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Komponierende Frauen:Albtraumhaft begabt

Die komponierenden Schwestern Nadia und Lili Boulanger im Jahr 1913.

(Foto: mauritius images/Rapp Halour/Alamy)

Traumwandlerisch gut: Zwei neue CDs erinnern an die komponierenden Schwestern Nadia und Lili Boulanger, die leider nicht lange genug ihre Musikträume spannen.

Von Julia Spinola

Komponierende Frauen sind längst keine Ausnahme mehr, auch wenn sie im Vergleich mit ihren männlichen Kollegen noch immer eine Minderheit darstellen. Von Younghi Pagh-Paan und Adriana Hölszky bis zu Sarah Nemtsov, Olga Neuwirth und Chaya Czernowin sind Komponistinnen heute mit ihren Werken vertreten. Anfang des 20. Jahrhunderts sah die Situation noch ganz anders aus. Gleich zwei neue CDs widmen sich nun dem Liedschaffen der Schwestern Nadia und Lili Boulanger, die als Töchter des Komponisten Ernest Boulanger und der russischen Sängerin Raissa Myschezkaja in der Kulturelite des Pariser Fin-de-siècle aufwuchsen.

Der Prix du Rome war damals der Türöffner der Karrieren, das war er schon für Gounod, Massenet und Debussy gewesen. Nadia Boulanger (1887-1979) nahm vier Male daran teil und gewann schließlich einen zweiten Preis. Ihre jüngere Schwester Lili (1893-1918) wurde einige Jahre später, 1913, die erste Frau, den ersten Preis gewann, mit einer überwältigenden Jurymehrheit. Danach begann sie ihren Liedzyklus "Clairières dans le ciel", eine Vertonung von 13 Gedichten des französischen Dichters Francis Jammes, in der sich ein junger Mann schmerzvoll an eine gescheiterte Liebesbeziehung erinnert. Der Zyklus zeigt die weit entwickelte harmonische Sprache von Lili Boulanger und ihren Formsinn. So wird das Scheitern der Liebesbeziehung erst im letzten Lied offen thematisiert. Sie zieht hier in Gestalt von musikalischen Zitaten aus den vorherigen Liedern noch einmal beinahe albtraumhaft vorbei.

Lili war unüberhörbar die begabtere und künstlerisch mutigere der beiden Boulanger-Schwestern, was auch Nadia nicht entgangen ist, die sie zeitlebens stark bewunderte. Als Lili im Alter von nur 24 Jahren an einer Lungenkrankheit starb, brach Nadia das eigene Komponieren ab, widmete sich fortan der Verbreitung des Werks ihrer Schwester und avancierte zu einer der wichtigsten Kompositionslehrerinnen des 20. Jahrhundert. Aber auch Nadia Boulangers Kompositionen zeugen von einem großen Talent, einer traumwandlerischen Fähigkeit, eine Stimmung genau zu treffen. Ihre Musik rückt näher an Gabriel Fauré heran als an Debussy, wobei die stilistische Anverwandlung von großer Eigenständigkeit zeugt, auch wenn sie sich nicht so weit vorwagt wie ihre begnadetere, aber fragilere Schwester.

Interessanterweise formt Phan die melodischen Linien idiomatischer als sein französischer Kollege

Zwei CDs portraitieren jetzt die Schwestern. Der amerikanische Tenor Nicholas Phan und seine Pianistin Myra Huang legen den Schwerpunkt auf Kompositionen von Lili Boulanger und ergänzen sie durch einzelne Lieder aus der Feder der Schwester. Vieles von Lili Boulanger ist verschollen oder wurde von ihr selbst vernichtet.

Die französischen Musiker Cyrille Dubois und Tristan Raës konzentrieren sich demgegenüber auf die Musik von Nadia Boulanger und komplettieren ihre CD mit einzelnen Liedern von Lili. Beide Tenöre führen ihre lyrischen Stimmen wunderbar liedhaft und nuanciert, wobei Cyrille Dubois' Interpretationen ein wenig direkter, jedoch auch herber klingen, als die von Nicholas Phan.

Interessanterweise formt Phan die melodischen Linien idiomatischer als sein französischer Kollege, obwohl seine Diktion verbesserungswürdig ist. Er singt sensibler, weicher, mit mehr Atem, wodurch die vielschichtig schillernden Stimmungen der Lieder detailreicher und farbiger zur Geltung kommen, als in der Aufnahme von Cyrille Dubois. Unmittelbar nachzuvollziehen ist das am auratisch verlöschenden Schluss der Maurice-Maeterlinck-Vertonung "Reflets" von Lili Boulanger, die in Dubois' Interpretation ein wenig zu opernhaft gerät. Auch die klare und prononcierte Klavierbegleitung von Myra Huang mag man dem gelegentlich etwas pedallastigen Spiel von Tristan Raës vorziehen.

"Clairières", Lieder von Lili & Nadia Boulanger. Nicholas Phan, Tenor, Myra Huang, Klavier (Avie).

"Lili &Nadia Boulanger. Mélodies". Cyrille Dubois, Tenor. Tristan Raës, Klavier (Aparte).

© SZ vom 25.06.2020

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