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Konfliktforschung:Sag mir, wo die Helden sind

Herfried Münkler hat mit "Kriegssplitter" eine Studie über historische und gegenwärtige Gewalt publiziert. Seine Analyse über die "postheroische Gesellschaft" birgt einigen Zündstoff.

Selten werden Geisteswissenschaftler von ihren eigenen Forschungsgegenständen eingeholt. Herfried Münkler, Professor für politische Theorie an der Berliner Humboldt-Universität, ist ein solcher Fall. Im vergangenen Sommer fand sich der Politologe unversehens in einem Szenario der "asymmetrischen Kriegsführung" wieder, über deren Beschaffenheit er seit 2002 ausgiebig publiziert hat. Ein anonymer Studententrupp zerrte den renommierten Politikberater und vielgeladenen Podiumsgast an den Online-Pranger und bezichtigte ihn rufschädigender bis ruinöser Verfehlungen: Chauvinismus, Militarismus, Antifeminismus.

Dass die tumben Angreifer bereits an der Mindestanforderung korrekter Orthografie scheiterten und einen Klassiker wie Michel Foucault nonchalant zum "Michael" machten. Das Etikett "asymmetrische Kriegsführung" passt jedenfalls perfekt auf die Auseinandersetzung zwischen Münkler und seinen Feinden, die den Promiakademiker attackierten, ohne das eigene Visier hochzuklappen. Mit der militärischen Variante derart ungleichgewichtiger Konfrontationen befasst sich Münkler nun einmal mehr in seinem neuen Buch "Kriegssplitter".

Historische Gemengelagen und verschiedene Schauplätze werden präzise ausgeleuchtet

Auf knapp vierhundert Seiten verhandelt der Autor die "Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert", liefert dabei allerdings häufig nur Updates seiner jüngsten, gut verkauften Veröffentlichungen. Der Absatzerfolg mag ihn zum zügigen Nachlegen veranlasst haben, obwohl eine derart verdichtete Produktionstaktung offenbar die Zeit für produktives Nachdenken verkürzt. Jedenfalls wirken die "Kriegssplitter" bisweilen wie ein flott montiertes Gedankenkaleidoskop, dessen Themen - Erster und Zweiter Weltkrieg, "postheroische Gesellschaft" und geopolitische Herausforderungen - sich ineinander spiegeln und wiederholen.

Dabei stolpert der Leser zunächst nur über allzu lässig gehandhabte Details. So wenn gleich zweimal binnen eines Kapitels die "Allmende" erläutert wird - einst ein Feudalbegriff für kollektiv bewirtschaftetes Land, heute oft im Zusammenhang mit Ressourcenvergeudung gebraucht. Bei solchen Dopplungen hat entweder der akademische Zettelkasten, der Verfasser oder das Lektorat versagt. An anderer Stelle deutet Münkler das Ballett "Le Sacre du printemps" (1913) als Vorkriegsprophetie, obwohl sich die rituelle Handlung - "Auswahl und Opferung" einer jungen Frau - "eher spielerisch" vollziehe. Was die Frage aufwirft, ob der Professor die theatrale Gewaltexplosion von Strawinskys Werk je persönlich inspiziert hat.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert. stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Jenseits solcher Irrläufer steuert Münkler routiniert durch die Fülle seines Materials. Was er zu Ursachen, Verlauf und Lehren der beiden Weltkriege festhält, wie er historische Gemengelagen ausleuchtet, dabei Akteure und Schauplätze erst einzeln betrachtet und anschließend zusammendenkt, liest sich spannend und aufschlussreich. Genauso konzise fällt Münklers Analyse der aktuellen Konfliktlinien und akuten Kriegs- und Gefahrenzonen aus: Terror und Islamismus, Naher Osten und Ukraine.

Trotzdem stellt sich mit fortschreitender Lektüre ein seltsames Unbehagen ein. Oft wirkt die Diagnose zunächst überzeugend, aber sie entwickelt weder Mehrwert noch Bedeutungstiefe. Stattdessen wird mit Ideen hantiert, die ebenso vage bleiben wie vielschichtig und unscharf.

So verhält es sich etwa mit Münklers Begriff der "postheroischen Gesellschaft", die ihre heroischen Vorläufer ablöst - ohne diesen Prozess "als einen Vorgang der Dekadenz zu begreifen". Münklers Paradebeispiel sind die Nachkriegssysteme des Westens, die infolge ihrer postheroischen Verfasstheit die Bedrohung durch "ehrversessene Todesvirtuosen" als Armutsphänomen missverstehen. Also versuchen sie, die Terrorsymptomatik mit Finanzspritzen zu kurieren, was der Gelehrte als fatalen Irrtum tadelt. Sein Abwehrvorschlag: "Die postheroische Gesellschaft . . . muss heroische Gemeinschaften ausdifferenzieren, die ihre labile Kollektivpsyche schützen." Abgesehen davon, dass offen bleibt, wer den Heldenbedarf abdecken soll - Söldner? Freiwillige? Start-ups mit Lizenz zum Töten? -, verarbeitet Münkler eine Heldenmythologie aus dem Geist diverser Weltanschauungen, und zwar gerade so, als handle es sich um anthropologische Konstanten. Dass solche Denkmuster auf männlichen Ideologemen gründen und in verengte, keineswegs wertneutrale Auffassungen münden, wird mit keiner Silbe erwähnt. Auch das Konzept der "Kollektivpsyche" hat an dieser Stelle wenig zu suchen. Von C. G. Jungs Seelenkunde bis zur ökonomischen Lehre unserer Tage schillert dieses Konstrukt in so vielen Farben, dass sich damit alles erklären lässt - und folglich nichts.

Herfried Münkler: Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert. Rowohlt Verlag, Berlin 2015. 396 Seiten, 24,95 Euro. E-Book 21,99 Euro.

Zivile Opfer von Drohnenattacken firmieren hier als Kollateralschaden

Keine Frage, Herfried Münkler ist ein Meister des Normativen, das in den Falten seiner dichten Beschreibung beinahe unsichtbar wird. So rechnet er nebenbei noch mit denjenigen ab, die eine "Gefechtsfeldbewirtschaftung mit Hilfe von Drohnen" ablehnen, also anderer Ansicht sind als er selbst: "In der Kritik äußert sich die Ethik einer vorbürgerlichen Gesellschaft mit heroisch-nostalgischen Idealen." Schlimmer noch: "Es ist dies - politisch betrachtet - eine Kritik, die sich selbst nicht begriffen hat."

Solcherlei Oberlehrerdiktion zeugt nicht von Souveränität, zumal Herfried Münkler den gegnerischen Haupteinwand kaum zu entkräften sucht: Zivile Opfer, also die Mehrheit der Getöteten, firmieren bei ihm als Kollateralschäden - bedauerlich zwar, aber scheinbar unvermeidliche Folge "kognitiver Defizite" seitens der Drohnenlenker.

Wen wundertʼs, dass sich der Professor von Journalisten vor allem die Tugend des Abmoderierens und Entschärfens wünscht? Die Berichterstattung über Attentate soll "dem Schrecken entgegenwirken" und die öffentliche Panik blockieren. Noch so ein Münkler-Rüffel, der an der Sache vorbeigeht. Denn Reporter sind weder für das emotionale Aufheizen noch das Abbremsen der Publikumsreaktionen zuständig, sondern für die Abbildung der Wirklichkeit.

Wer realpolitisches Handeln für den Königsweg hält, wird Herfried Münklers Leitfaden als Vademecum begrüßen. Alle anderen reizen die "Kriegssplitter" zum Widerspruch. Gut so. Kontroversen sind das Lebenselixier unserer Demokratie. Deshalb sollten viele das Buch zur Hand nehmen.