Krimi-Tipps Lügen und SMS

Geldüberfall in Montevideo, politische Lügner in Washington, die SMS eines Toten in Moskau ... Thriller von Mercedes Rosende, Ross Thomas, Dmitry Glukhovsky.

Absurder Plan

Die elterliche Wohnung hält sie gefangen, die einsame Úrsula López, diese "Wohnung voller alter Sachen, mit ihren Erinnerungen, die sie nicht loslassen, und ihrem sehnsüchtigen Wunsch, endlich wieder einmal durchzuschlafen und im Traum weder der Vergangenheit noch der Zukunft zu begegnen". Es sind die merkwürdigsten Begegnungen, die Mercedes Rosende in ihrem Roman "Krokodilstränen" entwickelt, ein Knäuel von Beziehungen und Überschneidungen, in das die unterschiedlichsten Menschen sich verwickeln. Ein Typ, der im Gefängnis war und nun entlassen wird, ein anderer, der, aus der Haft entflohen, ihn unter Druck setzt mit Unerbittlichkeit. Ein Anwalt, stark religiös und machtvoll, der keine Leibesvisite absolvieren muss, wenn er seine Klienten im Gefängnis besucht.

Und Úrsula, die vom Vater so streng bestraft wurde für ihren hemmungslosen Heißhunger und die mit einem Zeiss-Fernrohr das Paar in der Wohnung gegenüber beobachtet und nun einer Frau hinterher ist, die merkwürdigerweise ebenfalls den Namen Úrsula López trägt. An einer unübersichtlichen Entführungsgeschichte waren sie alle einst beteiligt, nun bringt ein geplanter Überfall auf einen Geldtransporter, mitten in der Stadt Montevideo, sie (wieder) zusammen. Das Absurde und Absonderliche sorgt dafür, dass die beiden Genres, das Gangsterstück und der Psychothriller, ganz nahtlos ineinander übergehen. Fritz Göttler

Mercedes Rosende: Krokodilstränen. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2018. 221 Seiten, 18 Euro.

Gute Lüge

"Na, wenigstens sehen Sie nicht sehr wie ein Lügner aus", sagt Louise, die Frau des Senators, zur Begrüßung. "Soll ich einer sein?", fragt ihr Gast Decatur Lucas. "Sie arbeiten doch für einen Frank Size", sagt Louise, "dann nehme ich an, dass er Lügner beschäftigt - hervorragende natürlich." Frank Size ist ein Kolumnist, der nur Spektakuläres behandelt. Senator Robert F. Ames ist in eine Bestechungsaffäre verwickelt. Louise hat ihrem Mann einst zum Geburtstag eine Million Dollar geschenkt, damit er seine politische Karriere kaufen kann. Er schenkte ihr eine Schürze, die sollte sie, um ihn zu erregen, im Bett tragen. Inzwischen hat er eine andere, junge Frau. Louise und Lucas trinken Scotch, Decatur Lucas ist Historiker.

Ross Thomas seziert den amerikanischen Traum so gnadenlos cool wie kein anderer amerikanischer Erzähler. Der Roman "If you can't be good" erschien 1973, eine deutsche Ausgabe 1974. Nun wurde er wieder herausgebracht in der Ross-Thomas-Reihe des Alexander-Verlags unter dem Titel "Dann sei wenigstens vorsichtig", ungekürzt und neu übersetzt von Jochen Stremmel, durchgesehen von Gisbert Haefs. Das Drama des Senators beginnt am 15. August 1945. Das Ende des Zweiten Weltkriegs, der J-V-Day. Eine Mutter, die darin verwickelt ist, berichtet ihrer Tochter davon und schließt: "Sei ein braves Mädchen. Und wenn Du nicht brav sein kannst, dann sei wenigstens vorsichtig." Fritz Göttler

Ross Thomas: Dann sei wenigstens vorsichtig. Aus dem Englischen von Jochen Stremmel. Alexander-Verlag, Berlin 2018. 288 Seiten, 15 Euro.

Unsichtbare Liebe

Sieben Jahre war Ilja im Straflager, nun ist er entlassen und kommt in Moskau an, von wo aus er weiter will nach Lobnja, zur Mutter. Aber die ist tot, und Geld für die Beerdigung hat Ilja nicht. Seine Freundin will schon lange nichts mehr von ihm wissen. Er sucht den Polizisten Pjotr Jurjewitsch Chasin auf, der hat ihn vor sieben Jahren verhaftet, ihm heimlich ein Tütchen Kokain untergeschoben. Ilja tötet ihn, nimmt sein Mobiltelefon mit. Fängt an, dessen SMS durchzustöbern, die dienstlichen, die fürsorglichen der Mutter und verbitterten des Vaters, und die geschäftlichen mit Koksdealern. Außerdem: die Geschichte mit der Freundin Nina, sie ist schwanger, denkt an Abtreibung. Es ist ein schwindelerregender innerer Dialog, auf den Ilja sich einlässt, plötzlich bekommt er auch aktuelle Anrufe, textet Antworten zurück. "Das Telefon war jetzt sein Leben."

Zwischen Ilja und Nina entwickelt sich eine unglaubliche Liebesgeschichte. Das Klingelzeichen des Handys ist der Anfang eines Lieds von Rodrigo Amarante: "Ich bin das Feuer, das deine Haut verbrennt ... , du bist die Luft, die ich atme, und auf dem Meer die Spur des Mondes." Manchmal will Ilja allein sein und macht das Handy aus. "Dem ausgeschalteten Telefon wurden angstvolle Mitteilungen gesandt: wie Vögel mit Wucht gegen geputzte Fensterscheiben schlagen und einem den Schlaf rauben." Fritz Göttler

Dmitry Glukhovsky: Text. Aus dem Russischen von Franziska Zwerg. Europaverlag, München 2018. 367 Seiten, 19,90 Euro.

Dino in Aktion

Sherlock Holmes ist ein Pinguin, der gerade sein neues Detektivbüro eröffnet hat. Sein Watson ist eine Spinne, mit Melone auf dem Kopf und dazu Kung Fu-Kämpferin. Das ist eine lustvoll verdrehte Besetzung für zwei der beliebtesten Figuren der Krimiliteratur. Aus einem "Museum exklusiver Seltsamkeiten" erreicht diese Freunde der Hilferuf der Leiterin Kriemhilde Knochen. Es herrscht Chaos und sie braucht dringend einen Schatz, den ihr Ur-Ur-Urgroßvater im Museum versteckt hat, um wieder Ordnung in ihre Räume und Sammlungen zu bringen. Gerade ist eine Kloschüssel durch die Decke auf ein Dinosaurierskelett gestürzt. Es wird noch mehr Ungewöhnliches passieren, bei der Schatzsuche, die Detektive geraten nicht nur in große Gefahr, sondern auch noch in ein Urwaldabenteuer. Doch das bleibt immer ein Spiel mit der Sprache und macht Leseanfängern großes Vergnügen, das durch die skurrilen Zeichnungen noch verstärkt wird. Und was wird die schlimmste Strafe für die Gangster sein, die die beiden dingfest machen? Sie müssen das Chaos, das sie im Museum angerichtet haben, selbst beseitigen. (ab 6 Jahre) . Roswitha Budeus-Budde

Alex T. Smith: Mr. Pinguin und der verlorene Schatz. Aus dem Englischen von Jan Möller. Arena Verlag, Würzburg 2018. 204 Seiten, 14 Euro.