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Kommentar:Lasst die Kunst in Ruhe

Um die Ruhrtriennale hat es in diesem Jahr viel Aufregung gegeben. Erst wurde eine Israel-kritische Band ein-, dann wieder aus- und dann wieder eingeladen. Die Intendantin träumte von einer offenen Gesellschaft. Nun hat sie viel Ärger.

Von Egbert Tholl

Stefanie Carp, Intendantin der Ruhrtriennale, schreibt im Geleitwort zu ihrem Festivalprogramm: "Die Zwischenzeit ist unsere Chance: die Veränderung aller sozialen und kulturellen Verhältnisse kreativ mitzugestalten, statt in Furcht und Abwehr zu verharren. Wir wollen in offenen Gesellschaften leben, mit gleicher Beteiligung aller." Worte wie diese hört man von vielen Intendanten, sie sind richtig und wichtig, und Carp meint sie aufrichtig ernst. Nur muss sie gerade erleben, dass Kunst und Politik in ein so schwer zu entwirrendes Verhältnis zueinander geraten können, dass die Kunst für sich allein nicht mehr sprechen kann, ohne die Politik auf den Plan zu rufen. Und dann wird es heikel für die Offenheit der Gesellschaft.

Zwei Monate vor Beginn der Ruhrtriennale am 9. August entfachte Stefanie Carp unerwartet Aufregung um das von ihr kuratierte Festival. Sie lud die schottische Band Young Fathers erst ein, dann aus, nachdem bekannt geworden war, dass die sich nicht nur gegen Atomwaffen und Rechtsradikalismus engagiert, sondern auch für die BDS-Bewegung. BDS steht für "Boycott, Divestment and Sanctions" und zielt auf die politische und kulturelle Isolation des Staates Israel. Sie entstand 2005 als Zusammenschluss von mehr als 150 zivilgesellschaftlichen palästinensischen Gruppen, setzte sich für die Rechte der Palästinenser ein und radikalisierte sich zusehends bis hin zu offenen antisemitischen Äußerungen einiger Unterstützer dieser amorphen Bewegung.

Carps Ausladung der Band brachte ihr Ärger ein. Die Intendantin - eine brillante Dramaturgin, aber auf dem politischen Parkett unbeholfen - lud die Band wieder ein und versicherte gleichzeitig den Kulturausschuss des NRW-Kulturministeriums ihres Bekenntnisses zum Existenzrecht Israels. Doch die Young Fathers sagten Carp endgültig ab. Deren Konzert war für den 18. August geplant gewesen, einen Samstag. Für diesen Termin setzte Carp nun eine Podiumsdiskussion über die Freiheit der Kunst an. Auf dem Podium sollen sitzen: Carp selbst, die NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen, der belgische Regisseur Alain Platel, der 2016 mit der Tanzperformance "Nicht schlafen" vertreten war, der New Yorker Komponist Elliott Sharp und Michael Vesper, der Vorsitzende des Fördervereins der Ruhrtriennale.

Die israelische Botschaft war auch eingeladen, sagte aber ab und ließ stattdessen verkünden, man sei enttäuscht darüber, dass die BDS-Bewegung eine Bühne bei einer staatlich geförderten Veranstaltung erhalte. Jüdische Verbände in Nordrhein-Westfalen kritisierten zudem, dass die Diskussion an einem Samstag stattfinde, am Schabbat also, und kein gläubiger Jude teilnehmen könne. Abraham Lehrer, Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln, identifizierte Sharp und Platel als BDS-Unterstützer. Zwar ist von Platel keine Sympathiebekundung für den BDS zu finden, doch hatte er die Ausladung der Band kritisiert. Antisemitismus ist bei einem Kulturfestival nicht zu tolerieren. Nur: Geht es hier tatsächlich um Antisemitismus? Eine aggressive Clique - der BDS - beschädigt renommierte Kulturveranstaltungen wie die Ruhrtriennale, die seit Jahren für Offenheit und Toleranz steht. Dabei ist es nicht sehr hilfreich, dass einige jüdische Vertreter bereits auf den bloßen Verdacht hin gegen Künstler und Festivalleitung zu Felde ziehen. Und die Festivalleiterin Stefanie Carp, die nach eigener Aussage von der BDS-Kampagne nichts wusste, bevor sie die Young Fathers das erste Mal einlud, befindet sich nun auf einem Terrain, auf dem die Kunst zum Vehikel einer außerkünstlerischen Auseinandersetzung wird.

© SZ vom 04.08.2018

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