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Krimi-Kolumne:Sally McGranes neuer Teufelspakt in Moskau

Leseprobe

Einen Auszug aus "Moskau um Mitternacht" von Sally McGrane stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Der Spionageroman "Moskau um Mitternacht" beginnt wie ein Thriller und weitet sich aus zum russischen Seelendrama, das esoterische, ja metaphysische Züge trägt. Großartig!

Ritter, Tod und Teufel in Moskau: So könnte der im Europa-Verlag erschienene Spionageroman von Sally McGrane heißen, das Erstlingswerk einer in Berlin lebenden Amerikanerin, die Russland aus erster Hand kennt und viel beachtete Reportagen für den New Yorker und die New York Times geschrieben hat.

Der Ritter im vorliegenden Buch heißt Max Rushmore, genannt Maxiboy, ein abgehalfterter CIA-Mann, der fließend Russisch spricht, trotz oder wegen seiner an der Spionagefront erprobten Professionalität und Loyalität aber von der Agentur abgewickelt wird, weil er, wie es heißt, kein Siegertyp, sondern ein Verlierer sei. Outsourcing auch hier - die CIA muss Kosten einsparen. Sein Vorgesetzter Dunkirk, ein glatter Karrierist, gibt Maxiboy eine letzte Chance: Er soll den Tod einer in die USA ausgewanderten Russin aufklären, die nach ihrer Rückkehr im Moskauer Gorki-Park an Herzversagen starb. Weil er Geld braucht, nimmt Rushmore den Job an, obwohl weder Russen noch Amerikaner daran interessiert sind, den Fall aufzuklären und den Herztod der Ex-Agentin infrage zu stellen.

Maxiboy ist ein Ritter von der traurigen Gestalt, aber kein Kind von Traurigkeit: Er säuft jeden Russen unter den Tisch und kriegt jede Russin ins Bett, aber seine Hauptsorge gilt der Einbauküche, die seine Frau Rose sich wünscht, um die kinderlos gebliebene Ehe zu retten. Ein Anti-James-Bond und durch und durch glaubwürdiger Charakter wie George Smiley in den frühen Romanen von John Le Carré, mit dem Sally McGrane es durchaus aufnehmen kann, was die dichte Milieuschilderung und die psychologische Motivierung der Handlung betrifft:

"'Diese Stadt hat eine Seele', sagte der Mann, als die Räder sich langsamer drehten. 'Entweder nimmt sie dich an oder sie lehnt dich ab. Als meine Frau zum ersten Mal herkam, hat sie geheult. Drei Tage lang. (. . .) Aber ich liebe diese Stadt. Manchmal spricht sie zu mir. Kennen Sie das?' - 'Ja', antwortete Max. 'Einmal hat die Stadt mir zugeflüstert: Du wirst nicht mehr wiederkommen.' 'Aha', sagte der Mann. 'Mit mir spricht sie einfach nur. In normaler Lautstärke.'"

Wer aber sind die Gegenspieler des neuen Don Quijote? Für die Rollen von Tod und Teufel kommen mehrere Bewerber in Betracht: Gérard Dupres, ein französischer Geschäftsmann, der hochradioaktiven Abfall in Russland entsorgt, illegal natürlich, indem er Umweltschäden auf die Gesellschaft abwälzt und Profite privatisiert. Bob Dominion, Chef des weltweiten Diamantenkartells, der sich als Importeur von Hühnerschenkeln tarnt und diskret dafür sorgt, dass nicht ein Überangebot an Diamanten die Preise verdirbt. Und Constantin Fuks, ein russischer Oligarch und neureicher Gastronom, der als Impresario und Regisseur des abgekarteten Spiels hinter den Kulissen die Fäden zieht.

Hier ist nicht der Ort, die fein gesponnene Intrige nachzuerzählen, mit der die Autorin den Protagonisten auf falsche Fährten lockt. Auch die Überraschung am Schluss, der Coup de théâtre, in dem sie den gordischen Knoten zerschlägt, soll und darf nicht preisgegeben werden. Der Spannungsbogen wird bis zur letzten Seite durchgehalten, und was wie ein konventioneller Krimi oder Thriller begann, weitet sich aus zum russischen Seelendrama, das esoterische, ja metaphysische Züge trägt. Das gilt speziell für die in Sibirien angesiedelten Passagen, wo der Roman ins Übersinnliche vorstößt, ohne in Fantasy oder Science Fiction abzugleiten. Im Gegenteil - gerade die absurdesten und abstrusesten Einfälle der Autorin sind der Realität abgelauscht: Bekanntlich experimentierte der KGB während des Kalten Krieges mit Telepathie, um die Fähigkeiten sibirischer Schamanen für Militär- und Spionagezwecke zu nutzen.

"Absolut logisch in einer Stadt wie Moskau! Diese Reizüberflutung! Dieses Überangebot! In weniger als einer Generation Kapitalismus haben wir schon alles gesehen. Alles! Im Westen ist das viel langsamer gegangen. Sie können diese plötzliche Übersättigung und das, was sie mit dem Homo sowjeticus macht, nicht verstehen. Wollen Sie wissen, was das Geheimnis meines Erfolges ist? (. . .) Im Dunkeln werden die Dinge deutlicher. Ist schon immer so gewesen."

Spätestens hier wird klar, was aufmerksame Leser gleich zu Anfang bemerkt haben, wo von der Toten auf einer Moskauer Parkbank die Rede war. Am selben Ort, im Gorki-Park, beginnt Michail Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" - erst viele Jahre nach Bulgakows Tod im Jahr 1940 erstmals veröffentlicht -, der die Faust-Sage ins Moskau der Dreißigerjahre transferiert und mit der Tyrannei der Stalin-Ära konfrontiert. Sally McGranes Roman ist eine postmoderne Hommage an Bulgakow, mit Teufelspakt und allem was dazugehört. Die Lektüre erzeugt einen Sog, dem schwer zu widerstehen ist, und am Ende des vielschichtigen Texts legt man das spannende Buch mit Bedauern aus der Hand.

Sally McGrane: Moskau um Mitternacht. Spionage-Roman. Aus dem Englisch von Marieke Heimburger. Europa Verlag, Berlin 2016. 312 Seiten, 17,99 Euro. E-Book 13,99 Euro.

© SZ vom 09.05.2016
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