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Konzertkritik:Niederbayerisches Glück

Grandiose Musikerlebnisse in Blaibach

Dieser Saal ist ein Geschenk an alle Sänger. Vesselina Kasarova formuliert das so: "Ich habe schon viele Säle besucht, aber Blaibach ist speziell, besonders und sehr schön." Wenn eine Weltspitzenmezzosopranistin wie Kasarova das sagt, dann hat das Gewicht, wie überhaupt ihr ganzer Auftritt eine kleine Sensation ist. Kasarova singt, und Iryna Krasnovska spielt Klavier, das Ganze findet in Blaibach statt, im Bayerischen Wald also, 200 Menschen hören zu und stehen am Ende, hingerissen, dankbar, glücklich.

Mehr als 200 Zuhörer passen ja nicht hinein in diesen Saal, den der Architekt Peter Haimerl in die Mitte des kleinen Ortes stellte. Von außen ein spektakulär verkanteter Granitblock, innen nackter Beton in großen, leicht ungleichen Lamellen, die ein bisschen so wirken, als habe man einem Dinosaurier seine Urzeithaut über den Kopf gezogen. Wunderschön. Und akustisch eine Sensation. Der Nachhall ist perfekt - und jede kleinste Nuance klingt, wird zum Erlebnis. Dazu kommt, dass in der Intimität des Raums der Mensch, der dort singt, unmittelbar vor einem steht, ganz bloß, aber geschützt durch den Klang des Saals, der die Stimme umfängt, aufnimmt, gierig und fürsorglich.

Nun ist Kasarova ja ohnehin eine unfassbar liebenswerte Herzenssängerin. Hier nun wird ihr Anliegen privat, schenkt sie sich einem jeden ganz direkt. Geplant war ein Nachmittag mit Gesängen der Ariadne, und im ersten Teil ist es das auch noch, fulminant beginnend: Kasarova singt Monteverdis "Lamento D'Arianna" als allergrößtes Meisterwerk freier Expression. Krasnovska spielt Klavier, einen warm klingenden, prächtigen Steingraeber-Flügel, der eben kein altes Instrument ist. Schon durch den Klang allein, vor allem aber durch die extrem konkrete Poesie ihres Spiels und durch Kasarovas umfassende Gestaltung von Verzweiflung, Abschied und irrlichternder Sehnsucht bekommt Monteverdis Klage etwas ungeheuer Modernes, Zeitloses, Herzzerreißendes. Haydns "Arianna"-Kantate wirkt dann eher wie sorgloses Spiel mit Konventionen.

Danach bringen die beiden in Blaibacher Prägnanz Berlioz' galanten Zyklus "Les nuits d'été", und schließlich erklärt Vesselina Kasarova den Grund für die Programmänderung: Es ist ein Tod in der näheren Familie, aber doch, nun, wenn das Publikum es sich wünsche, dann könne sie doch noch Händel singen, "Ombra mai fu". Natürlich wünscht sich das jeder, manche vielleicht nicht wissend, was sie der Sängerin, die es ja selbst anbot, damit zumuten. Sie singt, Krasnovska spielt, und wessen Auge danach nicht feucht ist, der hat diesen langen, traurigen, herzzerreißenden Augenblick nicht verdient gehabt.

In der Frühe desselben Tages beim "Kulturwald-Festival" zu Blaibach ging es noch ungehemmt lustig zu, aber ebenfalls auf einem musikalischen Niveau, das einen locker die gut zweistündige Autofahrt von München in den Bayerischen Wald vergessen lässt. Blaibach-Chef Thomas E. Bauer, Roberta Invernizzi und Silvia Frigato singen, begleitet von Fabio Bonizzoni am Cembalo und Caterina Dell' Agnello am Cello Kammerduette und -terzette von Händel, frühe Hits für die bessere Gesellschaft, fast vergessen, aber saulustig. Leid und Freud, wenn Amor umtriebig wird, Mini-Szenen und quasi barocke Sketche mit reichlich unverblümten Texten, die Bauer vorher erklärt. Ein herrlich frisches Erlebnis voller Delicatesse.