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Kommentar:"Größtmöglicher Erlös"

Von Gebührenzahlern finanziert, nun in London verkauft: Der Kölner Sender lässt seine Kunstsammlung in London versteigern.

Einst war dem Westdeutschen Rundfunk der Kunstkauf noble Verpflichtung: die "Berglandschaft" von Ernst Ludwig Kirchner und Max Beckmanns "Möwen im Sturm" leistete man sich Anfang der Fünfzigerjahre als Fanal gegen die Kulturpolitik der Nationalsozialisten, die diese Expressionisten als "entartet" geschmäht hatten. Doch die daraus entstandene Sammlung soll - man will sparen - nun verkauft werden. Und nicht etwa der deutsche Handel wird damit betraut, sondern das Londoner Auktionshaus Sotheby's: "Es geht um den größtmöglichen Erlös", sagte eine WDR-Sprecherin zur SZ.

Eine Entscheidung, die nicht nur das Image des deutschen Kunsthandels beschädigt, der im Rheinland, also in der unmittelbaren Nachbarschaft des Kölner Senders, lange sein Zentrum hatte. Sondern womöglich auch wirtschaftlich unklug ist. Experten, die mit der Sammlung vertraut sind, bezweifeln, dass außer den wenigen Gemälden, die vom Wert her im sechsstelligen Bereich lägen, Werke aus der Kollektion überhaupt in London versteigert werden könnten: Künstler wie Bernhard Schulze, Walter Dexel, Horst Janssen oder Wolfgang Troschke sind international nicht eben gefragt. Ein deutsches Auktionshaus hätte dem Kunstbesitz des WDR dagegen womöglich einen eigenen Katalog gewidmet und damit nicht nur dessen kulturpolitischen Verdienste gewürdigt, sondern auch ein elegantes Image für die Sammlung geschaffen. Dass das für die Vermarktung ein Vorteil ist, hat gerade die Auktion der Konkursmasse des Kunstberaters Helge Achenbach beim Auktionshaus Van Ham in Köln bewiesen. "In London wird man der Provenienz höchstens eine Fußnote einräumen", sagt Van Ham-Geschäftsführer Markus Eisenbeis. "In Nordrhein-Westfalen hätten Sammler versucht, sich ein Stück WDR ins Haus zu holen." Außerdem weist er darauf hin, dass beim Verkauf von Kunst aus öffentlichem Besitz im Ausland - wie bei den Warhol-Gemälden aus dem Besitz nordrhein-westfälischer Spielbanken - dem Land und den Kommunen enorme Summen aus Mehrwert- und Gewerbesteuer entgingen.

Wie zwingend ist der Verkauf überhaupt? Am Montag wurde bekannt, dass der zuvor als unausweichlich dargestellte Verkauf der Kunstsammlung der WestLB abgewendet werden konnte. Ein Experte, der die WDR-Sammlung gesichtet hat, riet dringend, auch die mit Gebühren finanzierte Kunst der Öffentlichkeit - also einem Museum -, zu stiften. Und Walter Vitt, der zuletzt für die Ankäufe zuständig war, sagt, er habe versucht, den Intendanten Tom Buhrow für diese Lösung zu gewinnen. Der opfere nun das Image der Kultur-Institution WDR ganz ohne Not. Bedauerlich: Die Kollektion hätte zum Denkmal einer Epoche getaugt, in der es Redaktionen und Behörden als förderlich empfanden, in der Atmosphäre zeitgenössischer Kunst zu arbeiten.