehr traut er den staatlichen Institutionen zu, dass sie den sozialen Frieden aufrechterhalten respektive wiederherstellen, als Repräsentanten einer intakten Mehrheitsgesellschaft. Insofern liegen die Dinge in Kanada wohl doch etwas anders als südlich davon.

© SZ vom 29.10.2020
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