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Kommentar:Der Spuk ist nicht vorbei

Kinos und Museen öffnen wieder, Theater und Opern haben erste große Premieren. War's das also mit dem Lockdown? Über ein paar unbequeme Wahrheiten und paar wunderbare Gewohnheiten, die sich dem Virus verdanken.

Der Spuk, der die Welt aus den Angeln hob, ist zu Ende. Also befiehlt der Elfenkönig Oberon, dem Hobbyschauspieler Bottom den Eselskopf wieder abzunehmen, mit dem er durch den Welt geisterte und die Elfenkönigin betörte. William Shakespeares Bottom erwacht nach seinem Mittsommernachtsalbtraum noch ganz in der Illusion seines nahenden Schauspielerruhms gefangen, genauso wie an diesem Wochenende die ersten Konzertsäle, Ballettsäle, Sprechtheater und Opernhäuser wiedererwachen nach der seuchenbedingten Frühjahrsagonie, die die Livekunstwelt für Monate zum Stillstand gebracht hat.

Wie Bottom reiben sich jetzt die von den oft überraschend ermöglichten Öffnungen überrumpelten Zuschauer und Künstler verwundert die Augen: War da was? Und wenn ja, was war da? Die Versuchung, den Albtraum möglichst schnell zu vergessen und zur gewohnten Bühnenbretterwirklichkeit zurückzukehren, ist übermächtig. Das lange auf Kunstentzug gesetzte Publikum will bespielt werden, und die Künstler wollen wieder spielen. Auch aus wirtschaftlichen Gründen, denn die Mehrheit der Künstler wurde in den vergangenen Wochen an den Rand der Armut und oft darüber hinaus gedrängt.

Doch der Spuk ist nicht zu Ende. Das merkt derzeit jeder Zuschauer, wenn Säle oft nur zu einem Viertel belegt sein dürfen und das Publikum manchmal schon eine Stunde vor Beginn erscheinen muss. Bottom wird seine Maske, der Eselskopf, genommen. Die Zuschauer aber müssen mit Maske erscheinen, manchmal müssen sie sogar mit Maske im Zuschauerraum sitzen. Mit jener Maske, die zum zunehmend belasteten Symbol der Seuche geworden ist, während diese aus den Medien allmählich verschwindet. Wer mit Maske in einem Museum war, weiß, wie die von der Kunst ablenkt und wie gern er plötzlich ein Museum verlässt, nur um sich die Maske vom Gesicht zu reißen. Freiheit gehört zur Kunst, die Maske aber macht sie zu einer Eselei.

Die Seuche schenkte die Zeit, Kunst völlig ernst zu nehmen

Hat der Spuk etwas Gutes gebracht? Ja. Plötzlich war da die Zeit, nicht von einem Kunstevent zum nächsten hetzen zu müssen. Die Zeit zu verweilen. Die Zeit etwa, endlich einmal einen so visionären wie jubelnd hermetischen Text wie Arthur Rimbauds "Illuminations" immer wieder zu lesen, einen Text, in dem Bottom ein magisch leuchtendes Denkmal gesetzt wird. Oder die Zeit, um verblüfft zu entdecken, dass Voltaires zynischer Kurzroman "Candide" eng mit dem "Sommernachtstraum" von Shakespeare zusammenhängt. Die Seuche schenkte die Zeit, Kunst völlig ernst zu nehmen, ihr Zeit zu geben. Und dabei zu entdecken, warum sie manchen Menschen genauso wichtig und notwendig scheinen kann wie essen und trinken.

Jetzt aber wird die Zeit wieder verknappt, und es geht unweigerlich zurück in die, so Voltaire, "beste aller möglichen Welten", in der zumindest in den Wohlstandsnationen bald wieder jeden Tag Kino, Konzert, Theater geboten wird. Es ist aber auch eine Welt, die Seuche hat es gelehrt, in der viele Künstler schon unter den einstigen Normalwohlstandsbedingungen nur prekäre Existenzen führen konnten. Dahin geht es jetzt unter wirtschaftlich verschärften Bedingungen zurück. Immer vorausgesetzt, die Seuche kehrt nicht noch einmal mit all ihrer Kraft zurück.

Im höhnisch hilflosen Happy End des "Candide" ist die Lage genauso. Verbessert hat sich auch dort die Welt nicht. Das Schweigen ist der einzige Ausweg: "Lasst uns arbeiten, ohne zu philosophieren. Das ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu gestalten." Bottom hat das 150 Jahre früher genauso gesehen: "Der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich dranmacht, diesen Traum zu deuten."

© SZ vom 06.06.2020

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