Konferenz in Dakar Auch wir sind preußischer Kulturbesitz

Das Museum der schwarzen Zivilisationen im senegalesischen Dakar wäre ein guter Ort für afrikanische Objekte aus Europa. Finanziert wurde es von China.

(Foto: MCN)

Afrikanische Künstler und Kuratoren kennen Europas Debatte um koloniale Raubkunst gut. Und sie hätten ein paar Ergänzungen.

Von Sonja Zekri

Das "Museum der schwarzen Zivilisationen" in der senegalesischen Hauptstadt Dakar sieht auf den ersten Blick aus wie ein schlecht geparktes Raumschiff. Auf den zweiten auch. Im Dezember soll es eröffnet werden, obwohl vor ein paar Wochen noch alles leer war. Doch selbst wenn bis Jahresende nicht mal ein Nähschränkchen aufgestellt würde, um Objekte zu präsentieren, so befindet sich Dakars neues Wahrzeichen schon jetzt inmitten einer Debatte, die Afrika und Europa im Idealfall neu aufeinander blicken lässt - und im schlimmsten Fall weiter entfremdet.

Lassen sich koloniale Verbrechen durch die Rückgabe afrikanischer Kunstobjekte aus Europa sühnen? Sind die afrikanischen Staaten darauf überhaupt vorbereitet? Und: Wie viel Zeit bleibt allen Beteiligten für sorgfältiges Aushandeln, wenn man sich das Tempo der Chinesen in Afrika anschaut, die in Dakar nicht nur das Museum der Schwarzen Zivilisationen finanziert haben, sondern gleich daneben auch ein Theater für 1800 Zuschauer und ein Wrestling-Stadion für 20 000?

"Es ist, als gehöre mir ein Auto, aber ein anderer fährt es", so eine nigerianische Kunsthistorikerin

Am Freitag werden die Wissenschaftler Bénédicte Savoy und Felwine Sarr dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron ihren Bericht mit Empfehlungen zum Umgang mit afrikanischer Kunst in französischen Museen überreichen. Und wenn alles so läuft, wie sie sich das denken, müssten bald die ersten Objekte aus Paris in Afrika eintreffen, beispielsweise im Museum der schwarzen Zivilisationen. Germain Coly ist Leiter der Abteilung für internationale Kooperation im senegalesischen Kulturministerium und hält das für eine nicht nur gangbare, sondern zwingende Entwicklung. Das neue Museum verfüge über moderne Technik, exzellente Beleuchtung, regenzeittaugliche Fassade und - nach dem Brand im brasilianischen Nationalmuseum in Rio de Janeiro ist auch Afrika alarmiert - allerbesten Brandschutz: "Wir haben den Platz, und die Objekte verdienen es, hier gezeigt zu werden", sagt Coly. Wenigstens einige.

Wer Dakars berühmtestes Museum kennt, das Musée Théodore Monod d'Art Africain, kurz auch Ifan genannt, der begreift die Freude über das neue Haus. Das Ifan beherbergt eine erlesene Sammlung mit fein gearbeiteten Initiationsmasken der Mende in Sierra Leone, Fruchtbarkeitspuppen von der Elfenbeinküste, Schmuck, Waffen, Krügen. Aber die obere Etage ist geschlossen, die Beschriftung fragmentarisch, meist ohne Jahreszahlen und nur auf Französisch. Der Putz bröckelt. Die Türen zur feuchten Hitze der Stadt stehen offen. Gedanken an einen Museumsshop oder eine Cafeteria scheinen abwegig. Ausgehend von dieser Erfahrung ist das Geschenk der Chinesen zweifellos ein Fortschritt.

Um die Dimension von Colys Forderung zu ermessen, muss man allerdings auch wissen, dass Senegal, erstens, eher wenige materielle Objekte wie Skulpturen oder Masken besitzt, was sich durch den Anspruch des neuen Museums auf eine Repräsentation aller "schwarzen Zivilisationen" natürlich ausgleichen ließe. Zweitens, und das ist entscheidender, wird das neue Gebäude vor allem Kopien zeigen. 26 Repliken aus Ägypten, eine Kopie der Vormenschen-Frau Lucy aus Äthiopien seien geplant, sagt Coly, Afrika als Wiege der Menschheit solle das Museum präsentieren, keine ethnologische Institution werden, sondern einen "neuen Diskurs" mit dem Rest der Welt beginnen, modern inszeniert, nur eben fast ohne Originale.

Coly hat in den noch leeren Hallen des Museums der schwarzen Zivilisationen eine Konferenz über afrikanische Kunstgeschichte eröffnet, zu der die senegalesische Raw Material Company eingeladen hat. Andere Teilnehmer kommen aus Ghana, Nigeria, Südafrika. Kaum jemand nimmt Anstoß daran, dass das Gebäude von Chinesen finanziert wurde. Die Sorge Deutschlands, es könne Afrika an die Chinesen "verlieren" stößt hier mal auf Spott, mal auf Empörung: "Das ist doch koloniales Denken!"

Zur Frage der Restitution und den weitreichenden französischen Plänen haben alle eine Meinung, wenn auch längst nicht alle die gleiche. Ist es ein Zeichen wachsender Wertschätzung Afrikas, wenn Europa nun über Rückgaben diskutiert oder umgekehrt, mangelndes Interesse? Möglicherweise seien die westlichen Museen nur deshalb bereit, sich von ihren Objekten aus Afrika zu trennen, weil sie ihnen ohnehin nicht so wichtig seien, sagt eine Kuratorin. Die nigerianische Kunsthistorikerin Peju Layiwola vertritt eine ziemlich dezidierte Haltung: "Was gestohlen wurde, muss zurückgegeben werden. Es ist, als gehöre mir ein Auto, aber ein anderer fährt es", sagt sie. Für weitere Verzögerungen bringt sie kein Verständnis mehr auf: "Es heißt ja oft, die Restitutionsfrage sei ein fortlaufender Prozess. Wenn ich das schon höre! Es ist vor allem eine andauernde Hinhaltetaktik." Andere äußern - privat - die gegenteilige Meinung: Die Rückgabe sei riskant, weil die Schätze auf dem Schwarzmarkt und dann in privaten Sammlungen landen würden, so ein Einwand.

Plötzlich steht alles in Frage: Westliche Konzepte von Museen, Exponaten, kulturellem Erbe

Man begreift: Afrika spricht nicht mit einer Stimme. Aber auch: Welches Recht hätte man, dies überhaupt zu erwarten?

Konsens herrscht darüber, dass der massenhafte Transfer von Gegenständen oder zumindest die Klärung der Eigentumsverhältnisse am Unrecht der Kolonialzeit nichts ändert, dass Europa sich nicht freikaufen kann, dass selbst die französische Initiative bestenfalls ein Anfang ist.

Die ghanaische Kunsthistorikerin und Künstlerin Nana Ofariatta-Ayim lebt in Accra, aber sie berät Museen in ganz Europa und kann sich gerade vor Anfragen kaum retten. Bis Dezember arbeitet sie noch beim Pitt Rivers Museum in Oxford, dem ältesten ethnografischen Museum Großbritanniens, und trifft hier, wie meist, auf eine durchaus offene, wenn auch ratlose Stimmung: "Alle westlichen Museen begreifen, dass sie nicht weitermachen können wie bisher. Aber es reicht nicht, eine Afrikanerin ins Haus zu holen.". Sie sei nicht die Lösung für alle Fragen der Europäer.

So sehr sie Macrons Initiative begrüße, müssten nun andere Schritte folgen: gemeinsam kuratierte Ausstellungen, mehr Austausch, mehr Augenhöhe. Mancher winkt da ab: Was heiße Augenhöhe, wenn Europa an afrikanische Künstler und Kuratoren keine Visa vergebe? Ändert es wirklich die globalen Machtverhältnisse, wenn afrikanische Kunstobjekte künftig nur noch als Leihgaben in westlichen Museen hängen - aber welcher Renoir oder Matisse hänge schon in Kinshasa?

Ernsthaft geführt müsste die Debatte die westlichen Vorstellungen von Museen, Exponaten und kulturellem Erbe ohnehin über den Haufen werfen. Nana Ofariatta-Ayim hat unlängst zwei Massai-Älteste nach Oxford gebracht, die schockiert vor einem rituellen Halsschmuck standen. Keine Familie hätte spirituell so wertvolle Objekte freiwillig abgegeben, sagt sie. Da wird die vermeintliche Nobilitierung durch das Museum zur Entweihung.

Der kamerunische Ausstellungsmacher Bonaventure Ndikung, der in Berlin den Kunstraum Savvy unterhält, treibt das noch ein bisschen weiter: "Wenn die afrikanischen Objekte zum preußischen Kulturbesitz gehören, dann sollte dies auch für die Menschen gelten, aus deren Gesellschaften, diese Objekte stammen." Dies aber will weder Macron noch irgendein Museumsmacher in Berlin. Europa möchte Afrikas Kunstwerke und Ideen. Aber nicht seine Menschen.